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24. Juli 2026

Die Türkei baut ihr blaues Imperium

Mit dem Gesetz zum »Blauen Vaterland« will Ankara Gebietsansprüche in der Ägäis und im Mittelmeer festschreiben. Das ist kein Bruch mit dem Westen, sondern der Griff einer aufstrebenden Regionalmacht nach eigenen Einflusszonen.

Recep Tayyip Erdogan bei einem Empfang im Bundeskanzleramt, 17. November 2023.

Recep Tayyip Erdogan bei einem Empfang im Bundeskanzleramt, 17. November 2023.

IMAGO / Bernd Elmenthaler

Insbesondere seit der russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022 wird klar: Eine Imperialismusanalyse auf Höhe der Zeit muss die Tendenz zur Multipolarität in der aktuellen Weltordnung anerkennen. Die große Blockkonfrontation des Kalten Krieges wird abgelöst durch neue Akteure auf dem Weltmarkt, die ihre Interessen zunehmend unabhängig ausüben. Gleichzeitig darf sie sich nicht der Illusion hingeben, man könne im Windschatten aufstrebender kapitalistischer Staaten mit imperialistischen Ambitionen als Bewegung progressive Kämpfe führen. Russland, China und weitere Länder gehen zunehmend dazu über, eigenständiger in ihren jeweiligen Regionen und darüber hinaus imperialistische Dominanz auszuüben; in einer Welt, in der die USA tendenziell ihre exklusive Rolle als unanfechtbarer Welthegemon verlieren.

Ein Staat, der deutlich in dieser Reihe mitgenannt werden muss, ist die Türkische Republik. Geboren aus den Überresten des Osmanischen Reiches und früh als antikommunistischer Frontstaat der NATO im Kalten Krieg aufgebaut, bringt die heutige Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdogan den Willen und die Fähigkeiten mit, als imperialistischer Akteur in der Region aufzutreten. Für ein Verständnis des modernen türkischen Imperialismus im östlichen Mittelmeer ist es unerlässlich, sich mit der Doktrin des »Blauen Vaterlandes« und ideologischen Erzählungen im Rahmen des »Neo-Osmanismus« der aktuellen Erdogan-Ära zu befassen.

»Der gescheiterte Putschversuch im Sommer 2016 gilt als Wendepunkt in der jüngeren türkischen Geschichte. Seitdem geht die Regierung noch repressiver gegen innere Feinde vor und schlägt einen aggressiveren Kurs ein.«

Insgesamt erscheint die Türkei heute nicht mehr lediglich als abhängiger NATO-Vorposten des westlichen Imperialismus, sondern als eine Macht, die versucht, innerhalb der imperialistischen Weltordnung eigene Einflusssphären zu schaffen. Die Türkei bleibt wirtschaftlich und militärisch eng mit dem westlichen Bündnissystem verflochten, verfolgt jedoch zugleich eigene Expansionsbestrebungen in Syrien, Irak, Libyen, dem östlichen Mittelmeer, dem Südkaukasus und Teilen Afrikas.

Blaues Vaterland

Mitte Mai 2026 vermeldeten griechische, zypriotische und türkische Medien, dass die Türkei ein neues Gesetz unter dem Titel »Mavi Vatan«, türkisch für »Blaues Vaterland«, auf den Weg bringen will, das territoriale Ansprüche des Staates neu definieren soll. Der Begriff kursiert als politisches Schlagwort schon seit den 2010er Jahren und kommt aus türkischen Militärkreisen, vor allem aus der Marine. Mit dem blauen Vaterland sind die Meere und Inseln rund um die türkische Küste gemeint: die Ägäis, das östliche Mittelmeer und das Schwarze Meer.

Erste Publikationen von türkischen Admirälen arbeiteten hierzu eine geostrategische Doktrin aus, nach der die Türkische Republik einen Anspruch darauf hat, die erweiterte Region des »Mavi Vatan« als Seemacht zu dominieren. Nachdem das Konzept lange als randständige Idee nur wenig Beachtung fand, nahm sich die Erdogan-Regierung nach 2016 dem Gedanken an. Der gescheiterte Putschversuch im Sommer 2016 gilt als Wendepunkt in der jüngeren türkischen Geschichte. Seitdem geht die Regierung noch repressiver gegen innere Feinde vor und schlägt einen aggressiveren Kurs ein.

