Die ersten Erfassungsbögen wurden im Januar an alle 18-Jährigen versendet. Für Männer ist das Ausfüllen verpflichtend, für Frauen freiwillig. In den kommenden zehn Jahren soll die Streitmacht Deutschlands um etwa 80.000 Soldatinnen und Soldaten auf 260.000 plus 200.000 Reservisten wachsen – zunächst auf freiwilliger Basis. Wenn sich nicht genug Freiwillige finden, wird die ausgesetzte Wehrpflicht wieder in Kraft gesetzt. Dass der Wehrdienst damit nicht freiwillig bleiben würde, wurde von Beginn an kritisiert. Und schon jetzt – nur ein paar Monate später – zeichnet sich ab, dass diese Kritik berechtigt war. Es ist also höchste Zeit, die Argumente gegen die Behauptung der Bundesregierung, es ginge um bei der Aufrüstung und Wiedereinführung der Wehrpflicht, um Friedenssicherung, zu schärfen.
Kriegstauglich werden
Vordergründig geht es um den Krieg Russlands gegen die Ukraine, dessen Auslöser letztlich in der Nato-Osterweiterung zu suchen ist. Davon haben die EU und insbesondere Deutschland wirtschaftlich viel stärker profitiert als die USA. Die seit langem von verschiedenen US-Präsidenten erhobene Forderung gegenüber Deutschland, den Rüstungsetat zu erhöhen, um sie bei ihrem militärischen Druck gegenüber Russland zu entlasten, um so mehr Kapazitäten gegenüber China einsetzen zu können, ist eine Konsequenz daraus.
Mit dem Ende des Kalten Krieges hatte sich das mögliche Einsatzszenario der Bundeswehr völlig verändert – sie wurde umgerüstet, um weltweit eingesetzt werden zu können. Ein Massenheer mit vielen Wehrpflichtigen – die Bundeswehr verfügte im Kalten Krieg über eine halbe Million Soldaten – wurde nicht mehr gebraucht. Das Kriegsszenario mit großen Panzerschlachten in der norddeutschen Tiefebene war obsolet. Die Zahl der Panzer wurde deswegen drastisch verringert und stattdessen ein Großraumtransportflugzeug für das Heer entwickelt, ergänzt um weltweit einsetzbare Großkampfschiffe für die Marine. Diese Umorientierung ging mit einer Reduzierung der Truppenstärke einher, was letztlich dazu führte, dass die Wehrpflicht 2011 ausgesetzt wurde.
»Die weiteren Expansionsbestrebungen der EU in Richtung Osten machen es wahrscheinlich, dass dem Krieg um die Ukraine weitere folgen werden. Und dafür braucht es Soldaten.«
2022 hat sich diese strategische Überlegung geändert. Aus dem Überfall Putins auf die Ukraine wurde das Bedrohungsszenario abgeleitet, die russische Armee würde, sollte Kiew fallen, weiter nach Berlin vorrücken. Dabei hat es Putins Armee in den zurückliegenden vier Kriegsjahren nicht einmal geschafft, das erklärte Ziel, die Ukraine zu unterwerfen, zu erreichen. Das Bestreben von Donald Trump, über die Köpfe der europäischen Verbündeten hinweg und gegen deren Interessen mit Russland zu einem sogenannten Friedensdeal auf Kosten der Ukraine zu kommen, hat den Europäern ihre Abhängigkeit von den militärischen Fähigkeiten der USA vor Augen geführt. Diese Abhängigkeit soll nun durch die gigantischen Aufrüstungspläne beseitigt werden, in deren Zusammenhang auch die Pläne zur Reaktivierung der Wehrpflicht zu sehen sind. Die weiteren Expansionsbestrebungen der EU in Richtung Osten machen es wahrscheinlich, dass dem Krieg um die Ukraine weitere folgen werden. Und dafür braucht es Soldaten.
Das Vaterland ruft
Trotz des medialen Feuerwerks über die vermeintlich riesige Gefahr, die von Putin und seinen Gefolgsleuten ausgeht, ist die Wehrpflicht nicht unumstritten.
