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Die Leistungsgesellschaft macht uns kaputt

Die Regierung macht »Leistungsgerechtigkeit« zum Leitprinzip. Doch wer Menschen nach Leistung sortiert, erklärt sie für unterschiedlich wertvoll – und untergräbt das Ideal der politischen Gleichheit, das Progressive eigentlich verteidigen sollten.

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Die Leistungsgesellschaft macht uns kaputt
Die sogenannte »Leistungsgesellschaft« entwertet die Erfolglosen und zwingt auch die Erfolgreichen in einen zermürbenden Überbietungs- und Selbstoptimierungswettbewerb. Bild: IMAGO / Michael Gstettenbauer

Der politische Diskurs kippt zunehmend in eine radikalisierte Leistungsrhetorik. Ganz im Sinne der in der Präambel des Koalitionsvertrags verankerten Losungen wie »Leistungsträger und ihre Familien stehen im Mittelpunkt« oder »Leistungsgerechtigkeit zu einem Leitprinzip machen« prägt die moralisierende Gegenüberstellung von »Leistungsträgern« und vermeintlichen »Minderleistern« die politische Debatte.

Erstere werden ins moralische Rampenlicht gerückt, obwohl unklar bleibt, wie Leistung definiert, gemessen und verglichen werden sollte. Letztere werden zu menschlichen Kostenfaktoren degradiert und unter den meritokratischen Generalverdacht der Faulheit gestellt.

Michael Young und die perfekte Leistungsgesellschaft

Im Jahr 1958 veröffentlichte der britische Soziologe Michael Young seine berühmte Gesellschaftssatire Es lebe die Ungleichheit: Auf dem Wege zur Meritokratie, in der er den Begriff der Meritokratie prägte. Young warnte vor den Folgen einer Leistungsgesellschaft, in der die sozioökonomische Position und der gesellschaftliche Rang eines Menschen auf dessen Leistungen und Verdienst – den Young als die Summe aus Intelligenz und Anstrengung definiert – beruhen. 

Young beschreibt eine fiktive Zukunft im Jahr 2034, in der Großbritannien zur perfekten Leistungsgesellschaft geworden war. Alte Geburtsprivilegien waren abgeschafft und nur die individuelle Begabung und Anstrengung entschieden über das Einkommen, den Status und den gesellschaftlichen Rang. Begehrte Positionen wurden mithilfe standardisierter Intelligenztests vergeben. Schulen, Universitäten und Unternehmen verlangten für viele Plätze und Stellen einen Mindestintelligenzwert, und der IQ wurde in einem »Intelligenzregister« vermerkt. 

In dieser »Hierarchie der Intelligenz« stiegen die als talentiert und leistungsfähig Eingestuften auf und nahmen die höchsten Positionen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft ein. Was für Befürworterinnen und Befürworter der Leistungsgesellschaft wie eine Utopie klingen mag, wird in Youngs Erzählung zur unerträglichen Realität, die schließlich in einer gewaltsamen Revolte endet. Wie konnte dies geschehen? Und welche Parallelen gibt es zur Gegenwart?

»Die Leistungsgesellschaft entwertet die Erfolglosen und zwingt auch die Erfolgreichen in einen zermürbenden Überbietungs- und Selbstoptimierungswettbewerb.«

Während die Leistungselite in Youngs fiktiver Meritokratie rasch Sympathie und Mitgefühl mit den weniger Begabten verlor, sahen sich diese einer moralischen Deklassierung ausgesetzt. Ihr niedriger Status galt nicht mehr als Folge fehlender Chancen, sondern erschien nun als Ausdruck persönlicher Minderwertigkeit. Regelmäßige Intelligenztests bestätigten dies immer wieder aufs Neue. Je objektiver die Auslese schien und je vollständiger die Meritokratie umgesetzt wurde, desto schonungsloser war die Demütigung der Ausgesiebten und desto ausgeprägter die Überheblichkeit der Erfolgreichen. Die Arbeiterschicht verlor ihre Selbstachtung und ein respektvoller Dialog auf Augenhöhe war nicht mehr möglich.

Michael Young erkannte eine gefährliche Dynamik: Wer es in einer Leistungsgesellschaft nicht »schafft«, gilt schnell als unbegabt oder faul. Derartige meritokratische Schuldzuweisungen prägen die aktuelle Debatte zu Themen wie sozialer Absicherung, Arbeitszeiten oder Teilzeit. 

Der bekannte amerikanische Philosoph Michael Sandel warnt vor den Folgen dieses »den Sieg betonenden« Aspekts und der »Tyrannei« der Leistungsgesellschaft: Das ständige Gerede von Leistung und Aufstieg wirkt für viele nicht ermutigend, sondern herablassend. Für Sandel ist dies ein wichtiger Grund für den Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen, die an die meritokratischen Kränkungen der Abgehängten anknüpfen. In Youngs Satire entlud sich dieser Frust in Form einer populistischen Revolte im Jahr 2034. In vielen europäischen Ländern scheint sich eine rechte Variante davon abzuzeichnen.

