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Der Schmerz vom CSD darf nicht instrumentalisiert werden

Der Anschlag auf den CSD in Berlin lässt eine erschütterte Community zurück. Und die Versuche konservativer und rechter Politiker, diese Tragödie für ihre Zwecke zu vereinnahmen, machen es nur noch schlimmer.

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Der Schmerz vom CSD darf nicht instrumentalisiert werden
Trauernde am Brandenburger Tor am Tag nach dem Anschlag auf den Berliner CSD. IMAGO / JNA Press

Am Sonntagabend öffne ich die Website der Tagesschau. Fünf der sieben Top-Beiträge tragen »Tatverdächtiger« oder »mutmaßlicher Täter« im Titel. Ich möchte nichts über ihn lesen, gestern nicht, heute nicht, morgen nicht – wahrscheinlich niemals. Ich möchte ihn nicht beim Namen nennen, wohl aber das, was ihn angetrieben hat: Queerfeindlichkeit, Patriarchat, Menschenhass, eine gewaltbereite Auslegung des Islam, mitunter geprägt vom »Islamischen Staat«. 

Ich möchte ihren Namen nennen und habe zugleich Angst davor, denn ihr Tod wird dann umso greifbarer auch für diejenigen von uns, die sie nicht kannten. Noch gibt es in der Öffentlichkeit keinen Namen, kein Gesicht von der Person, die am 25. Juli gestorben ist – ermordet auf dem CSD Berlin. Diejenigen, die sie geliebt haben und noch immer lieben, kennen ihren Namen, sehen ihr Gesicht. Ich denke auch an sie. Eine Mutter aus Polen, die mit ihrer Tochter beim CSD in Berlin war. 

Mehr als ein Dutzend Menschen waren oder sind noch im Krankenhaus, die Schwerverletzten nun außer Lebensgefahr, doch ihr Leben und das ihrer Lieben für immer verändert. Hunderte, wenn nicht Tausende, stehen unter Schock, weil sie direkt am Tatort oder in der Nähe waren. Weil sie den CSD organisierten und die Teilnehmenden evakuierten; weil sie auf dem CSD feierten und ihn dann fragend verließen, bevor die Meldungen sich verdichteten. 

»Das wir ist ein kleines. Ich fühle mich in der Trauer und Wut mit manchen verbunden, aber ich fühle mich auch einsam und allein.«

Dieses Vorher/Nachher-Gefühl: etwas ist anders, selbst für diejenigen, die nicht auf dem CSD waren, sondern auf einer anderen queeren Demonstration an diesem Tag, auf einer Party oder in einer Bar, zuhause oder unterwegs, in Berlin oder andernorts. Die Freude über das jährlich stattfindende Pride-Wochenende in Berlin, das in Deutschlands Hauptstadt unzählige Ausdrucksformen findet, lässt sich nicht mehr entflammen. Trauer, Schmerz und Wut treten anstelle von Ausgelassenheit, zumindest vorläufig. Das Politische bleibt. 

Das Vorher/Nachher lässt sich auf denkwürdige Weise auch bei Instagram beobachten: Dazu braucht es nur einen Klick auf den leuchtenden Kreis ums Profilbild; auf jene Stories, die nur 24 Stunden währen. Der Dyke* March Berlin feiert die Demo vom Freitagabend, laut Veranstaltungsteam waren 8.000 Menschen dabei, auf dem vordersten Banner steht: »Dykes auf die Straße gegen Faschismus«. Fotos und Videos zeugen vom fröhlichen Protest; pointierte Demoplakate werden in die Höhe gehalten. Wäre mir anders zumute, als es mir jetzt ist, würde ich den ein oder anderen Screenshot von einem lustigen Spruch machen, das Bild teilen, mich darüber freuen. Mir ist nicht mehr danach. In der Instagram-Story des Dyke* Marches folgt eine Bekundung über das Entsetzen, ein Aufruf zum »Community-Trauern« am Sonntagnachmittag beim Brandenburger Tor.

Tausende sind dort zusammengekommen, um gemeinsam zu schweigen und zu singen, um zu reden und zuzuhören. Das Brandenburger Tor wird angestrahlt in Regenbogenfarben, über den Säulen steht der Schriftzug »Berlin, Stadt der Freiheit«. Und da ist es bereits, dieses leise Unbehagen, wenn die Trauer und das Gedenken vereinnahmt werden. 