Die Bundesregierung versucht zwar, den Eindruck zu erwecken, dass es eine von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung getragene Bereitschaft zur Wehrpflicht gäbe. Fragt man aber genauer nach, dann zeigt sich bei sehr vielen ein widersprüchliches Bewusstsein. Dem Ja zur Wehrpflicht steht die Ablehnung gegenüber, selbst die Waffe in die Hand zu nehmen.
Eine von der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte Umfrage belegt das eindrücklich. Zwar sind 58 Prozent aller Befragten für eine Wehrpflicht, aber nur 23 Prozent würden auch tatsächlich dienen wollen.
Unter den 18- bis 29-Jährigen fällt diese Bereitschaft mit 14 Prozent noch deutlich geringer aus. Im Gegensatz dazu sind aber 79 Prozent für ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr. Als Hauptanliegen werden von 41 Prozent der Befürworter der Umwelt- und Naturschutz genannt, gefolgt von der Kinder- und Jugendarbeit mit 36 Prozent, dem Engagement in Bildungseinrichtungen mit 31 Prozent und der Feuerwehr und dem Katastrophenschutz mit 23 Prozent. Diese Bereitschaft zum sozialen und politischen Engagement zeigt, dass die weitverbreitete These, dass der Neoliberalismus jeden Sinn für das Gemeinwohl zerstört hätte und deswegen vor allem unter Jüngeren ein egoistischer Individualismus vorherrschen würde, so pauschal wie falsch ist.
»Das Versprechen, aus den Erfahrungen mit der Reichswehr und ihrem Nachfolger der Wehrmacht gelernt zu haben, ist ein wichtiger Bestandteil des Gründungsmythos der Bundeswehr, um den Widerstand gegen die Wiederbewaffnung zu schwächen.«
Das Ergebnis dieser Befragung bestätigt vielmehr eine wachsende Entfremdung von vielen Menschen – nicht nur den Jungen – gegenüber der Gesellschaft, in der wir leben. Das ist nicht ganz neu und ist auch schon in anderen weiter zurückliegenden Untersuchungen diagnostiziert worden. Der Grund dafür ist, dass drängende Probleme – wie der Klimaschutz – nicht angegangen werden; deutliche Mängel – wie kaputte Schulen und fehlende Lehrkräfte – nicht behoben werden, während gleichzeitig die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht.
Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass jemand, der das alles vor Augen hat, sich trotzdem dazu hergibt, einen Dienst an der Gesellschaft ausgerechnet dort zu leisten, wo es ausschließlich um die Durchsetzung von politischen und damit auch ökonomischen Interessen geht, die nicht die eigenen sind.
Staatsbürger in Uniform
Mit einer wachsenden Entfremdung gegenüber unserer Gesellschaft steht es schlecht um die Erfolgsaussichten, auf lange Sicht ohne Imagepflege genügend Freiwillige für die Bundeswehr gewinnen zu können. Deswegen werden schon seit einiger Zeit mit großem Aufwand bunte Werbekampagnen für den Dienst an der Waffe gefahren, die ein Bild von dem Dienst in einer Armee zeichnen, das mit der Realität überhaupt nichts zu tun hat. Die Bundeswehr wird in diesem Zusammenhang immer als eine Armee charakterisiert, die mit der alten Wehrmacht, die für Hitler bereitwillig Krieg geführt hat, nichts zu tun hätte.
In diesem Zusammenhang taucht immer wieder die These auf, dass die Wehrpflicht auch dazu beitragen würde, die Armee in die Zivilgesellschaft zu integrieren und so verhindert, dass sich hinter den Kasernenmauern ein tendenziell demokratiefeindliches Eigenleben entwickelt. Ein erneutes Beispiel dafür liefert der Politikwissenschaftler Sven Altenburger mit seinem Beitrag in Blätter für deutsche und internationale Politik:
»Rückblickend liegt eine gewisse tragische Ironie darin, dass der Kontrollfunktion der Wehrpflicht aus Angst vor dem deutschen Militarismus der Weimarer Praxistest verwehrt wurde. Die Weimarer Reichswehr entwickelte sich schließlich [...] völlig losgelöst von der demokratischen Gesellschaft und trug so zum Untergang der Republik bei.«
Altenburgers Geschichtsbild bedarf der Korrektur. Die Reichswehr war bis zur Niederlage 1918 eine Armee aus Wehrpflichtigen, deren Offizierskorps dem Kaiser treu ergeben war und das die Wehrpflichtigen zwang, in den Schützengräben an der Front elendig zu verrecken. Erst die Arbeiter- und Soldatenräte am Ende des Krieges machten damit Schluss. Diese Selbstermächtigung wurde von den Freikorps – die aus Soldaten der kaisertreuen Armee gebildet worden waren – in Absprache mit der SPD-Führung um Friedrich Ebert und Gustav Noske zerschlagen. Die Klassengesellschaft des untergegangenen Kaiserreichs sollte erhalten bleiben und lediglich ein republikanisches Mäntelchen umgehängt bekommen. Damit wurde die Grundlage erhalten, weiter ein reaktionäres Gesellschaftsbild hinter den Mauern der Kasernen zu pflegen.
