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Die Volksbühne baut ein Schwimmbad gegen die Berliner Sparpolitik

Kostenloser Eintritt, keine Ausweispflicht, acht Wochen lang ein Ort für alle: Die Volksbühne verspricht mit ihrem Volksbad nichts weniger als Gleichheit. Hält dieses Versprechen einem Blick über den Beckenrand hinaus stand?

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Die Volksbühne baut ein Schwimmbad gegen die Berliner Sparpolitik
Das Volksbad ist ein Angebot, das einer breiten Masse zur Verfügung gestellt werden soll, aber auch im Zeichen der Gentrifizierung steht. Bild: IMAGO / epd

Ins Freibad gehen ist die wohl politischste Freizeitbeschäftigung überhaupt. Denn um das Freibad sind in Deutschland wilde Kulturkämpfe über Migrations- und Sicherheitsfragen, aber auch um Fragen der Infrastruktur entfacht. Tennisplätze oder Kletterhallen sind dem Deutschen relativ egal; auch Bowlinghallen und Minigolfanlagen sind ganz und gar unverdächtig. Nur das kühle Freibad scheint die Gemüter von links bis rechts zu erhitzen.

Da ist es konsequent, dass Matthias Lilienthal, der neue Intendant der Volksbühne, zu Beginn seiner Amtszeit ein Freibad direkt vor seinem Theaterhaus in Berlin-Mitte eröffnet. Gerade in der Hauptstadt ist das Freibad Zankapfel der Kommunalpolitik: In Berlin gibt es gerechnet auf die Einwohner weniger Freibäder als in vielen anderen deutschen Städten. Zudem überschlugen sich vor einigen Jahren die Nachrichten über Schlägereien in Berliner Freibädern. Die Folge war eine Ausweispflicht.

Und auch außerhalb der Berliner Stadtgrenzen ist das Freibad zum Politikum geworden. Vor wenigen Wochen sorgte ein Freibad in Halle für Aufsehen, dessen Chef ankündigte, nur noch Personen hinein zu lassen, die der deutschen Sprache mächtig sind. Er begründete seine Entscheidung mit der Sicherheit: Besucherinnen und Besucher müssen eben die Baderegeln verstehen. Kritiker warfen dem Freibad Rassismus vor. 

Die Bade-Utopie

Im Volksbad am Rosa-Luxemburg-Platz hingegen soll alles anders sein. Ein Besuch des 25 Meter langen und 1,3 Meter tiefen Schwimmbads ist kostenlos; eine Ausweispflicht gibt es hier nicht. Lediglich ein Online-Ticket muss man im Vorfeld ergattern. Die ungewöhnliche Konstruktion an diesem noch ungewöhnlicheren Ort besteht aus Holzpaletten, das Becken ist mit einer himmelblauen Plane ausgelegt; Umkleiden, Duschen, Spinds und Toiletten sind ebenfalls vorhanden, die obligatorische Pommesbude sowieso. Zumindest für acht Wochen möchten Intendant Lilienthal und seine Volksbühne den überfüllten Berliner Freibädern etwas entgegensetzen. Das Volksbad am Rosa-Luxemburg-Platz ist Freibad und Kunstaktion in einem. Die Besucher sind die Darsteller; das Becken ist die Theaterbühne. 

Bei Lilienthals Eröffnungsrede, die er im Volksbühnen-Style barfuß direkt in einer Menge von Journalisten hält, nennt er das Volksbad das »neue Wunder von Berlin«. »Das Volksbad«, so der Intendant, »ist von uns aus auch ein Zeichen gegen eine verfallende Infrastruktur in dieser Stadt, wo es selbstverständlich ist, in Autobahnbrücken 27 Millionen zu investieren, aber wo es nicht selbstverständlich ist, Schulen zu erhalten, Theater anständig auszustatten.« Die Volksbühne sei mit 1,25 Millionen und einer Sparquote von 5,5 Prozent besonders geschädigt von den Sparmaßnahmen des Senats.