Auch das Vokabular rund um die Doktrin des Blauen Vaterlandes taucht seither vermehrt in der staatlichen Propaganda auf. Seit 2019 wird außerdem jährlich unter der Bezeichnung »Mavi Vatan« bzw. »Blue Homeland« eine breit angelegte Marineübung vor den Küsten der Türkei abgehalten. Ebenfalls in das Jahr 2019 fiel ein Abkommen mit einer der miteinander konkurrierenden Regierungen in Libyen mit Sitz in Tripoli. Seit dem Bürgerkrieg in dem Land an der afrikanischen Mittelmeerküste und dem Sturz des langjährigen Machthabers Gaddafi gibt es in Libyen noch immer keine stabile und anerkannte Zentralregierung. Die »Regierung der Nationalen Übereinkunft«, die im Bürgerkrieg türkische Militärhilfe erhielt, einigte sich mit der Türkei auf eine gemeinsame exklusive Wirtschaftszone im Mittelmeer. Das Abkommen gilt als einer der bisher weitreichendsten praktischen Schritte im Rahmen der Doktrin.

»Die moderne türkische Republik wurde bereits als Projekt eines ausgeprägten Nationalismus begründet, das sich mit dem Imperialismus als Weltsystem arrangieren und darin integrieren will.«

Das aktuell angekündigte Gesetz soll die propagierten Gebietsansprüche nun in türkische Gesetzgebung überführen, was insbesondere die EU-Länder Griechenland und Zypern Alarm schlagen lässt. Die aktuelle Gesetzeslage ist von einigen Unklarheiten geprägt. Die Türkei ist eines der wenigen Länder, die das UN-Seerechtsübereinkommen nie unterzeichnet haben, weshalb es immer wieder Spannungen mit Griechenland über den Status einiger Ägäisinseln gab.

Die Ankündigung eines türkischen Gesetzes wurde so interpretiert, dass die Türkei eine Auflösung der völkerrechtlich unklaren Situation zu Gunsten ihrer Großmachtbestrebungen durchdrücken will. Die fraglichen Regionen haben zentrale Bedeutung, weil sich dort wichtige Handelsrouten, strategisch positionierte Inseln, aber auch Erdgasvorkommen und Fischereigebiete befinden. Für das türkische Kapital sind diese Stellungen wichtig, um die natürlichen Ressourcen wie auch den Warenverkehr zu kontrollieren und seine militärische Präsenz im Mittelmeer weiter zu behaupten. Insbesondere in den letzten Jahren neu erschlossene Gasfelder und dazugehörige Pipeline-Infrastrukturen, von denen einige auch durch Israel kontrolliert werden, spielen hierbei eine herausragende Rolle.

Historische Voraussetzungen

Lokale Medien berichten, dass das türkische Parlament das »Mavi Vatan« Gesetz im Herbst dieses Jahres verabschieden könnte. Es wäre der jüngste Schritt des türkischen Staates, der einen selbstbewussteren und offensiveren Umgang mit den eigenen imperialistischen Interessen anzeigen würde. Dabei wurde die moderne türkische Republik bereits als Projekt eines ausgeprägten Nationalismus begründet, das sich mit dem Imperialismus als Weltsystem arrangieren und darin integrieren will.

Unter Mustafa Kemal – genannt Atatürk – hat sich die Türkische Nationalbewegung, die im osmanischen Militär wurzelte, zum Ende des Ersten Weltkrieges einer antiimperialistischen Rhetorik bedient. Auf dem Programm stand, aus den verbliebenen Gebieten des im Krieg geschlagenen Osmanischen Reiches einen modernen türkischen Nationalstaat zu formen und diesen gegen die imperialistischen Siegermächte England und Frankreich zu behaupten.

Im Rahmen des »Sykes-Picot-Abkommens« – benannt nach den britischen und französischen Diplomaten Mark Sykes und Francois Georges-Picot – wurden die arabischen Provinzen und ein Teil der kurdischen Gebiete des osmanischen Reiches in Einflusszonen Großbritanniens und Frankreichs zerteilt. Das Vorhaben, den Rumpfstaat in Anatolien und Nordkurdistan so einem Zugriff zu entziehen, konnte zwar realisiert werden – die Türkei blieb unabhängig und das Reich wurde in eine Republik überführt – gleichzeitig zeigten sich neue Widersprüche.

Früh und deutlich zeigte sich der bürgerliche Charakter von Atatürks türkischer Republik darin, dass der modernistische türkische Nationalismus des Kemalismus eine massive ethnische Homogenisierung und aggressive Assimilierungspolitik betrieb. In diesem Zusammenhang entstand in der revolutionären und linken Bewegung der 68er die Analyse, bei den kurdischen Gebieten im Osten der heutigen Türkei handele es sich um eine »innere Kolonie«, in der eine stetige kulturelle Unterdrückung aber auch ökonomische Ausbeutung besteht.

