ABO
Das Online-Magazin von JACOBIN Deutschland

12. Juni 2026

Israel wiederholt seine Gaza-Strategie im Libanon

Im Südlibanon wendet Israel dieselbe Strategie an wie im Gazastreifen und im Westjordanland: Indem es die Bevölkerung zur »Evakuierung« auffordert und zivile Gebäude zerstört, will es den Menschen eine Rückkehr für immer unmöglich machen.

Auch der südlibanesische Ort Maarakah ist das Ziel israelischer Angriffe geworden.

Auch der südlibanesische Ort Maarakah ist das Ziel israelischer Angriffe geworden.

IMAGO / ZUMA Press Wire

1895 notierte Theodor Herzl in sein Tagebuch, die bettelarme Bevölkerung Palästinas müsse diskret und vorsichtig »über die Grenze gebracht« werden. 1948 war diese Vision handfeste Politik geworden: Im Zuge der Nakba wurden etwa 750.000 Palästinenserinnen und Palästinenser gewaltsam vertrieben, ihr Land vom neu gegründeten Staat Israel annektiert. Im Jahr 1967 folgte die Naksa. 1978, 1982, 1993, 1996 und 2006 traf es den Südlibanon. Jedes Mal sprach die Welt von einer »Krise«; jedes Mal handelte es sich um eine bewusste Strategie Israels.

Seit Beginn des jüngsten israelischen Angriffs auf den Libanon am 2. März wurden mehr als 1,3 Millionen Menschen – fast ein Viertel der libanesischen Bevölkerung – in die Flucht getrieben. Mehr als 300.000 von ihnen sind Kinder. Laut UNICEF wurden allein in den ersten Wochen des Angriffs jeden Tag mindestens 19.000 Mädchen und Jungen aus ihren Häusern vertrieben. Mehr als 3.400 Menschen wurden getötet und über 10.000 verwundet.

Die Opferzahlen stiegen dramatisch an, als Israel seine Operation Ewige Dunkelheit startete: Bei 100 Angriffen im ganzen Land innerhalb von nur zehn Minuten wurden mindestens 357 Menschen getötet und über 1.200 verwundet. Es ist anzunehmen, dass noch mehr Menschen unter Trümmern begraben sind. Mindestens neun Brücken über den Fluss Litani wurden getroffen, sieben zerstört. 55 medizinische Grundversorgungszentren und Krankenhäuser mussten geschlossen werden. Treibstoffdepots, Wasserstationen und Schulen wurden ins Visier genommen. Es findet eine systematische Trennung des Südens vom Rest des Libanon statt; zehntausende Menschen sind von humanitärer Hilfe abgeschnitten.

»Vertreibung ist kein Nebenprodukt dieses Krieges. Sie ist das Ziel.«

Israels Verteidigungsminister Israel Katz bezeichnete das Vorgehen ausdrücklich als das »Beit-Hanoun- und Rafah-Modell« und spielte damit auf die anhaltende Zerstörung des Gazastreifens an. Das zeigt: Hier handelt es sich nicht um ungewollte Kollateralschäden, sondern um geplante Aktionen nach einem erprobten Drehbuch. Israels Führung versucht nicht einmal mehr, das zu verschleiern. Und es geht immer weiter: Am 1. Juni griffen israelische Streitkräfte Tyrus an – die antike Hafenstadt und UNESCO-Weltkulturerbestätte – und lösten damit eine erneute Massenflucht in Richtung Norden aus. Ein Waffenstillstand, der um 45 Tage verlängert wurde und derzeit in Washington neu verhandelt wird, hat praktisch nichts bewirkt.

Was sich heute im Libanon abspielt, ist weder neu noch eine Eskalation, sondern vielmehr eine Kontinuität vergangener Offensiven. Vertreibung ist kein Nebenprodukt dieses Krieges. Sie ist das Ziel. Um zu verstehen, was heute im Libanon vorgeht, müssen wir Gaza verstehen. Und um Gaza zu verstehen, müssen wir weiter in der Geschichte zurückgehen.

