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Warum die DDR-Literatur uns heute interessieren sollte

Die Literatur der DDR wurde für historisch überholt erklärt: Weil sie sich dem Aufbau des Sozialismus widmete, habe sie uns heute nichts mehr zu sagen. Doch Carsten Gansels Buch »Ausradiert?« zeigt, dass es sich durchaus lohnt, sie wiederzuentdecken.

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Warum die DDR-Literatur uns heute interessieren sollte
Die Verlage, Buchhandlungen (wie hier in Leipzig abgebildet, ca. 1974) und Literaturkultur der DDR ist weitestgehend verschwunden nach 1989. IMAGO / imagebroker

Was heute in der breiten Öffentlichkeit der Bundesrepublik als historisches »Wissen« über die DDR kursiert, entspricht mehr einem Feindbild als der Realität dieses einstigen Landes. Die Auseinandersetzung mit dem Erbe der DDR wird auch Jahrzehnte nach ihrem Untergang von der Systemlogik der Sieger diktiert. 

Mit diesem Komplex hat sich der Germanistikprofessor Carsten Gansel in seinem Buch Ausradiert? – Wie die Literatur der DDR verschwand aus literaturgeschichtlicher Sicht beschäftigt. Gansel schreibt explizit als Ostdeutscher, allerdings als einer, der biografisch Glück gehabt und insofern keine Rechnungen mit dem Westen offen habe. 1955 in Güstrow geboren, war er nach der »Wende« in Gießen lange Jahre der einzige Ostdeutsche auf einem Lehrstuhl für Literaturwissenschaft an einer westdeutschen Universität.

Gansels zentrale These – im Buchtitel als Frage formuliert –, dass die Literatur der DDR »ausradiert« worden sei, mag auf den ersten Blick stutzig machen: Sind nicht etliche Ex-DDR-Schriftstellerinnen und -Schriftsteller im »wiedervereinigten« Deutschland weiterhin präsent und aktiv geblieben, mitunter auch durchaus erfolgreich? Wurden nicht einzelne in der DDR entstandene Texte sogar Schullektüre in der neuen BRD? 

Man könnte Gansels Argument so zusammenfassen: Trotz Tradierung einzelner Texte sei die DDR-Literatur als Ganzes für »erledigt« erklärt worden, und zwar: als Literatur der DDR – und das heißt letztlich: als in ihren Voraussetzungen sozialistische Literatur. Auch diejenigen Texte, die heute noch als lesenswert gelten, werden auf die Maßstäbe der Feindbild-Logik reduziert.

Büchervernichtung, Aussortierung, Ausverkauf

Die Überprüfung seiner These beginnt Gansel auf der strukturellen Ebene des Literatursystems der DDR. Dieses wurde ab 1990 tatsächlich vollständig demontiert, hier kann ohne Einschränkung von Auslöschung die Rede sein. 

»Die Literatur der DDR wurde und wird von westdeutscher Seite pauschal als ›staatsnah‹, ›ideologisch‹ und ästhetisch minderwertig betrachtet.«

Die faktischen Vorgänge, die Gansel rekonstruiert, dürften allgemein wenig bekannt sein: die Auflösung des flächendeckenden Bibliotheksnetzes der DDR; die Aussortierung DDR-eigener Titel in den verbleibenden Bibliotheken; der Ausverkauf der DDR-Verlage an westdeutsche Unternehmen unter Regie der Treuhand (von einst 78 DDR-Verlagen existieren im heutigen Osten nur noch acht); die millionenfache Verschrottung von Büchern aus DDR-Produktion, als der Buchhandel sich am 1. Juli 1990 für den westdeutschen Markt öffnete und unter der Flut der neuen West-Titel die zentrale Auslieferung kollabierte; der große Personal-Austausch und nicht zuletzt die biografischen Schicksale etlicher Autoren, die im neuen System nicht mehr gefragt waren, Publikationsmöglichkeiten und Existenzgrundlage verloren. Soweit der strukturelle Rahmen. Das Hauptaugenmerk legt Gansel auf die Bewertung literarischer Texte. 

Die Literatur der DDR wurde und wird von westdeutscher Seite pauschal als »staatsnah«, »ideologisch« und ästhetisch minderwertig betrachtet. Gegenwärtig, so Gansels Befund, herrsche die Haltung vor, es handele sich um eine historisch überholte Literatur, die sich mit dem Untergang des Staates, aus dem sie hervorging, sozusagen erledigt habe und entsorgt werden könne. Das Verhältnis zur DDR-Literatur im Westen sei daher von Unkenntnis und Desinteresse geprägt. Deswegen möchte Gansel seinen Leserinnen und Lesern nicht zuletzt auch Grundlagenwissen vermitteln. 