»Atatürks Bewegung hatte kein grundsätzliches Problem mit dem kapitalistischen Weltsystem, sondern lediglich mit der direkten Kontrolle durch die Siegermächte.«

Dennoch blieb die Türkei und ihre herrschende Klasse über Jahrzehnte über Abhängigkeitsverhältnisse mit den größeren imperialistischen Playern verbunden. Der türkische Befreiungskrieg unter Mustafa Kemal glich in seiner Ambivalenz einer Vielzahl früher Nationalbewegungen, die sich nach dem Ersten Weltkrieg das neu definierte »Selbstbestimmungsrecht der Völker« auf die Fahnen schrieben. Er war kein genuin antiimperialistischer Kampf, sondern vor allem ein Kampf gegen Besatzung und Aufteilung des Landes durch die Siegermächte des Ersten Weltkrieges. Atatürks Bewegung hatte kein grundsätzliches Problem mit dem kapitalistischen Weltsystem, sondern lediglich mit der direkten Kontrolle durch die Siegermächte. Sie konnte sich deshalb in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nahtlos in den westlichen Block integrieren.

Die Türkei erhielt bereits ab 1947 im Rahmen der Truman-Doktrin umfangreiche amerikanische Militär- und Wirtschaftshilfen, um eine sowjetische Ausweitung des Einflusses im östlichen Mittelmeer zu verhindern. 1950 beteiligte sich das türkische Militär am Koreakrieg auf Seiten des Westens. 1952 folgte dann der Beitritt zur NATO, mit dem die Türkei zu einem Vorposten gegen die Sowjetunion wurde. Die Türkei besitzt heute die zweitgrößte NATO-Armee nach den USA und beherbergt zwei wichtige NATO-Luftwaffenstützpunkte in Incirlik und Konya. Die militärischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Strukturen sind deshalb auch heute noch eng in das westliche Bündnissystem integriert.

Die türkische Bourgeoisie und Staatsbürokratie erhielten umfangreiche militärische und finanzielle Unterstützung, während die Türkei zugleich im Verhältnis struktureller Abhängigkeit, insbesondere zu den Vereinigten Staaten, eingebunden blieb. Die Militärputsche von 1960, 1971, 1980 und 1997 zeigten erneut die internationale Einbindung und den Klassencharakter des türkischen Staates. Obwohl die Putsche unterschiedliche politische Ausgangsbedingungen und Folgen hatten, dienten sie letztlich dazu, die bestehende gesellschaftliche Ordnung gegen soziale Erschütterungen zu stabilisieren. Vor allem der Putsch vom 12. September 1980 war ein Eingriff, der die Arbeiterbewegung, die revolutionäre Linke und die kurdische Opposition zerschlagen sollte. Um den neoliberalen Umbau der Wirtschaft unter den Bedingungen des Kalten Krieges durchzusetzen, sollten die Kräfte zerstört werden, die diesen bedrohten.

Der Neo-Osmanismus der AKP

Mit der Aufstandswelle in den arabischen Ländern im Rahmen des sogenannten »Arabischen Frühling« ab 2011 begann der türkische Staat unter der AKP-Regierung, deutlich offensiver als regionale Macht aufzutreten. Ideologisch machte Erdogan verstärkt von idealisierenden Erzählungen über das Osmanische Reich Gebrauch. Vor der Abschaffung des Kalifats der osmanischen Dynastie und der Schaffung der Republik war ein großer Teil der muslimischen Welt in Westasien und Nordafrika zeitweilig unter einer Herrschaft vereint: von Sarajevo bis Aden, von Algier bis Mosul. Mit der salbungsvollen neo-osmanischen Nostalgie wird implizit ein Anspruch darauf angemeldet, die »verlorenen« Gebiete wieder zu dominieren.

Während die türkische Außenpolitik während des Kalten Krieges vor allem durch ihre strategische Rolle an der Südflanke der NATO geprägt war, entwickelte sich nun ein eigenständigeres imperialistisches Machtstreben. Die Führung in Ankara betrachtete die Umbrüche in der arabischen Welt als historische Gelegenheit, ihren politischen, wirtschaftlichen und militärischen Einfluss von Nordafrika bis zum Persischen Golf auszudehnen. In Syrien unterstützte die Türkei schon früh verschiedene oppositionelle Kräfte gegen das Assad-Regime, darunter auch solche, die ideologisch islamisch-fundamentalistisch oder neo-osmanisch ausgerichtet sind.