Die Leistungsgesellschaft zermürbt und vereinzelt

In Youngs Erzählung führten nicht nur die Überheblichkeit der Erfolgreichen und die Demütigung der unteren Klassen zu Spannungen. Das gesellschaftliche Zusammenleben verwandelte sich in einen permanenten Konkurrenzkampf, in dem alle ständig getestet, verglichen und nach Leistung sortiert wurden. Durch Fortschritte in Statistik und Psychologie wurden immer zuverlässigere Intelligenztests in immer jüngerem Alter möglich. Bald stand die Leistungselite schon im Kindergarten und schließlich sogar im Mutterleib fest. Die Leistungsgesellschaft entwertet die Erfolglosen und zwingt auch die Erfolgreichen in einen zermürbenden Überbietungs- und Selbstoptimierungswettbewerb.

So überspitzt sie an manchen Stellen auch sein mag – Youngs Dystopie wirkt erschreckend aktuell: standardisierte Selektions- und Eignungstests im Bildungssystem; frühe Weichenstellungen in Schulen; Kinder, die als Humankapital betrachtet werden; der Druck zu immer mehr Leistung, Wettbewerb und Perfektion; und die Heroisierung von Unternehmereliten. Die von Young als Dystopie beschriebene Leistungsgesellschaft erscheint im aktuellen politischen Diskurs erstaunlich anschlussfähig.

Auch das große Versprechen der Leistungsgesellschaft – soziale Durchlässigkeit – konnte in Youngs Meritokratie nicht lange eingehalten werden. Bereits im Kindesalter wurden die Menschen nach ihrer Intelligenz getrennt und begegneten in Schulen und am Arbeitsplatz primär ihresgleichen. Es wurde als bürgerliche Pflicht angesehen, einen Partner oder eine Partnerin mit ähnlich hohem IQ zu wählen, um das intellektuelle Potenzial der Nation zu stärken. Diese Homogamie der Intelligenz trug in Youngs Erzählung zu einer Reproduktion der Elite bei. Die Leistungselite fand immer neue Wege, um Status und Privilegien an ihre Kinder weiterzugeben, und die soziale Mobilität erstarrte allmählich.

»Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status erreichen deutlich seltener die Hochschulreife.«

Wieder wirken Youngs Beschreibungen bemerkenswert vorausschauend. In vielen westlichen Ländern zeigt sich seit Jahrzehnten ein Rückgang der sozialen Mobilität, der seit den 1990er Jahren von einer verstärkten neoliberalen Leistungsrhetorik begleitet wird.

Ein Beispiel ist das Bildungssystem: Sozioökonomisch privilegierte Familien investieren viel Zeit und Geld in die schulische und außerschulische Förderung ihrer Kinder, um ihnen Vorteile im Bildungswettrüsten zu verschaffen. Es sind viele scheinbare Kleinigkeiten, die sich im Laufe der Zeit zu Leistungsunterschieden summieren: Eltern mit höherem sozioökonomischem Status lesen ihren Kindern etwa häufiger vor und schreiben sie öfter für organisierte Freizeitaktivitäten ein. Kinder aus privilegierten Familien nutzen häufiger frühkindliche Bildungsangebote. Je höher das Haushaltseinkommen, desto eher erhalten Kinder private Nachhilfe. 

Kinder aus sozial benachteiligten Familien leiden hingegen häufiger unter Stress und belastenden Wohnsituationen. Ihre Eltern können sie aus Zeit- oder Bildungsgründen seltener gezielt unterstützen. Bereits Stress während der Schwangerschaft, von dem Mütter aus prekären sozialen Verhältnissen häufiger betroffen sind, kann die kognitive Entwicklung der Kinder beeinflussen.

Eine aktuelle Studie des Leibniz‑Instituts für Bildungsverläufe zeigt, dass soziale Bildungsungleichheiten bereits in den ersten Lebensjahren einsetzen. Schon im Kleinkindalter unterscheiden sich Wortschatz und gemessene Kompetenzen systematisch nach sozialer Herkunft. Diese Unterschiede vergrößern sich bis zum Schuleintritt und bleiben im weiteren Bildungsverlauf weitgehend bestehen. Doch selbst bei vergleichbaren Kompetenzen erhalten Kinder aus privilegierten Familien im Schnitt bessere Noten. Und selbst bei gleichen Noten und gleichen Kompetenzen erhalten Kinder aus sozial privilegierten Familien häufiger eine Empfehlung für das Gymnasium – und unabhängig von dieser Empfehlung werden sie häufiger am Gymnasium angemeldet. 