Ein aus Gaza bekanntes Vorgehen

Vertreibung ist seit 1948 ein bewusst eingesetztes Instrument der israelischen Machtausübung. Der Historiker Patrick Wolfe bringt es auf den Punkt: »Die Siedler kommen, um zu bleiben: Invasion ist eine Struktur, kein einzelnes Vorkommnis.« Die Vertreibung anderer Menschen sei ein »Organisationsprinzip der Siedlerkolonialgesellschaft und kein einmaliges Ereignis«. Sie werde vorangetrieben per Annexion von Land, Umbenennung von Orten, Abriss von Gebäuden und Auslöschung des historischen Erbes – alles mit dem Ziel, eine neue Zivilisation auf enteignetem Boden aufzubauen. Wolfe fasst zusammen: »Der Siedlerkolonialismus zerstört, um zu ersetzen.«

Nach den Angriffen vom 7. Oktober 2023 hat der israelische Staat mit seinen Militäroperationen im Gazastreifen dafür gesorgt, dass fast die gesamte Bevölkerung zu Binnenflüchtlingen wurde. Bis Anfang 2024 waren mehr als 25.000 Tonnen Sprengstoff auf Gaza abgeworfen worden – eine Menge, die laut den Vereinten Nationen der Sprengkraft von zwei Atombomben entspricht. Im April 2024 wurde bereits die Schwelle von 70.000 Tonnen überschritten. Das ist mehr als die Gesamtmenge an Sprengstoff, die während des Zweiten Weltkriegs auf Dresden, Hamburg und London fiel. Im Mai 2024 waren mehr als 90 Prozent der Bevölkerung Gazas, rund 1,9 Millionen Menschen, mindestens einmal vertrieben worden, viele aber mehrfach.

Als Beleg für sein angeblich humanitäres Vorgehen verweist der Staat Israel auf seine Evakuierungsbefehle. Diese wurden per Flugblatt, SMS, QR-Code und Radiosendungen verbreitet und vor dem Internationalen Gerichtshof wiederholt als Beweis dafür angeführt, dass das israelische Militär die Zivilbevölkerung schütze. In Wirklichkeit werden mit den Befehlen ganze Stadtteile angewiesen, innerhalb unmöglich kurzer Zeiträume den Ort zu verlassen und zu flüchten – oft in Gebiete ohne Nahrung, Wasser oder Unterkünfte, und nicht selten in Gebiete, die anschließend gezielt bombardiert werden.

»Der Libanon ist keine neue Front, sondern eine alte, die lediglich mit neuer Heftigkeit wiedereröffnet wurde. Denn die Menschen im Südlibanon sind bereits zuvor etliche Male vertrieben worden.«

Eine wichtige Untersuchung von Forensic Architecture zeigt, dass das israelische Evakuierungssystem keinerlei Sicherheit geschaffen hat, sondern vielmehr zu »Massenvertreibung und Zwangsumsiedlung« führt. Palästinensische Menschen wurden in den Korridoren, die Israels Militär als sicher ausgewiesen hatte, »bombardiert, beschossen, hingerichtet, verhaftet und gefoltert«. Viele Gebiete, in die die Menschen laut israelischer Anweisung fliehen sollten, seien unmittelbar nach ihrer Ankunft angegriffen worden. So warfen die israelischen Streitkräfte beispielsweise am 13. Juli 2024 acht 2.000-Pfund-Bomben auf die humanitäre Zone Al-Mawasi, die sie selbst eingerichtet hatten. Mindestens 90 Menschen wurden getötet, viele von ihnen verbrannten bei lebendigem Leib in ihren Zelten.