Klar, sie sollen sich äußern, sie müssen sich äußern. Dennoch gibt es ein Unbehagen, das lauter wird und in Frust umschlägt, in Wut, mit jeder Wortmeldung mehr. Denn sie trudeln nun ein, die Social Media Posts und Stellungnahmen, von CDU und CSU, vom Kanzler und Bürgermeister, von den Regierenden oder sagen wir: den Herrschenden. 

Die Schlagwörter sind stets dieselben, sie wirken einstudiert und ritualisiert. Für Friedrich Merz ist es »ein Angriff auf unsere Gesellschaft«, für Kai Wegner »ein Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft«, für Markus Söder »ein bewusster Angriff auf die Freiheitsidee unseres Landes«. Am Tag nach dem Anschlag sagte Merz nach dem Gedenkgottesdienst in Berlin: »Wir sind mehr, wir sind stärker und wir halten in unserem Land zusammen.« Momenten wie diesen, in denen Einigkeit und Gemeinsamkeit beschworen, gar zur Einheit und Geschlossenheit aufgerufen wird, ist nicht zu trauen. 

Die Vereinnahmung des Leidens von rechts

Ich möchte kein Wir aufmachen in diesem Moment, und wenn ich es doch tue, dann ist es ein kleines wir. Ja, es gibt das Wissen um geteilte Erfahrungen, das Wissen um Unterdrückung und Diskriminierung, das Wissen um fehlende Rechte, um Gewalt. Um all die Momente im Alltag und die großen Hürden. Um Weggabelungen, an denen viele, die sich dem LGBTQIA+-Regenbogen zugehörig fühlen, einen anderen Pfad einschlagen, weil sie es müssen, weil sie es wollen, weil sie es können. Und dennoch: Das wir ist ein kleines. Ich fühle mich in der Trauer und Wut mit manchen verbunden, aber ich fühle mich auch einsam und allein. Bini Adamczak schreibt auf Instagram: »Liebe zerstrittene Community, was für eine traurige und schmerzende Scheiße.« 

Es ist ein kleines wir, das meine Friends und mich meint, meine Partnerin und mich. Eine private Chatgruppe namens Lesbencorner; ein queeres Kollektiv, in dem ich seit mehr als zehn Jahren aktiv bin. Und meine Genossinnen und mich. All jene, mit denen ich eine Analyse der Herrschaftsverhältnisse teile und jener Ideologien, die dazu führen, dass wieder ein Mensch tot ist, dass wieder ein Dutzend Menschen verletzt sind, dass wieder Hunderte unter Schock stehen. 

Viele erleben nun erneut in voller Gewalt, wie sich die Herrschenden, wie sich der herrschende Diskurs gegen sie richtet. »Queer und arabisch/muslimisch zu sein bedeutet, mitanzusehen, wie ein Teil von dir gegen einen anderen instrumentalisiert wird – wie der Schutz queerer Menschen als Vorwand für Rassismus und antimuslimischen Hass dient«, schreibt Madi Awadalla von decolonize sexual health, wenige Stunden nach dem Anschlag. Es sei surreal, nun all die Nachrichten zu bekommen, in denen Bekannte fragen, ob Madi beim CSD gewesen sei, und dann »okay«. Madi war nicht beim CSD, sondern, wie circa 10.000 andere Menschen auch, beim Internationalist Queer Pride (IQB). Dort fühlte Madi sich alles andere als sicher: Die Polizei beendete den Protest gewaltsam, schubste Demonstrierende, verhaftete mehr als fünfzig Menschen, viele davon mit Schmerzgriffen. 

»Schwarz-Rot-Gold hängt nun auf Anordnung Klöckners auf Halbmast vor dem Bundestag. Trauerbeflaggung, Märtyrertum. Queers gestorben fürs Vaterland.« 

Madi benennt den Anschlag auf den CSD als das, was er ist, nämlich schrecklich, und fügt hinzu: »Zu dem Schmerz gehört auch das Wissen, dass unser Leid nun dazu instrumentalisiert wird, Rassismus und antimuslimische sowie migrationsfeindliche Politik zu schüren – selbst von denen, die sich nie für unsere Rechte, unser Leben oder unsere Sicherheit interessiert haben.«

Es dauerte keine 24 Stunden, bevor die AfD von einem »zu lasche[n] Umgang mit islamistischen Gefährdern und all jenen, die das Leben und Sicherheit der Bürger in Deutschlands seit nunmehr 11 Jahren massiv bedrohen« spricht. Bei diesen und anderen Beiträgen fügt die AfD stets hinzu: »ins Land gelassen von der CDU«. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sind im September Landtags- und in Niedersachsen Kommunalwahlen, in Berlin die Wahl zum Abgeordnetenhaus. 