Das Versprechen, aus den Erfahrungen mit der Reichswehr und ihrem Nachfolger der Wehrmacht gelernt zu haben, ist ein wichtiger Bestandteil des Gründungsmythos der Bundeswehr, um den Widerstand gegen die Wiederbewaffnung zu schwächen. Als Beleg dafür werden die Reformbemühungen, die seit den 1950er Jahren bis heute unter den Stichworten »Innere Führung« und »Staatsbürger in Uniform« diskutiert werden, ins Feld geführt.
»Die Angehörigen dieser Armee sind der bewaffnete Arm der ökonomisch herrschenden Klasse.«
Das Konzept des »Staatsbürger in Uniform«, der in einer Armee dient, die ihn nicht seiner Würde beraubt und die der demokratischen Kontrolle durch das Parlament unterliegt, spielt hierbei eine zentrale Rolle. Umgesetzt wurde das allerdings nie. Einer der eifrigsten Vertreter dieser Konzeption, der ehemalige Bundeswehroffizier Elmar Schmähling – er diente von 1957-1990 in verschiedenen hohen Funktionen – kommt in seinem Buch Ohne Glanz und Gloria, in dem er seine langjährigen Erfahrungen in der Truppe aufarbeitet, zu dem Schluss, dass der streng hierarchische Aufbau und die spezielle Aufgabe politische Entscheidungen mit Gewalt durchzusetzen, alle Reformbemühungen im Sinne eines »Staatsbürgers in Uniform« verhindern:
»Ganz grob lassen sich Soldaten in zwei Gruppen einteilen: Die einen müssen nur gehorchen, und die anderen dürfen auch befehlen. Mit der Höhe des Dienstgrades verschiebt sich das Gehorsams-Befehls-Verhältnis zugunsten des letzteren. Der begünstigte hochrangige Soldat steigert mit zunehmendem Dienstgrad seinen Lustgewinn im Dienst und verwächst so bis zur totalen Identifikation mit seiner Organisation. Kritikfähigkeit an der eigenen Institution und Toleranz gegenüber Kritik von außen gehen gegen Null.«
Diese Kritik von einem, der es wissen muss, ist nie Gegenstand einer tiefer gehenden Diskussion gewesen, weil sie nicht zu dem gewünschten modernen Image passt, das der Bundeswehr verpasst werden sollte. Ebenso werden aus gutem Grund die Bedingungen und sozialen Mechanismen, unter denen aus einem Zivilisten ein Soldat gemacht wird, ausgeklammert. Dabei sind sie die entscheidenden Elemente der Ausbildung und nicht die technische Ausbildung zum Umgang mit der Waffe oder dem Fahren eines Panzers.