Die NGO Human Rights Watch kommt zu dem Schluss, die Evakuierungen kämen Zwangsumsiedlungen und somit Kriegsverbrechen gleich. Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem gelangt in ihrem Bericht mit dem Titel No Place Under Heaven zum selben Ergebnis und dokumentiert, dass Vertreibung ein zentrales Instrument des Angriffs auf Gaza war. Der Titel des Berichts geht auf eine Äußerung von Israels Finanzminister Bezalel Smotrich bei einer Sitzung des Sicherheitskabinetts im April 2024 zurück. Damals rief er offen zur »vollständigen Vernichtung« der Städte Gazas auf: »Ihr werdet die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel auslöschen. Es gibt keinen Platz [für sie] unter diesem Himmel.«

Der Verweis auf die Amalekiter – das Volk, das die Israeliten laut der hebräischen Bibel vollständig ausrotten sollten – war kein Zufall. Auch Benjamin Netanjahu hatte in den ersten Kriegstagen diesen Vergleich verwendet. Südafrika nahm den Slogan in seine Anklage vor dem Internationalen Gerichtshof als Beweis für die Absichten Israels zum Völkermord auf. Smotrich bezeichnete Gaza-Stadt zudem als »Immobilien-Goldgrube«. Der Minister weiter: »Die Zerstörung, also die erste Phase der Erneuerung, haben wir bereits vollzogen. Jetzt müssen wir bauen.« Unverblümter kann man den Willen zu Kolonialismus, Vertreibung und Enteignung kaum artikulieren.

Von der Westbank bis zum Libanon

Diese Logik findet über Gaza hinaus Anwendung. Seit Oktober 2023 beobachten und dokumentieren Wissenschaftlerinnen und Analysten eine »Gazafizierung« des Westjordanlands, sprich: eine Ausweitung der seit langem im Gazastreifen üblichen Praktiken der israelischen Regierung (militärische Belagerung, Luftangriffe, systematische Zerstörung ziviler Infrastruktur) auf die besetzten Gebiete. Bewaffnete Drohnen führen gezielte Tötungen durch, Kampfflugzeuge greifen dicht besiedelte Gebiete an, Häuser und Lebensräume werden zerstört.

2025 wurden im Westjordanland mehr als 40.000 Palästinenserinnen und Palästinenser zu Binnenflüchtlingen. Das ist die höchste Zahl an Vertreibungen seit 1967. Hochrangige israelische Minister haben offen für Annexion sowie eine »freiwillige Migration« palästinensischer Menschen geworben. Diverse Rechtswissenschaftler sehen darin eine beschönigende Umschreibung für ethnische Säuberungen. Führende zionistische Figuren diskutierten schon in den 1920er und 1930er Jahren explizit über einen Bevölkerungsaustausch und verwendeten dabei Begriffe wie »Transfer«, »Umsiedlung« und »freiwillige Migration«. Das gleiche Vokabular hören wir heute wieder.

»Die lokale Bevölkerung wird bewusst in eine prekäre Lage gebracht, in der sie sich nicht niederlassen, nicht wiederaufbauen und nicht für die Zukunft planen kann.«

Parallel zur Rhetorik hat die physische Gewalt israelischer Siedler stark zugenommen. Laut Daten, die gemeinsam von der israelischen Armee und dem Inlandsgeheimdienst Shin Bet erfasst wurden, stiegen die Angriffe von Siedlern im Jahr 2025 um 27 Prozent. Sogenannte schwere Angriffe – Schießereien, Brandstiftung und andere gewalttätige Übergriffe – nahmen um mehr als 50 Prozent zu. Verantworten muss sich dafür so gut wie niemand. Der Ausbau der Siedlungen hat ein beispielloses Ausmaß erreicht. Außenposten werden rückwirkend legalisiert, und der Bau von neuen Siedlungen tief im palästinensischen Gebiet schreitet unaufhörlich voran.

Der Libanon ist dabei keine neue Front, sondern eine alte, die lediglich mit neuer Heftigkeit wiedereröffnet wurde. Denn die Menschen im Südlibanon sind bereits zuvor etliche Male vertrieben worden: 1978, als Israel zum ersten Mal in das Land einmarschierte; 1982, als Beirut und palästinensische Geflüchtetenlager belagert wurden (was im Massaker von Sabra und Shatila gipfelte); 1993 während der sogenannten Operation Verantwortlichkeit; 1996 während der Operation Früchte des Zorns (die zum Massaker von Kana führte); und 2006, als fast eine Million Menschen fliehen mussten – und ein Großteil innerhalb weniger Wochen nach einem Waffenstillstand zurückkehrte. Genau diese Menschen und Gemeinschaften werden heute erneut von ihrem Land vertrieben.