Das bei Instagram noch immer angepinnte Video der AfD ist für eine andere Wahl gewesen, jene für das EU-Parlament 2024, doch es scheint den Rechtsextremen weiterhin zu gefallen. Knapp 70.000 Likes hat es, der erste Frame zeigt: #blau statt bunt, letzteres in Regenbogenfarben geschrieben. »Du willst die Scharia an der Schule? Nicht AfD wählen! [...] Du glaubst, dass Männer schwanger werden können? Nicht AfD wählen!«

Ich habe keine Lust, nun das Internet zu durchwühlen nach weiteren Belegen für die Islam- und Queerfeindlichkeit der AfD, der CDU und CSU, von großen Teilen Deutschlands. Manches erinnere ich, manches hatte ich schon wieder vergessen, zum Beispiel, dass Friedrich Merz letztes Jahr das Hissen der Regenbogenflagge am Reichstagsgebäude während des CSDs ablehnte. Seine Worte: »Der Bundestag ist ja nun kein Zirkuszelt«. Entschieden hatte dies freilich nicht Merz, sondern Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, die auch dieses Jahr daran festhielt. Die Regenbogenflagge hisse sie am 17. Mai, dem Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit. Aus Sicht Klöckners hat die Bundesflagge nahezu eine ähnliche Bedeutung: »Schwarz-Rot-Gold steht für die Ordnung unseres Grundgesetzes – für Freiheit, Menschenwürde und Gleichheit vor dem Gesetz. Dazu gehört auch das Recht jedes Menschen auf sexuelle Selbstbestimmung.«

Schwarz-Rot-Gold hängt nun auf Anordnung Klöckners auf Halbmast vor dem Bundestag. »Wer Menschen attackiert, die für Freiheit, gleiche Rechte und Vielfalt einstehen, greift die Grundlage unseres demokratischen Gemeinwesens an«, sagte Klöckner. Trauerbeflaggung, Märtyrertum. Queers gestorben fürs Vaterland. 

Wo bleiben die progressiven Forderungen?

Ich möchte keine mitfühlenden Worte, die sich hohl anfühlen, und keine schwarz-rot-goldene Trauerbeflaggung, keine Toleranz. Keine heuchlerische Dankbarkeit dafür, für Vielfalt zu stehen oder einzustehen. Ich möchte kein Symbol sein und ich möchte nicht, dass mit Queers Symbolpolitik gemacht wird, erst recht aber keine rassistische Politik, keine Politik, die den Sicherheitsstaat ausweitet sowie Asyl- und Migrationsrechte weiter beschränkt. 

Ich möchte Selbstbestimmung, Gleichheit und Freiheit, so wie ich sie verstehe. Ich möchte das Recht darauf, eine Frau zu heiraten und dass wir beide als Mütter des Kindes gelten, ohne dass die nicht-biologische Mutter es in einem aufwendigen, die Privatsphäre verletzenden Prozess adoptieren muss. Ich möchte, dass die Lücken im OP-Verbot für intergeschlechtliche Kinder geschlossen werden. Ich möchte, dass Mehr-Eltern-Modelle eine rechtlich sichere Form finden. Ich möchte, dass Artikel 3 des Grundgesetzes, der die Gleichbehandlung aller Menschen durch die Rechtsprechung und ein Diskriminierungsverbot aufgrund von Merkmalen wie Herkunft, Glauben oder Behinderung vorsieht, auch sexuelle und geschlechtliche Identität aufnimmt. 

Vor allem aber möchte ich so vieles, dass queere Bewegungen und queere Kultur auf gesellschaftlicher Ebene werden erkämpfen müssen; vieles, das kein Staat und kein formales Recht gewähren kann. Ich möchte eine Gesellschaft, ein Politik- und ein Wirtschaftssystem, in dem weder Mensch noch Umwelt zerstört werden, in dem wir alle möglichst frei leben können, in dem wir Ressourcen teilen und gemeinsam entscheiden.

»Wir können auch widerständig feiern, wir können uns zelebrieren, uns darüber freuen, wer wir sind und wie wir leben. Und wir können jene feiern, die ein Stück dieses Weges mit uns gegangen sind, die vor uns da waren, die zu früh gehen mussten, die in unserem Herzen bleiben.«

Die Regierenden, die Herrschenden wollen etwas anderes. Auf den Begriff der »Freiheit« folgt jener der »Härte«. Johannes Winkel, Vorsitzender der Jungen Union, wird mit einem Post bei X zur Bild-Schlagzeile: »Eine Ideologie erklärt unserer Gesellschaft den Krieg«, heißt es im Titel, die Vollendung folgt im Text: »aber statt sich zu wehren und mit aller Härte zurückzuschlagen, weigern wir uns, die Kriegserklärung zu hören.« Söder fordert, dass gegen den Anschlag »mit aller Härte […] vorgegangen werden« müsse. Rufe werden laut, heißt es etwa bei ntv, nach mehr Überwachung, nach mehr Befugnissen für Sicherheitsbehörden. Unions-Vize-Fraktionschef Günter Kring verbindet den Anschlag direkt mit der »dringenden Reform der Nachrichtendienste«.