Auch die Kosten dieser ungewöhnlichen Theaterproduktion sind ein politisches Statement: 300.000 Euro bezahlt die Volksbühne für das Volksbad. Kritiker werfen dem Theaterhaus einen verschwenderischen Umgang mit ihren Geldern vor. Kultursubventionen würden dringender denn je benötigt werden und die Volksbühne veranstalte ein launiges Planschen. Lilienthal kann im Grunde aber gelassen bleiben, denn die Ticketverkäufe der Volksbühne gingen durch das Volksbad nach oben.

Der neue Intendant verweist in seiner Eröffnungsrede auch auf den Entstehungsprozess der Volksbühne. Die Volksbühne sei bei ihrem Bau eine Institution gewesen, die den Arbeitern Kultur nahebringen sollte, aber sei auch damals schon ein Gentrifizierungsprojekt gewesen. Das historische Gebäude in Berlin-Mitte wurde in den Jahren 1913/14 erbaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es schwer beschädigt und wurde erst im Jahr 1954 wiedereröffnet. 

In der Tradition Schlingensiefs

»Das Bild des Volksbads ist für mich auch eine Erinnerung an Christoph Schlingensief«, so Matthias Lilienthal. Der 2010 verstorbene Regisseur Schlingensief war für seine provokante und politische Aktionskunst bekannt. Unvergessen ist sein Kunstprojekt »Ausländer raus« aus dem Jahr 2000, bei dem Schlingensief in Wien ein Container-Dorf im Stile von Big Brother errichtete, das von Asylbewerbern bewohnt wurde. Das Publikum konnte die Geschehnisse live verfolgen und die Asylbewerber aus dem Container beziehungsweise aus dem Land wählen. Es war ein Protest gegen die damalige Koalition aus ÖVP und FPÖ unter Jörg Haider. »Ich weiß«, sagt Lilienthal, »dass Schlingensief gerade im Himmel sitzt und sagt: ›So eine Scheiße, dass ich nicht dabei bin!‹«

Wenn man mit dem Bauch nach oben im Volksbad liegt, in den Himmel schaut und die Fassade der Volksbühne in diesem ungewöhnlichen Winkel betrachtet, glaubt man tatsächlich für einen kurzen Moment, den Geist von Christoph Schlingensief im Himmel zu sehen, wie er auf das Volksbad blickt und sich über diese schelmenhafte Kunstaktion freut. Denn ähnlich wie bei Schlingensiefs Aktionskunst werden auch beim Volksbad die regierenden Politiker aufs Korn genommen. Da ist es nicht verwunderlich, dass auch Elif Eralp, Spitzenkandidatin der Linken für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus, bei der Eröffnung des Volksbads im Becken zusammen mit Matthias Lilienthal vor den Augen der Hauptstadtpresse ihre Runden zieht.

Das Wasser im Volksbad ist angenehm kühl und erfrischend. Wenn man dort im vollen Becken seine Bahnen schwimmt, kann man verstehen, warum das Freibad ein Ort ist, der so sehr die Gemüter erhitzt: Es gibt wohl keinen anderen Ort, außer vielleicht der Sauna, wo Menschen aller Geschlechter sich leicht bekleidet so nah kommen, wie im Freibad. Es ist ein Ort, wo Normen der Scham überschritten werden, die überall anders still akzeptiert werden. Das Freibad zwingt seine Besucher zu einer Nähe, für die in einer immer stärker vereinzelten Gesellschaft kein Raum mehr ist.

Am Aufgang zum Schwimmbad treffen wir Matthias Lilienthal zu einem schnellen Interview. Er trägt ein rotes T-Shirt, eine verwaschene Levi‘s, Flip-Flops. Er hat wenig Zeit, der nächste Schwimmkurs geht gleich los, aber für eine Handvoll Fragen zum Volksbad reicht es noch.  


Herr Lilienthal, ist das Freibad eine sozialistische Utopie? 