Exilliteratur und sozialistischer Aufbau

Ausgangspunkt der in der sowjetischen Besatzungszone entstehenden Literatur der späteren DDR war die Exilliteratur – anders als im Westen, wo diese zunächst marginalisiert wurde und die »Inneren Emigranten« die Vorherrschaft auf dem literarischen Feld gegen die tatsächlichen Emigranten beanspruchten, bevor sich dann die Jüngeren als Gruppe 47 formierten, die den westdeutschen Literaturbetrieb bis Ende der 1960er maßgeblich prägen sollte. Mit dem Anknüpfen an die Exilliteratur orientierte sich die entstehende DDR-Literatur ästhetisch eher an realistischen Erzählkonzepten, während die westdeutsche Literatur sich mehr an einer modernistischen Autonomieästhetik orientierte.

Als grundlegend für das Verhältnis von Literatur und Staat in der DDR sieht Gansel den Schriftstellerkongress im Juli 1950. Dort war verlautbart worden, Regierung und Kulturschaffende seien nun »Kampfgenossen«. Erstmals in der Geschichte sei dies möglich geworden: durch die Herstellung sozialistischer Verhältnisse. Unter diesen neuen Voraussetzungen könne die Kunst jetzt »Ja!« zum Projekt des neuen Staats sagen und dessen Aufbau mitgestaltend begleiten. 

»Ein zentraler Gedanke, den er immer wieder betont: Staat und Gesellschaft (und damit auch Kultur) sind auch im Falle der DDR nicht gleichzusetzen. Kultur und Gesellschaft hätten sich vielmehr durchgehend in Auseinandersetzung mit dem Staatsapparat entwickelt.«

Hier liegt offensichtlich der wahre Kern des Klischees von der affirmativen »Staatsdichtung«. Gansel stellt aber klar, dass die tatsächliche Kulturpraxis in der DDR nie die direkte Umsetzung staatlicher Vorgaben war – diese Vorstellung sei schlichtweg unzutreffend. Wohl aber habe die Literatur die Mitarbeit am »Projekt DDR« zustimmend angenommen. Wie die frühe DDR überhaupt, war auch ihre Literatur in den 1950er Jahren von großer Aufbruchsstimmung geprägt, die es mit dem Aufbau einer besseren, sozialistischen Gesellschaft durchaus ernst meinte.

Gansel skizziert zunächst, wie das Literatursystem der DDR tatsächlich funktionierte. Gegen das simplifizierende Klischeebild von der »Zensur« legt er die Zusammenarbeit von Verlagen und Autoren dar, die im Lektorat gemeinsam den Text erarbeiteten, für den dann eine staatliche Druckgenehmigung vom Ministerium für Kultur einzuholen war. Dafür wurden externe Gutachten zu den Manuskripten erstellt. Die seien in einigen Fällen strategisch so eingesetzt worden, dass Verlage die Behörden regelrecht an der Nase herumführten, schreibt Gansel. 

Ein zentraler Gedanke, den er immer wieder betont: Staat und Gesellschaft (und damit auch Kultur) sind auch im Falle der DDR nicht gleichzusetzen. Kultur und Gesellschaft hätten sich vielmehr durchgehend in Auseinandersetzung mit dem Staatsapparat entwickelt – ausgehend von der anfänglichen Prämisse einer besonders engen Kooperation, aber nie als bloße Umsetzung staatlicher Vorgaben.

»Teilhabe an der Veränderung der Welt«

Das Eigenprofil der DDR-Literatur ergibt sich indes durchweg aus dem zentralen Bezug auf die Probleme des Sozialismus. Dies betrifft ganz wesentlich ihre inhaltliche Ausrichtung: Themen und Stoffe. In einem Ost-West-Autorengespräch, das 1964 stattfand, hatte Günter Grass bemerkt, wie markant sich zwischen BRD- und DDR-Literatur »die Themenwahl« unterschied. Es wurden in der DDR ganz andere Geschichten erzählt als im Westen! Gansel charakterisiert die DDR-Literatur als Ganzes durch einen überaus starken Gegenwartsbezug und ihr grundlegendes Selbstverständnis, aktiv teilnehmen zu wollen an der Veränderung der Welt – in grundsätzlicher Übereinstimmung mit der sozialistischen Zielrichtung. 