Innere Führung
Was charakterisiert eine Armee? In dem Buch Unternehmen Bundeswehr wird das genauer untersucht. Nach einer ausführlichen Analyse, in der es um Unterdrückung durch eine scheinbar rein zweckgebundene Hierarchie geht, die auf Befehl und Gehorsam beruht; in der es um die Kasernierung von Rekruten geht, um sie von ihrem sozialen Umfeld zu isolieren und damit leicht unter Druck setzen zu können, in der es um ein auf Willkür fußendes Sanktions- und Belohnungssystem geht, um die Rekruten zu verunsichern und gefügig zu machen und in der es um Kameraderie geht, die sicherstellen soll, dass niemand aus dem Unterdrückungssystem ausbricht, weil er sich sonst isolieren würde, heißt es zum Schluss:
»Aus jemandem einen Soldaten machen, heißt […] ihn das Gehorchen in alltäglichen Situationen lehren, die das Gehorchen auch dann noch als etwas Alltägliches erscheinen lassen, wenn die Situationen alles andere als alltäglich sind. Da die Einübung des schematischen und automatischen Gehorsams mittels normativer Forderungen erfolgt, die sich auf einen routinierten Alltag beziehen, außerdem jene Ausbildungssituationen, die sich auf den Kampf beziehen ›naturgemäß‹ fiktiv sind, tritt das eigentliche Ziel der Ausbildung, im Ernstfall mit dem Töten Ernst zu machen, in den Hintergrund – eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, daß das Töten als ›Handwerk‹ gelehrt und gelernt werden kann.«
Dieses perfide Unterdrückungssystem, auf dem alle Armeen in einer kapitalistischen Klassengesellschaft beruhen, bildet zusammen mit dem Korpsgeist unter den Offizieren und Unteroffizieren, den Elmar Schmähling so deutlich beschreibt, einen Nährboden, auf dem sich die Sympathisanten von nationalkonservativen und faschistischen Weltbildern besonders wohl fühlen. Der Historiker Wolfram Wette, der sich mit der Kritik an dem Mythos von einer sauberen Wehrmacht einen Namen gemacht hat, die im Dritten Reich nur ihre Pflicht getan hätte, brachte das so auf den Punkt: »Soldaten mit rechtsradikalen Einstellungen bewegen sich hier in einem breiten konservativen bis rechtsnationalen Umfeld mit fließenden Grenzen. […] Augenzwinkernde Duldung rechtsextremer Ansichten stellt im militärischen Milieu der Bundeswehr keine Seltenheit dar.«
»Kriege sind die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln. Sie sind Entscheidungen im Interesse einer Minderheit, deren Motive der Profit und die Kapitalakkumulation sind.«
Wem Wolfram Wette zu links ist, der kann bei dem Historiker Sönke Neitzel nachschlagen, der zusammen mit dem Politikwissenschaftler Carlo Masala seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine nicht müde wird, für die massive Aufrüstung Deutschlands sowohl in mentaler als materieller Hinsicht zu werben. In seiner jüngsten Buchveröffentlichung Die Bundeswehr schreibt er zu dem seit der Wiederbewaffnung umkämpften Traditionsbild der Bundeswehr:
»Dass Soldaten als Bürger dieses Landes natürlich die Werte und Normen des Grundgesetzes teilen müssen, ist eine Binse. […] Das Dilemma, dass die Bundeswehr vor allem eine politische Tradition haben soll, es in den Truppengattungen aber gewachsene handwerkliche Militärtraditionen gibt, die in die vordemokratische Zeit zurückreichen und trotzdem für die Identifikation etlicher Soldaten von großer Bedeutung sind, ist mit der Fokussierung auf die Kriegstüchtigkeit der Bundeswehr seit 2022 nochmal größer geworden. […] Die Mehrheit der intrinsisch [zu Höchstleistungen motivierten] Soldaten wünscht sich aber mehr Bezüge zum Gefecht und auch zur Zeit vor 1945. Gerade in der Kampftruppe wird viel Kritik an einem Traditionsbild geübt, das die Eigenarten des Soldatenberufes zu wenig berücksichtigt.«
Woher das Bedürfnis nach einem menschenverachtenden – weil kriegsverherrlichendes – Traditionsbild kommt, fragt sich Neitzel gar nicht erst. Es ist die Konsequenz aus der besonderen Rolle und Aufgabe einer Armee in einem imperialistischen Krieg. Die Angehörigen dieser Armee sind der bewaffnete Arm der ökonomisch herrschenden Klasse. Sie sind unverzichtbar, um ökonomische und daraus abgeleitet politische Interessen nach innen und außen mit Waffengewalt durchzusetzen, wenn alle anderen Druckmittel versagen. In diesem Bewusstsein führen sie ein Eigenleben, denn auch hier gilt das Diktum von Karl Marx: »Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein«. Dieses Eigenleben hinter den Mauern der Kasernen kann so stark sein, dass das Offizierskorps anfängt, eigene politische Interessen zu verfolgen. Wie weit das gehen kann, zeigte vor wenigen Jahren der Skandal um das Kommando Spezialkräfte. Dort ging es um »zersetzende, sich durch Verbände hindurch fressende Strukturen, die gebildet worden sind, um womöglich Staatsumstürze zu planen«.