Ja, auf jeden Fall. Wenn alle Menschen nackt sind, sind auch die Distinktionsmerkmale der Kleidung weg. Der Körper ist so, wie er ist. Mich interessieren dabei die Bilder, die entstehen, wenn diese fast nackten Körper vor der scharfen Silhouette der Volksbühne zu sehen sind. 

Was ist politischer: die Theaterbühne oder das Freibad? 

Beides ist politisch. Am interessantesten finde ich ein Theater, das in einem Bad stattfindet. Die Besucher des Volksbads sind daher meine liebsten Hauptdarsteller.

Wird man Sie im Volksbad ab und zu als Bademeister sehen? 

Nicht als Bademeister, nur als Direktionsdienst.

Was muss man als Direktionsdienst bei einem Freibad alles beachten? 

Man muss zum Beispiel die Umwälzpumpe stoppen, falls jemand ins Becken kackt. Oder jemand sich verletzt und blutend ins Wasser geht.

Wenn Sie ein Theaterstück inszenieren müssten, das in einem Freibad spielt, um was würde es gehen und welche Figuren würden darin vorkommen? 

Vielleicht würde ich die Gegenmetapher zu Klaus Michael Grübers »Winterreise« entwerfen. Damals ging es um RAF-Terrorismus; ich würde dann versuchen, dieses Konzept auf das Freibad zu beziehen, aber mir fällt es schwer, das jetzt innerhalb weniger Sekunden zu imaginieren.

Warum schmecken die Pommes im Freibad eigentlich immer am besten?

Weil man einen totalen Kohldampf hat, wenn man im Wasser war.


Die Pommes am Volksbad sind goldgelb frittiert und werden üppig mit Ketchup und Mayo serviert. Man kann sie sich an einem Kiosk neben der Volksbühne kaufen und sie auf einem weißen Monobloc-Stuhl mit Blick auf das Volksbad genießen. Dabei hat man Zeit, über dieses ungewöhnliche Kunstprojekt nachzudenken: Das Volksbad will auf politische Missstände in der Berliner Infrastruktur aufmerksam machen. Als Badegast und Darsteller hat man große Freude daran, denn da kann man zumindest planschen, Cola trinken und Pommes essen; als Außenstehender ist die Aktion auch ein wenig banal, denn ihre Botschaft ist recht eindeutig, obwohl gute Kunst doch eigentlich mehrdeutig sein sollte. 

Mit dem Volksbad verhält es sich ein bisschen so wie mit dem Bau der Volksbühne. Es ist ein Angebot, das einer breiten Masse zur Verfügung gestellt werden soll, aber auch im Zeichen der Gentrifizierung steht. Einerseits ist der Anspruch des Volksbads einen inklusiveren Gegenentwurf zu den Berliner Freibädern zu schaffen, andererseits lockt das Volksbad bei seiner Eröffnung vor allen Dingen die Hauptstadtpresse, sowie junge urbane Menschen an, die sowieso gerne ins Theater gehen. 

Wenn man das Volksbad in Richtung Rosa-Luxemburg-Straße verlässt, führt der Weg durch eine Menschenmenge, die interessiert den Planschenden im Volksbad zusieht. Ob sie das Schwimmbad auch als große Theaterbühne verstehen und begeistert zuschauen? Oder haben sie einfach keine Tickets mehr bekommen? Denn die kostenlosen Zeitfenster sind beliebt und nur sehr schwer zu ergattern. Wer es schafft, im Volksbad schwimmen zu können, kann sich glücklich schätzen. Doch ob Badegast oder Zuschauer: In Berlin weiß man, dass das Freibad einer der letzten Orte ist, der allen gehört – und gerade deshalb ist er so umkämpft.

Kevin Gensheimer

Kevin Gensheimer hat Filmwissenschaft und Politikwissenschaft in Berlin studiert und arbeitet als freier Journalist. Seine Texte sind zuletzt in der »Berliner Zeitung« und im »Freitag« erschienen.

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