Selbst die Corona-Krise scheint den Erfolgen der deutschen Exportwirtschaft keinen Abbruch zu tun. Die Daten für 2021 weisen erneut hohe Exportüberschüsse aus. Die Position Deutschlands als »(Vize-)Exportweltmeister« wird wie auch in den Vorjahren als Zeichen der herausragenden Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft interpretiert. Als etwa der damalige US-Präsident Donald Trump die deutschen Exportüberschüsse als »unfair« attackierte, entgegneten Politikerinnen und Politiker von links wie rechts, dass diese lediglich das Ergebnis freier Marktkräfte seien. Die USA müssten schlichtweg »bessere Autos bauen«.
Das Sinnbild der »Exportweltmeisterschaft« erweckt den Eindruck, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exporte käme allen zugute. Doch im Hinblick auf Einkommen und wirtschaftliche Entwicklung rufen sie in Deutschland und den europäischen Nachbarländern problematische Begleiterscheinungen hervor.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten wuchs die Einkommensungleichheit bei stagnierenden Löhnen in Deutschland so rapide wie in kaum einem anderen westeuropäischen Land. Beigetragen haben dazu unter anderem der politisch forcierte Ausbau des Niedriglohnsektors im Zuge der Hartz-Reformen der frühen 2000er Jahre, die politische Inkaufnahme einer schwindenden Gültigkeit von Tarifverträgen und der Anstieg prekärer Formen selbständiger und scheinselbständiger Beschäftigung. In Folge haben die unteren 30 Prozent der Beschäftigten zwischen 1999 und 2016 reale Einkommensverluste verzeichnet. Die sinkende Kaufkraft verstärkt sich zusätzlich durch vielerorts stark steigende Mieten und Wohnungspreise, die nur unvollständig in den Statistiken zu Lebenshaltungskosten erfasst werden. Der Titel des »Exportweltmeisters« ist also nicht nur ein Verdienst der deutschen »Ingenieurskunst«, sondern wird zu einem beträchtlichen Teil durch Lohneinbußen der Beschäftigten erkauft.
Folgen der Stagnation
Den deutschen Exporterfolgen steht zudem ein äußerst schwaches Wirtschaftswachstum gegenüber. Zwischen 1996 und 2018 wuchs die deutsche Wirtschaft im Schnitt jährlich um 1,4 Prozent.