Überall sehen wir dieselbe Struktur von Kontrolle und Macht, die nun in größerem Umfang angewendet wird. Evakuierungsbefehle wirken nach dem gleichen Muster wie in Gaza; zivile Infrastruktur wird gezielt zerstört, um eine Rückkehr der Menschen zu verhindern. So wird die lokale Bevölkerung bewusst in eine prekäre Lage gebracht, in der sie sich nicht niederlassen, nicht wiederaufbauen und nicht für die Zukunft planen kann. In diesem Sinne sind Gaza, das Westjordanland und der Libanon nicht als drei separate Krisen zu verstehen.

Hauptsache, keine Flüchtlinge

Wie reagiert die Weltgemeinschaft? Der Internationale Gerichtshof kam in seinem wegweisenden Gutachten vom 19. Juli 2024 zu dem Schluss, dass die Besetzung der palästinensischen Gebiete – des Westjordanlands, Ostjerusalems und des Gazastreifens – durch Israel nach internationalem Recht rechtswidrig ist und so schnell wie möglich beendet werden müsse. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass in Gaza ein ernstzunehmendes Risiko des Völkermords bestehe. Die UN-Generalversammlung hat sich dieser Sichtweise im September 2024 angeschlossen und Israel aufgefordert, seine rechtswidrige Präsenz in den entsprechenden Gebieten innerhalb von zwölf Monaten zu beenden. Israels Regierung hat beides ignoriert. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ist ohnehin handlungsunfähig: Die USA haben sieben Mal ihr Veto gegen Waffenstillstandsresolutionen eingelegt und jedes Mal als einziges Mitglied gegen Beschlüsse gestimmt, die von den 14 anderen Staaten im Rat unterstützt wurden.

Zeitgleich haben die USA Israel seit dem 7. Oktober 2023 laut dem Projekt Costs of War der Brown University mindestens 21,7 Milliarden Dollar an militärischer Unterstützung zur Verfügung gestellt. Es ist die höchste jemals verzeichnete jährliche Summe an Militärhilfe für Israel. Ebenso setzten mehrere europäische Staaten ihre Waffenlieferungen fort. Die Waffen, mit denen ganze Stadtteile in Gaza dem Erdboden gleichgemacht, Krankenhäuser bombardiert und Zivilisten in Zeltlagern lebendig verbrannt wurden, wurden zum großen Teil von ebenjenen Regierungen geliefert, die nun ihre Besorgnis über die humanitären Bedingungen im Libanon zum Ausdruck bringen.

Ich habe jahrelang zu Migration, Grenzen und Vertreibung im gesamten Mittelmeerraum geforscht. Seit März stellen mir Journalistinnen und Journalisten aus ganz Europa immer wieder dieselben Fragen: Stehen wir vor einer neuen Flüchtlingskrise? Sollte Europa sich Sorgen machen, dass wieder mehr Geflüchtete kommen?

Diese Fragen sind ein Offenbarungseid. Für die meisten Leute und Regierungen in Europa steht nicht im Vordergrund, was mit den Menschen im Libanon geschieht. Es geht vielmehr darum, wie man sie von Europa fernhält, wie man eine Wiederholung der Folgen des syrischen Bürgerkriegs und der sogenannten »Flüchtlingskrise« 2015 vermeiden kann. Während der Flächenbombardements auf Gaza ab Oktober 2023 war diese Sorge so gut wie nicht wahrnehmbar. Kein Wunder: Die Menschen hatten schlichtweg keine Fluchtmöglichkeit, sie waren im Gazastreifen gefangen.