Dies habe aber, betont Gansel, faktisch nie eine kritiklose Darstellung der herrschenden Verhältnisse bedeutet. Vielmehr habe die Literatur regelmäßig dort angesetzt, wo Widersprüche in den neuen Verhältnissen auftraten, habe Probleme, Konflikte aufgegriffen und thematisiert – und damit faktisch auch, in Ersatz für die nicht wirklich freie Presse, als offener Raum für die Selbstbefragung der entstehenden DDR-Gesellschaft fungiert.

Dass diese »Mitarbeit« zu verschiedenen Zeitpunkten von staatlicher Seite mehr oder weniger (un)erwünscht war, zeigt Gansel in je eigenen Kapiteln anhand von historischen Einschnitten, die die kulturpolitischen Rahmenbedingungen veränderten, und anhand von konkreten Fallbeispielen einzelner Werke, Künstler oder Ereignisse im Kulturbereich, die zu »Störfällen« wurden.

Modelle der DDR-Literatur

Als Kompakt-Einführung in das thematische und formale Spektrum der DDR-Literatur schlägt Gansel eine Schneise durch die Textmassen (die er vorab auf die erzählende Prosa eingrenzt) anhand von »Modellen«: Erzählmuster und Genres, die typisch für die DDR-Literatur sind, und Einzelwerke von herausragender Bedeutung, deren Schreibansatz modellbildend wurde. 

Für die frühe DDR nennt er das erste Modell »Helden der Arbeit«. Hier am ehesten fänden sich noch Entsprechungen zu einem »Sozialistischen Realismus«, womit oft pauschal die gesamte DDR-Literatur charakterisiert werde – Gansel merkt an, dass dahinter kein literaturgeschichtlich auch nur halbwegs klares Konzept steht, es sich überhaupt dabei nicht um eine deskriptive Zuschreibung handelt, sondern um ein bloßes Klischee in abwertender Absicht. Im Zuge des sozialistischen Aufbaus der 1950er Jahre entstand der Typus der »Betriebsromane«, in denen der Aufbau eines neuen Betriebs oder auch einer neuen Stadt modellhaft für den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft im Ganzen steht. Dem Pioniergeist der Zeit entsprechend, sind die Romanfiguren oft heldenhaft-vorbildlich dargestellt. Hier setzt das verzerrende Klischee von der didaktisch-affirmativen »Propaganda-Literatur« offenkundig an. 

»Dem in der frühen DDR durchaus noch verbreiteten Gefühl, am Aufbau einer Welt mitzuarbeiten, die nicht mehr der Minderheit einer Eigentümer-Klasse gehört und dient, sondern wirklich der breiten Bevölkerungsmehrheit, ist enthusiastische Bejahung doch nur angemessen.«

Gansel zeigt, dass solche Erzählmodelle im Laufe der Zeit immer wieder modifiziert und kritisch abgewandelt wurden, etwa bereits 1959 in dem Romanprojekt Erziehung eines Helden von Siegfried Pitschmann, in dem ein Neuankömmling bei einer Arbeitsbrigade von den alten Hasen in die Kunst des Schummelns und Bummelns eingewiesen wird. Das Beispiel steht innerhalb des »Störfälle«-Kapitels – Pitschmanns Projekt, das durchaus eine literarisch wie gesellschaftlich wertvolle Auseinandersetzung mit Leistungsethik und Arbeitsmoral im DDR-Sozialismus hätte sein können, war vom Schriftstellerverband gestoppt worden.

Grundsätzlicher aber wäre zu überlegen, warum affirmative Darstellungen einen Text als Literatur generell disqualifizieren sollten: Es kommt doch wohl darauf an, was bejaht wird. Dem in der frühen DDR durchaus noch verbreiteten Gefühl, am Aufbau einer Welt mitzuarbeiten, die nicht mehr der Minderheit einer Eigentümer-Klasse gehört und dient, sondern wirklich der breiten Bevölkerungsmehrheit, ist enthusiastische Bejahung doch nur angemessen. 