Entsprechend hängt die zentrale Weichenstellung am Ende der Grundschule stark vom sozioökonomischen Hintergrund der Kinder ab. Diese sozialen Dynamiken schlagen sich auch in Bildungsabschlüssen nieder: Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status erreichen deutlich seltener die Hochschulreife.

Die Leistungsgesellschaft und ihr wackeliges moralisches Fundament

Die Meritokratie wirkt wie ein Mechanismus der Privilegienweitergabe – sie reproduziert Ungleichheiten und Hierarchien auch mithilfe sozial hervorgebrachter Leistungsunterschiede.

In Anbetracht der aktuellen Fortschritte und hohen Investitionen im Bereich potenziell leistungssteigernder Technologien – von Genmanipulation bis zu Gehirnimplantaten – stellt sich noch eine grundlegendere Frage: Was wäre, wenn die Grenze zwischen natürlicher und technologisch ermöglichter Leistungsfähigkeit zunehmend verschwimmen würde? Da die entsprechenden Technologien zunächst wohl nur einem kleinen, ökonomisch mächtigen Teil der Gesellschaft zur Verfügung stehen würden, könnte Leistungsfähigkeit zu einer Frage materieller Ressourcen werden. Was bliebe vom moralischen Fundament der Leistungsgesellschaft, wenn sich die ökonomische Elite einen entscheidenden Leistungsvorsprung erkaufen könnte?

Für Befürworterinnen und Befürworter der Leistungsgesellschaft stellt sich aber eine noch unbequemere Frage: Weshalb sollten Leistungsvorsprünge aufgrund zufälliger natürlicher Begabungen verdienstvoller sein als solche aufgrund sozialer oder technologischer Faktoren?

»Die Meritokratie wirkt wie ein Mechanismus der Privilegienweitergabe – sie reproduziert Ungleichheiten und Hierarchien auch mithilfe sozial hervorgebrachter Leistungsunterschiede.«

Der liberale Philosoph John Rawls stellte in seiner einflussreichen Theorie der Gerechtigkeit fest: »Für den Einfluß natürlicher Fähigkeiten auf die Einkommens- und Vermögensverteilung gibt es keine besseren Gründe als für den geschichtlicher und gesellschaftlicher Zufälle.« Und bereits Marx argumentierte in seiner Kritik des Gothaer Programms, dass ein am gleichen Leistungsmaßstab orientiertes Verteilungsprinzip »stillschweigend die ungleiche individuelle Begabung und daher Leistungsfähigkeit als natürliche Privilegien« anerkennt. Daraus resultierende Ungleichheiten bezeichnete Marx als »Mißstände«.

Das Streben nach der Leistungsgesellschaft als progressive Sackgasse

In Michael Youngs Erzählung fanden sich linke Parteien in einer ideologischen Sackgasse wieder. Sie erkannten lange nicht, dass ihre ständige Forderung nach Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit die Vorstellung von der Gleichheit aller Menschen untergrub. Denn Chancengleichheit bedeutet in einer Leistungsgesellschaft letztlich nur, so Young, die »Gleichheit der Chancen, ungleich zu werden«. Wenn Menschen zu unterschiedlich wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft erklärt werden, was bleibt dann noch vom Ideal politischer Gleichheit? Progressive, welche die Meritokratie propagieren, leiden – wie es der bekannte Rechtsphilosoph Daniel Markovits formuliert – unter einem »ideologischen Stockholm-Syndrom«. Sie feiern ein System, das ihre eigenen Ideale aushöhlt.

Michael Young prägte den Begriff der Meritokratie, um vor den Folgen einer Leistungsgesellschaft zu warnen. Doch ausgerechnet Politikerinnen und Politiker von Mitte-links-Parteien erhoben diese später zu ihrem programmatischen Leitbild, darunter auch die britische Labour Party, der Young selbst nahestand. Bitter stellte Young 2001 fest: »Keine Unterschicht ist je so moralisch entblößt worden wie diese.« 

Die Leistungsgesellschaft spaltet, erschöpft und macht Menschen zu unterschiedlich wertvollen Trägerinnen und Trägern von Leistung und Verdienst. Progressive Parteien müssen sich fragen, ob ihre zentrale Abgrenzung gegenüber rechten Ordnungsvorstellungen nicht gerade darin besteht, Menschen nicht nach einem vermeintlichen Wert zu sortieren. In Youngs Erzählung kam diese Einsicht zu spät.

Mario Hübler

Mario Hübler ist Lektor und Autor in Wien. Im September erschien sein Buch »Leistung, Aufstieg, Innovation – der große Mythos« beim Schmetterling Verlag.

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