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Putins autoritärer Neoliberalismus stößt an seine Grenzen

Ukrainische Angriffe auf die Ölinfrastruktur und auf Online-Händler sorgen dafür, dass die russische Mittelschicht ihr »Normalitätsgefühl« inmitten des Krieges verliert. Wenn nun auch noch die Wehrpflicht verschärft wird, könnte das System einen Kippunkt erreichen.

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Putins autoritärer Neoliberalismus stößt an seine Grenzen
Der russische Präsident Wladimir Putin trifft sich mit Mitgliedern des Sicherheitsrates im Kreml in Moskau, 14. August 2026. IMAGO / SNA

Während russische Streitkräfte weiterhin jede Nacht ukrainische Städte mit Langstreckenraketen angreifen – wobei seit der Kürzung der US-Militärhilfe für Kiew immer mehr Zivilisten ums Leben kommen –, hat auch die Ukraine in diesem Jahr ihre Raketenoffensiven gegen Russland eskaliert. Drohnen nehmen dabei zwei Arten von Infrastruktur ins Visier, die für ein »Normalitätsgefühl« innerhalb der russischen Bevölkerung von Bedeutung sind: Einerseits die Logistikzentren von Wildberries, einem Online-Marktplatz nach Amazon-Vorbild und Russlands größtes Warenvertriebsnetz. Andererseits – und möglicherweise noch wichtiger – wurden Benzin- und Dieselraffinerien getroffen. Letztere scheinen relativ leichte Ziele und insgesamt ein Schwachpunkt in der russischen Kriegswirtschaft zu sein.

Die Reaktionen in der russischen Gesellschaft auf diese Angriffe sind entscheidend für die Chancen des Kremls, die Kriegsanstrengungen aufrechtzuerhalten. Es erscheint zunehmend wahrscheinlich, dass die Führung in Moskau nach den nächsten gefälschten Parlamentswahlen im September erneut versuchen wird, eine obligatorische Mobilmachung durchzudrücken. Ähnliches wurde Ende 2022 kurzzeitig erprobt, erwies sich jedoch bald als politischer Fehlschlag und wurde zugunsten von Zahlungen an Söldnertruppen aufgegeben. Dieser letztere Ansatz scheint nun jedoch seinerseits an sein Limit zu kommen: Die Reserven an potenziellen Rekruten sowohl unter ethnischen Minderheiten als auch unter Menschen in abgehängten Regionen des Landes scheinen bald ausgeschöpft zu sein.

»Die Invasion der Ukraine ist keine Abweichung von der Normalität des Putinismus, sondern vielmehr der morbide Höhepunkt einer sozioökonomischen Krise, die der autoritär-neoliberalen Regierungsführung des Kremls innewohnt.«

Es herrscht zunehmende Ermüdung und Unzufriedenheit angesichts der enormen menschlichen Kosten des Krieges und seiner verheerenden Auswirkungen auf die Wirtschaft. Die gravierenden demografischen Effekte sind schon schlimm genug – doch die Wiederbelebung des politisch tabuisierten Themas Wehrpflicht dürfte, wenn schon keine offene politische Krise, so doch zumindest eine angespanntere Atmosphäre der Angst und der Sehnsucht nach Veränderung hervorrufen. Wie sich diese politische Situation konkret gestalten und auswirken wird, wissen wir freilich noch nicht. Sie könnte »heiß« und brisant werden wie die schmerzhaften Massenmobilisierungen Ende der 1980er bis Anfang der 1990er Jahre. Oder aber sie könnte sich – wie es oft für die Zivilgesellschaft im Hinterland war, die Ende der 2000er Jahre tapfer dem Abgleiten in die Autokratie widerstand – so anfühlen, als würde man durch Sand waten, während man von einer unerbittlichen Horde an Gegnern verfolgt wird.