»Die türkische Militärbesatzung in Nordsyrien hat auch zum Ziel, wirtschaftliche Ressourcen und Handelskorridore unter ihre Kontrolle zu bringen und damit das Einflussgebiet des türkischen Kapitals zu vergrößern.«

Die im Norden Syriens entstandene Selbstverwaltung von Rojava unter kurdischer Führung stellte dabei eine besondere Herausforderung für den türkischen Staat dar. Sie hatte das Potential, als Rückzugsregion und als Ressource für revolutionäre Kräfte im kurdischen Osten der Türkei zu fungieren.

Die türkische Militärbesatzung in Nordsyrien hat auch zum Ziel, wirtschaftliche Ressourcen und Handelskorridore unter ihre Kontrolle zu bringen und damit das Einflussgebiet des türkischen Kapitals zu vergrößern. Immer wieder wurden Vorwürfe erhoben, dass etwa aus den besetzten kurdischen Gebieten um Afrin Olivenöl und landwirtschaftliche Produkte in großem Umfang in die türkische Wirtschaft integriert oder über türkische Handelskanäle exportiert wurden.

Ähnliches gilt für die Kontrolle von Grenzübergängen, Verkehrswegen und wirtschaftlichen Netzwerken. Darüber hinaus spielen die Erdölvorkommen im Nordosten Syriens sowie die Kontrolle strategischer Verbindungsrouten zwischen Mesopotamien und dem Mittelmeer eine wichtige Rolle. Ab 2016 hat die türkische Armee mehrere Invasionen in Nordsyrien gestartet und Gebiete entlang der Grenze militärisch besetzt. Bis heute mit einer neuen syrischen Regierung, die Ankara gegenüber in einer gewissen Abhängigkeit steht, ist das türkische Militär dort präsent.

Parallel dazu entwickelte die Türkei neue Instrumente ihrer Machtprojektion. Eine wichtige Rolle spielt dabei das private Sicherheits- und Militärunternehmen SADAT. Das wurde von ehemaligen Offizieren gegründet und wird häufig als türkisches Pendant zu privaten Militärunternehmen wie der russischen Wagner-Gruppe oder der US-amerikanischen Söldnerfirma Academi (ehemals »Blackwater«) beschrieben. SADAT bietet militärische Ausbildung, Logistik und Rekrutierungsnetzwerke für türkische Operationen in Syrien, Libyen und anderen Konfliktgebieten an. In diesem Sinne fungiert SADAT als flexibles Werkzeug türkischer Außenpolitik außerhalb der formalen staatlichen Streitkräfte.

Militärisch stützt sich der neue imperialistische Anspruch auf den rasanten Ausbau der türkischen Rüstungsindustrie. Besonders die bewaffneten Drohnen vom Typ Bayraktar TB2 und Akıncı wurden zu Symbolen türkischer Machtprojektion. Ihr Einsatz in Syrien, Libyen, Bergkarabach und anderen Konfliktregionen ermöglichte es Ankara, militärischen Einfluss mit vergleichsweise geringen eigenen Verlusten auszuüben. Zugleich investiert die Türkei massiv in Raketenprogramme, Marschflugkörper und ballistische Langstreckenwaffen. Projekte wie der Raketentyp »Tayfun« sollen die Fähigkeit schaffen, Ziele weit über die unmittelbare Nachbarschaft hinaus erreichen zu können und damit den Anspruch einer eigenständig agierenden Regionalmacht militärisch zu unterfüttern.

»In Syrien hat sich bisher am deutlichsten gezeigt, dass türkische und israelische Regionalinteressen im direkten Konflikt zueinanderstehen.«

Darin zeigt sich eine typische Entwicklung für das »Multipolare Zeitalter«, das neue Konfliktpotentiale zwischen aufstrebenden Ländern mit sich bringt. Das Verhältnis zwischen der Türkei und Israel etwa gilt seit Jahren als angespannt. Die beiden Staaten sind nicht nur historisch eng mit dem NATO-Block verbunden, sondern unterhalten auch enge wirtschaftliche Verflechtungen miteinander – aller pro-palästinensischen Rhetorik der AKP-Regierung zum Trotz. In Syrien hat sich bisher am deutlichsten gezeigt, dass türkische und israelische Regionalinteressen im direkten Konflikt zueinanderstehen. Während die Türkei enge Beziehungen zur neuen Regierung des ehemaligen al-Qaida Führers al-Sharaa pflegt und bestrebt ist, politisch stabile Verhältnisse an der eigenen Grenze herzustellen ohne die für Erdogan lästigen kurdischen Autonomiegebiete, will Israel eher auf eine Fragmentierung Syriens hinwirken und das Land destabilisieren.