»Die Vertreibung wurde deshalb zur Normalität, weil die internationale Gemeinschaft es vorgezogen hat, Migrationsströme zu regulieren statt nach Schuldigen und deren Rechenschaftspflicht zu suchen.«

Für einige europäische Regierungen kam selbst die Evakuierung schwer kranker oder verwundeter Kinder nicht in Frage. So weigerte sich die dänische Regierung trotz eines formellen Aufrufs der Weltgesundheitsorganisation an die EU-Mitgliedstaaten (und trotz der Evakuierung und Behandlung von über 200 ukrainischen Patienten), Kinder aus Gaza ins Land zu lassen. In einer schriftlichen Antwort an das Parlament wurden »Migrationsbedenken« offen als Grund angeführt. Im Vereinigten Königreich musste Premierminister Keir Starmer der Öffentlichkeit versichern, dass palästinensische Menschen im Rahmen eines Programms für Kriegsflüchtlinge in Großbritannien nicht willkommen seien.

All das zeigt: Europa macht sich erst dann Sorgen um Genozid und Vertreibung, wenn die Auswirkungen vor der eigenen Haustür spürbar werden könnten.

Im Mai 2024 sagte die Europäische Kommission dem Libanon eine Milliarde Euro Unterstützung für den Zeitraum bis 2027 zu. Das Paket umfasst Mittel für »Grenzmanagement« und Maßnahmen zur Bekämpfung des Menschenschmuggels. Tatsächlich waren die ersten 500 Millionen Euro ausdrücklich daran gebunden, dass irreguläre Seeüberquerungen nach Zypern verhindert und Rahmenbedingungen für eine »freiwillige Rückkehr« geflüchteter Menschen geschaffen werden. Der Libanon wird weniger als krisengeplagtes Aufnahmeland gelesen, sondern vielmehr als wichtiger Partner an vorderster Front in Europas Strategie zur Eindämmung von Migrationsströmen. So sieht die europäische Praxis der Externalisierung aus: Die Handhabung von Migration wird an Drittländer außerhalb Europas outgesourct, wohingegen die Bedingungen, die überhaupt erst zu Flucht und Vertreibung führen, nicht angegangen werden.

Der Libanon hat gemessen an der Einwohnerzahl eine der weltweit höchsten Geflüchtetenraten. Zu den seit vielen Jahren im Land lebenden palästinensischen Menschen kommen über eine Million Syrerinnen und Syrer, die seit 2011 vertrieben wurden. Diesen Staat mit Geld vollzupumpen, damit er inmitten eines militärischen Angriffs Israels, der offensichtlich weitere Vertreibungen verursachen wird, seine Grenzen dicht macht, entspricht genau der Logik, die auch im Gazastreifen und im Westjordanland zum Tragen kommt.

Was sich derzeit im Gazastreifen, im Westjordanland und im Südlibanon abspielt, ist keine Abfolge von voneinander unabhängigen Notfallsituationen. Es ist eine bewusste und wiederkehrende Strategie Israels, Macht auszuüben, basierend auf seiner jahrzehntelangen Erfahrung mit Siedlerkolonialismus und militärischer Vorherrschaft. Evakuierungsbefehle, wiederholte Flucht- und Rückführungszyklen sowie die systematische Zerstörung ziviler Infrastruktur sind Instrumente für Krieg und israelischen Expansionismus.

Die Vertreibung in Gaza und im Libanon wurde gerade deshalb zur Normalität, weil die internationale Gemeinschaft es konsequent vorgezogen hat, Migrationsströme zu regulieren statt nach Schuldigen und deren Rechenschaftspflicht zu suchen. Was wie eine Krise aussieht, ist das Ergebnis bewusster Politik. Was wie halbwegs humanitäre Reaktion aussieht, ist allzu oft dem Wunsch geschuldet, dass doch bitte keine Fremden nach Europa kommen sollen.

Die entscheidende Frage sollte nicht sein, ob Europa erneut eine vermeintliche »Flüchtlingskrise« erleben könnte. Die Frage sollte sein, ob die Weltgemeinschaft die gezielte Vertreibung endlich als das anerkennt, was sie schon immer war – nämlich eine Strategie der Machtausübung –, und ob sie entsprechend Rechenschaft und Verantwortung einfordert sowie die notwendigen Mittel für Wiedergutmachung aufwendet.

Ahlam Chemlali ist Migrationsforscherin mit einem Fokus auf Vertreibung und Konflikte. Sie ist Co-Vorsitzende des Centre for the Study of Coercion and Accountability (CECA) an der Universität Aalborg in Dänemark.