Wo sind die Forderungen nach Sofortprogrammen, um Queerfeindlichkeit entgegenzuwirken und queere Projekte zu stärken? Ein Krisenfonds? Ein Sonderfonds, um die zahlreichen noch folgenden CSDs in Deutschland zu unterstützen oder wenigstens die kurz vor dem CSD beschlossenen Kürzungen zurückzunehmen? Das CDU-geführte Bildungs- und Familienministerium hat nämlich kürzlich Lambda e.V., dem bundesweit einzigen gemeinnützigen Jugendverband für Queers, den Rahmenvertrag über knapp 400.000 Euro gekündigt. 

Kleine Info am Rande: Das Suizidrisiko von queeren Jugendlichen ist vier- bis fünfmal höher als das von nicht-queeren Jugendlichen. Weitere Info am Rande: Wie die Welt im Juni berichtete, hielten es »44 Prozent und damit weniger als die Hälfte der Deutschen [...] für richtig, dass queere Personen hinsichtlich sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität offen leben – ein Minus von zwei Prozentpunkten gegenüber 2025«. Die rechtskonservative Zeitung wählte für diese Nachricht den Titel »Zustimmung für queere Menschen sinkt – auch in Deutschland«, als wären queere Rechte etwas, dem man eben zustimmen könne oder nicht, etwas, das zur Debatte steht und wozu Menschen nun einmal Meinungen und Gefühle hätten. 

Was stimmt, ist: Der Hass auf Queers wächst. In Deutschland und in vielen Ländern auf dieser Welt. Die Amadeu Antonio Stiftung dokumentiert seit rund vier Jahren Vorfälle bei CSD-Veranstaltungen. Ein Bericht aus dem vergangenen Herbst zeigt: Bei fast der Hälfte der 245 CSDs in Deutschland kam es zu Angriffen oder Störungen, wiederum knapp die Hälfte dieser Angriffe oder Störungen kamen von Rechtsextremen. Online-Hetze, Sachbeschädigungen, Blockadeversuche durch Kommunalpolitiker sowie körperliche Gewalt und rechtsextreme Gegendemonstrationen gehören dazu. Beim CSD in Bautzen marschierten 2024 circa 400 Rechtsextreme mit Schwarz-Rot-Gold und Reichskriegsflaggen auf. 

Es ist nicht das erste Mal, dass jemand auf einem CSD in Deutschland starb. 2022 beleidigte ein Mann mehrere Teilnehmende des CSD in Münster. Malte C., ein trans Mann, schritt ein. Der Mann schlug Malte ins Gesicht, dieser fiel mit dem Hinterkopf auf den Boden. Wenige Tage später starb er an seinen Verletzungen, kurz vor seinem 25. Geburtstag. Maltes Tod ist vier Jahre her. Heute denke ich an ihn und seine Angehörigen, die Queers und Trans in Münster und andernorts, die ihn kannten. Ich denke an die Angehörigen jener CSD-Besucherin, die am 25. Juli 2026 in Berlin ermordet wurde. Ich denke an die Verletzten und Traumatisierten. 

Ich denke an all die CSDs, die noch kommen werden. Ich denke an die immer wieder vorgetragene Formulierung, dass es sich nicht um eine Party handelt, sondern auch Protest. Dass queere Geschichte, dass queere Bewegung Widerstand bedeutet. Ich denke, dass wir auch widerständig feiern können, dass wir uns zelebrieren können, uns darüber freuen, wer wir sind und wie wir leben. Und wir können jene feiern, die ein Stück dieses Weges mit uns gegangen sind, die vor uns da waren, die zu früh gehen mussten, die in unserem Herzen bleiben. Ich denke auch, dass es mich ermüdet, dies zu schreiben. Ich denke an all die CSDs, die noch kommen werden, und die 364 anderen Tage im Jahr, an denen kein CSD ist. Ich denke an all die Arbeit, die noch kommt, die Verzweiflung, den Dissens und die Liebe.

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