Allerdings war mit dem Leitbild vom »Neuen Menschen« doch eine Überbetonung der Sinnstiftung durch Arbeit angelegt, die in den Anfangsjahren noch emanzipatorisch gedeutet werden konnte (»Wir bauen uns unsere eigene Welt«), im Laufe der DDR-Geschichte aber doch zu einem »Arbeitsfetisch« verkam, der dem von kapitalistischen Bourgeoisien propagierten Mantra von der Arbeit als Lebenssinn fatal ähnelte, wie etwa der Schriftsteller und Philosoph Lukas Meisner in seinem 2025 erschienenen Essay Fluch(t) ausführt.

Der »Bitterfelder Weg«

Als programmatische Leitlinie wurde 1959 auf einer Autorenkonferenz im Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld der »Bitterfelder Weg« ausgerufen. Einerseits wurden die Kulturschaffenden aufgerufen, in die Betriebe zu gehen, andererseits Produktionsarbeiter animiert, selbst zu schreiben. Institutioneller Rahmen waren Schreibzirkel in betrieblicher Trägerschaft. 

Gansel erklärt, es habe sich hierbei letztlich um einen Versuch gehandelt, das Problem der sozialen Differenzierung in einer modernen Industriegesellschaft ernsthaft anzugehen. Es gibt ja auch nach der Vergesellschaftung der Produktionsmittel noch die funktionale Differenzierung durch arbeitsteilige Organisation. Wie über beruflich bedingte Milieu-Grenzen hinweg Gemeinwohl zu definieren sei und alle gesellschaftlichen Gruppen an allen gesellschaftlichen Bereichen – also auch die in der Produktion primär »Handarbeit« Verrichtenden am »geistigen« Leben – teilhaben könnten: Um solche Fragen ging es. Man kann nicht sagen, dass so etwas in der BRD oder sonstwo im kapitalistischen Westen auch nur annähernd so systematisch versucht worden wäre. 

Überhaupt liegt ein kaum zu überschätzender Unterschied zur West-Literatur darin, wie zentral die Produktion – marxistisch gesprochen: die materielle Basis als literarisches Thema behandelt wird, statt wie in großen Teilen der bürgerlichen Literatur als nicht wirklich literaturwürdiger Hinter- beziehungsweise Untergrund bloß stillschweigend vorausgesetzt zu werden. Polemisch gesprochen: Wo im Westen von der Trennung von »Kunst und Leben« endlos philosophiert und schwadroniert wurde, wurde in der DDR ganz konkret an den praktischen Grundlagen zu ihrer Überwindung gearbeitet.

Literarische Vielfalt

Erzählerisch vermittelt wurde die Auseinandersetzung mit dem sozialistischen Aufbau oft durch die Figurenperspektive junger Menschen, die aus ihren Herkunftsmilieus (Familie, Schule, Studium) in die Arbeitswelt kommen – nach dem modellbildenden Roman Ankunft im Alltag (1961) von Brigitte Reimann »Ankunftsliteratur« genannt. In diesem Erzählmodell wurden auch Generationenkonflikte oder sich wandelnde Geschlechterrollen problematisiert. Gansel zeigt, wie verstärkt ab den 1960er Jahren, aber auch davor schon, Widersprüche und Diskrepanzen zwischen dem sozialistischen Leitbild und der Wirklichkeit zum zentralen Thema wurden, das zunehmend auch Struktur und Form des Erzählens prägte. 

Auch die ästhetischen Verfahren passten sich an veränderte Problemlagen an. Das Erzählen wurde insgesamt gegen Ende der 60er Jahre reflexiver, verfahrenstechnisch modernistischer, Stilmittel der ästhetischen Subjektivierung kamen verstärkt zum Einsatz. Als einen hierfür modellbildenden Text betrachtet Gansel Christa Wolfs Roman Nachdenken über Christa T. (1968), den die Autorin als Reaktion auf das 11. Plenum des ZK der SED bezeichnete, auf dem die Kulturschaffenden zum Sündenbock für gescheiterte Wirtschaftsreformen gemacht wurden (die Kunst wirke demoralisierend auf die Jugend und so weiter). Je mehr die DDR gegen Ende in die Krise geriet, desto zentraler wurden in der Literatur rückblickende Perspektiven, die Gedächtnis und Erinnerung problematisierten.

