Im Jahr 1895, als die Stimmenanteile der SPD im Kaiserreich stetig wuchsen, sah Friedrich Engels einen unaufhaltsamen »Naturprozess« am Werk: »Geht das so voran, so erobern wir bis Ende des Jahrhunderts den größeren Teil der Mittelschichten der Gesellschaft, Kleinbürger wie Kleinbauern, und wachsen aus zu der entscheidenden Macht im Lande, vor der alle andern Mächte sich beugen müssen, sie mögen wollen oder nicht.«
Er irrte sich, wie wir heute wissen, gewaltig. Aber er erkannte schon damals, dass das Wachstum des Proletariats für das Erzielen demokratischer Mehrheiten nicht ausreichen würde. Um Wahlen zu gewinnen und legislative und exekutive Handlungsmacht zu erlangen, war man auf Gruppen jenseits der eigenen Kernklientel angewiesen: auf die Bauern, vor allem aber auf die Mittelschichten. Die Marxisten von damals gingen davon aus, dass die Mittelschicht entweder durch ökonomische Krisen ins Proletariat übergehen oder sich ihm aus besserer Einsicht politisch anschliessen würde. Aber auch dies ist nicht geschehen. Trotz aller demographischen Veränderungen und programmatischen Anpassungen gelang es der Sozialdemokratie nie, eine absolute Mehrheit zu erringen.
Der Zug zur Mitte
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts änderten nicht nur die Sozialdemokraten, sondern alle weltanschaulichen Parteien ihre Strategie. Sie wurden zu sogenannten »Volksparteien«. Die Sozialdemokratie wurde damit zwar mehrheitsfähig, aber zu einem hohen Preis: Mit ihrer Öffnung für die Mittelschichten untergrub sie langfristig ihre eigene Klassenbasis. Der Typus der Volkspartei, der zur Mitte strebt, entstand mit der CDU gleichermaßen auch im rechten Lager.