Im Zusammenhang mit dem jüngsten Skandal bei der Bundeswehr, über den zuerst die Frankfurter Allgemeine Zeitung unter dem Titel »Nein heißt Ja, und Ja heißt anal« Ende 2025 ausführlich berichtet hat, sind bisher keine Umsturzpläne öffentlich geworden. Das macht ihn aber nicht bedeutungsloser, weil es auch dort um Nazi-Parolen, Antisemitismus, sexualisierte Gewalt und entmenschlichende Rituale unter den Soldaten und Soldatinnen des Fallschirmjägerregiments 26 geht. Mehr als 200 Delikte sind dort bisher öffentlich geworden, an denen mindestens 55 Beschuldigte beteiligt gewesen sind.
Dass es nicht nur um das Schmieden von Umsturzplänen und das Brüllen von Nazi-Parolen bei der Bundeswehr geht, sondern damit auch politisches Handeln verbunden wird, belegt der Diebstahl von Waffen und Munition. Das war nicht nur beim Kommando Spezialkräfte der Fall. So etwas ist nur möglich, wenn es verschwiegene Absprachen unter den Verantwortlichen für die Überwachung und Lagerung gibt. Alle Waffenkammern in den Kasernen sind gegen Einbrüche besonders geschützt und es gibt auf dem ganzen Gelände, das durch einen Zaun gesichert ist, eine 24-stündige Überwachung durch regelmäßige Streifengänge. Diese Diebstähle können keine Einzeltäter ausführen, dazu braucht es ein verschwiegenes und verlässliches Netzwerk.
Kriege sind immer gegen die Interessen der Mehrheit
Kriege sind die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln. Sie sind Entscheidungen im Interesse einer Minderheit, deren Motive der Profit und die Kapitalakkumulation sind. Donald Trump kommt der Verdienst zu, mit der Kaschierung dieses Motivs gründlich aufgeräumt zu haben. Er sagt ganz offen, worum es ihm geht: um Rohstoffe, Absatzmärkte und geostrategische Vorteile und nicht um Menschenrechte und Demokratie. Jahrzehntelang konnte vor allem Deutschland im Windschatten der USA seine imperialistischen Interessen verfolgen. Das ist vorbei, die USA sind zum offenen Konkurrenten geworden.
Die Wehrerfassung ist ein wichtiger Teil der gigantischen Aufrüstungspläne, die in den kommenden Jahren, als Konsequenz dieser veränderten Situation, umgesetzt werden sollen. Das Ziel ist dabei nicht die Stärkung der Landesverteidigung, sondern der Aufbau von militärischen Fähigkeiten, um politische Ziele in Zukunft auch ohne die USA gewaltsam durchsetzen zu können. Damit soll auch die Verhandlungsposition beim Aufteilen der Beute gegenüber den USA gestärkt werden, um nicht wieder, wie bei den Verhandlungen über die Zukunft der Ukraine, übergangen zu werden.
»Das gegenwärtige Wettrüsten, die Wehrerfassung, die Behauptung, es ginge ausschließlich um die Landesverteidigung und die Skepsis in Teilen der Bevölkerung, erinnern an die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Wir müssen daraus die richtigen Lehren ziehen, bevor es wieder zu spät ist.«
Die Wiedereinführung der Wehrpflicht erfolgt in zwei Schritten, um den erwarteten Widerstand möglichst gering zu halten. Der erste Schritt, der aktuell bereits stattfindet, ist die Wehrerfassung, begleitet von massiven großflächigen Werbekampagnen und dem erweiterten Einsatz von Bundeswehroffizieren an den Schulen. Diese argumentieren, dass es ausschließlich um die Landesverteidigung geht und dass die Wehrpflicht eine Voraussetzung dafür ist, die Bundeswehr in die Gesellschaft zu integrieren. Die Wehrpflicht hat aber weder im Kaiserreich noch unter Hitler der Integration in die Gesellschaft gedient, sondern der Militarisierung der Gesellschaft mit dem Ziel, einen Krieg zu führen.