Und selbst in dieser Lage zeigte sich die noch bestehende Bindung an das gleiche imperialistische Lager, das einen Ausgleich zwischen den Interessen ermöglichte. Als im Januar 2026 die syrische Übergangsregierung dazu überging, die Selbstverwaltung von Rojava aus weiten Teilen Nordost Syriens zu vertreiben, soll auch Israel bei einer Konferenz unter Teilnahme der Türkei und der USA in Paris dafür seine Zustimmung gegeben haben.

Eine Zugverbindung nach Saudi-Arabien

Im Zuge der Annäherung zwischen der Türkei und Saudi-Arabien wurden zudem Möglichkeiten einer Zusammenarbeit bei regionalen Verkehrs- und Infrastrukturprojekten erörtert, darunter die Reaktivierung historischer Bahnverbindungen der »Hejaz Bahn« aus osmanischer Zeit. Ein solches Projekt würde die Türkei stärker mit der Arabischen Halbinsel vernetzen, ihren Einfluss auf zentrale Handels- und Transportkorridore ausbauen und an die osmanische Präsenz in der Region anknüpfen.

Eine türkisch-arabische Infrastrukturachse würde als Gegenmodell zu den von Israel, den USA und mehreren arabischen Staaten vorangetriebenen Verkehrs- und Handelsverbindungen verstanden werden – etwa dem India–Middle East–Europe Economic Corridor (IMEC), den Qualifying Industrial Zones (QIZ) in Ägypten und Jordanien oder Abkommen die im Rahmen der »Abraham Accords« mit arabischen Staaten geschlossen wurden. Während Israel seine Rolle als logistisches Bindeglied zwischen Europa und Asien ausbauen möchte, verfolgt die Türkei das Ziel, alternative Ost-West-Verbindungen über ihr eigenes Territorium und ihre Partnerstaaten zu etablieren und damit ihre Stellung als unverzichtbarer Transit- und Machtknoten zwischen Europa und der arabischen Welt zu festigen.

Die Türkei steht heute an einem strategischen Scheidepunkt. Sie ist weder ausschließlich abhängiger Teil westlicher Machtstrukturen noch bereits eine vollständig eigenständige Großmacht. Vielmehr bewegt sie sich in einem Spannungsfeld zwischen Integration und Eigenständigkeit, zwischen Bündnistreue und regionalem Machtanspruch.

»Was sich ideologisch als Doktrin vom »Blauen Vaterland« oder als Neo-Osmanismus ausdrückt, ist das Klasseninteresse der türkischen Bourgeoisie.«

Im Kontext einer zunehmend multipolaren Weltordnung deutet vieles darauf hin, dass Ankara diesen eigenständigen Kurs weiter ausbauen wird. Die Auseinandersetzungen im östlichen Mittelmeer, in Syrien oder im Südkaukasus sind dabei keine isolierten Krisen, sondern Ausdruck einer umfassenderen geopolitischen Neuordnung. Sie sind Ausdruck davon, dass das türkische Kapital über seine nationalen Grenzen hinausdrängt, um diese Regionen ökonomisch zu durchdringen und auszubeuten.

Was sich ideologisch als Doktrin vom »Blauen Vaterland« oder als Neo-Osmanismus ausdrückt, ist das Klasseninteresse der türkischen Bourgeoisie; politisch vertreten von Erdogan und der AKP und militärisch durchgesetzt durch türkische Truppen und Drohnentechnologie. Atatürk schuf die moderne Türkei auf kapitalistischer Grundlage, womit der Klassencharakter des neuen Staates festgelegt war. Dieser Charakter äußert sich heute als aufstrebender türkischer Imperialismus, der Ressourcen, Handelswege und politische Akteure des östlichen Mittelmeers, Westasiens und Nordafrikas kontrollieren und sie für sein nationales Kapital nutzbar machen will.

Ob es der Türkei gelingt, ihre Ambitionen dauerhaft zu stabilisieren, wird nicht zuletzt davon abhängen, wie sich ihre wirtschaftliche Basis entwickelt und wie weit sie bereit ist, die Risiken einer konfrontativeren Außenpolitik zu tragen.

Salim Nasereddeen ist freischaffender Journalist aus Berlin mit palästinensisch-jordanischen Wurzeln. Er schreibt unter anderem für ND, junge Welt und Perspektive Online.