Die Ausbildung für den reinen Verteidigungsfall kann unter ausschließlich militärisch notwendigen Gesichtspunkten erfolgen und unter Kontrolle der Menschen, die sich ausbilden lassen wollen. Ginge es also nur um Verteidigung, könnte die militärische Ausbildung auch tatsächlich darauf beschränkt werden – aber das ist nicht der Fall. Engels schreibt dazu im Vorwort seiner 1893 veröffentlichten Broschüre Kann Europa abrüsten?:
»Ich gehe […] von der Voraussetzung aus, die sich mehr und mehr allgemeiner Anerkennung erobert: daß das System der stehenden Heere in ganz Europa auf die Spitze getrieben ist in einem Grad, wo es entweder die Völker durch die Militärlast ökonomisch ruinieren oder in einen allgemeinen Vernichtungskrieg ausarten muß, es sei denn, die stehenden Heere werden rechtzeitig umgewandelt in eine auf allgemeiner Volksbewaffnung beruhenden Miliz. […] Ich suche […] festzustellen, daß vom rein militärischen Standpunkt der allmählichen Abschaffung der stehenden Heere absolut nichts im Wege steht; und daß, wenn trotzdem diese Heere aufrechterhalten werden, dies nicht aus militärischen, sondern aus politischen Gründen geschieht, daß also mit einem Wort die Armeen schützen sollen nicht so sehr gegen den äußern wie gegen den innern Feind.«
Engels hellsichtige Analyse der politischen Entwicklung knapp zwei Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg hat sich als richtig herausgestellt. Der »allgemeine Vernichtungskrieg«, von dem er schreibt, hat 1914 tatsächlich begonnen. Das gegenseitige Versprechen der europäischen Sozialdemokraten unter der Losung »Diesem System keinen Mann und keinen Groschen« nicht gegeneinander in den Krieg zu ziehen, wurde unter dem Vorwand, es ginge um die Landesverteidigung, gebrochen. Die Militarisierung der Gesellschaft war zu dem Zeitpunkt weit fortgeschritten, trotzdem gab es ein großes Potential, um den Krieg abzuwenden. Es fehlte aber eine entschlossene Kraft, die dieses Potenzial heben wollte.
Die anfängliche Kriegsbegeisterung im Deutschen Reich, die in der Geschichtsschreibung betont wird, wurde vor allem vom Groß- und Kleinbürgertum getragen. Der Historiker Volker Berghahn zeichnet ein differenzierteres Bild und zitiert aus dem Tagebuch eines Mitglieds des Hamburger sozialdemokratischen Jugendbundes von Anfang August 1914:
»Die Aufregung der Bevölkerung, die sich schon vorher im panikartigen Ansturm auf die Sparkassen und Lebensmittelgeschäfte geäußert hatte, wuchs. Die meisten Menschen waren niedergeschlagen, als wenn sie am nächsten Tag geköpft werden sollten.«
Auch der Journalist Michael Jürgs zeichnet mit seinem Buch Der kleine Frieden im Großen Krieg ein ganz anderes Bild von der angeblichen Kriegsbegeisterung. Er wertete Feldpostbriefe und Regimentstagebücher aller Kriegsparteien aus und beschrieb die wiederholte Fraternisierung der einfachen Soldaten – trotz der Strafandrohung durch die Offiziere – an der Westfront zu Weihnachten 1914 ausführlich. Er zitiert in der Einleitung zu seinem Buch den irischen Dramatiker George Bernard Shaw, der zu Beginn des Krieges im sozialistischen Wochenblatt New Statesman schrieb: »Die Soldaten aller Armeen sollten ihre Offiziere erschießen und anschließend nach Hause gehen.«
In der Arbeiterklasse gab es vor dem Krieg in allen Ländern eine Stimmung gegen den Krieg. Hätte die deutsche Sozialdemokratie und mit ihr alle anderen Arbeiterparteien, die in der II. Internationale zusammengeschlossen waren, das genutzt und sich den imperialistischen Kriegsplänen entgegengestellt, die Welt sehe heute ganz anders aus. Das gegenwärtige Wettrüsten, die Wehrerfassung, die Behauptung, es ginge ausschließlich um die Landesverteidigung und die Skepsis in Teilen der Bevölkerung, erinnern an die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Wir müssen daraus die richtigen Lehren ziehen, bevor es wieder zu spät ist