»Gansel ist der Meinung, dass eine kritische Selbstreflexion der entstehenden sozialistischen Gesellschaft, wie Literatur oder Film sie anboten, durchaus einen entscheidend anderen Verlauf der DDR-Geschichte hätten befördern können.«

Eigene Unterkapitel widmet Gansel unter anderem der Bedeutung dokumentarischer und reportagenaher Literaturformen oder dem Aufkommen fantastischer Schreibweisen ab den 70er Jahren. Fantastisches Erzählen wurde ein Mittel reflexiver Verfremdung angesichts zunehmender Risse im Gesellschaftsgefüge der DDR. In den 80er Jahren lieferte die Fantastik dann zunehmend poetische Bilder für die immer offensichtlichere Stagnation und Erstarrung der Verhältnisse. Ein ganzes Unterkapitel widmet Gansel auch der Kinder- und Jugendliteratur, die in der DDR ein völlig eigenes Profil ausbildete und die Sphäre der Kindheit in bis dahin ungekanntem Ausmaß auf gesellschaftliche Fragen öffnete.

Gansel ist der Meinung, dass eine kritische Selbstreflexion der entstehenden sozialistischen Gesellschaft, wie Literatur oder Film sie anboten, durchaus einen entscheidend anderen Verlauf der DDR-Geschichte hätten befördern können. Hier erweise sich die Lernunfähigkeit der SED-Führung, deren repressiver Umgang mit Konflikten und Widersprüchen, das Nicht-Zulassen von Einspruch, den Niedergang der DDR mit besiegelt hätten.

Rezeption in der BRD, vor und nach der »Wende«

Wie und warum es ab 1990 zur »Ausradierung« der DDR-Literatur kam, zeigt Gansel anhand ihrer Rezeptionsgeschichte in der alten und neuen BRD. Während die DDR selbst noch existierte, wurde ihre Literatur im Westen zunächst schlicht ignoriert; dann ging das westdeutsche Feuilleton zu einer vorgeblichen Auseinandersetzung über, die zwischen aggressiver Abwertung und Umschmeicheln pendelte, nach letztlich rein ideologischen Kriterien: Kritik am DDR-Regime wurde gelobt, grundsätzliches Festhalten am Sozialismus dagegen hart verdammt, letzteres allerdings nicht ganz offen, sondern sozusagen über Bande: Gansel analysiert sehr gut die pseudo-ästhetischen Kriterien, die in den eigentlich rein ideologisch motivierten Literaturkritiken vorgeschützt wurden.

Offiziell galt die DDR-Literatur der autonomieästhetisch orientierten BRD-Kritik als plump realistisch, unterkomplex und daher ästhetisch wertlos. Gerade aber DDR-Texte von Frauen wie Brigitte Reimann oder Christa Wolf, die modernistische, subjektivierende Erzählverfahren verwendeten, wurden besonders hart abgeurteilt, weil sie mit »westlichen« Stilmitteln (als sei die Darstellung von Subjektivität exklusiv westliches geistiges Eigentum) Konflikte und Widersprüche in der sozialistischen Gesellschaft darstellten und sich dem Sozialismus trotzdem weiterhin explizit verbunden fühlten. 

Das wurde dann (mit deutlich misogynen Untertönen) als geradezu »hysterisch«, »psychotisch« gegeißelt, wo man doch sonst höchste literarische Qualität gerade im Gebrochenen, Komplizierten, innerlich Zerrissenen fand. Erst im Zuge des 68er Umbruchs änderte sich die Haltung in Teilen der BRD-Öffentlichkeit, wurde mit wachsenden Zweifeln am eigenen postfaschistischen Staat die DDR als ernstzunehmende Systemalternative und damit auch ihre Literatur offener betrachtet.

Nach dem Ende der DDR wurde dann wieder auf Total-Verdammung umgestellt, bereits im Laufe des Jahres 1990 und nochmals verstärkt nach der Jahrtausendwende. Die seither vorherrschende Haltung gegenüber der DDR-Literatur läuft nach Gansels Analyse darauf hinaus, sie im Großen und Ganzen für historisch überholt, für Makulatur zu erklären. Das einzige, was sie uns heute noch lehren können soll, ist, dass die DDR ein »Unrechtsstaat« und wie böse die »SED-Diktatur« war. In der heutigen BRD noch als legitim tradierte DDR-Texte werden selektiv auf Belege dieser BRD-»Wahrheiten« hin gelesen, quasi als deren Beglaubigungen durch DDR-eigene Erfahrungen vereinnahmt. 

»Gansels Buch bietet einen sehr nützlichen Überblick zum Einstieg sowie einige interessante weiterführende Überlegungen – auch wenn der Autor selbst letztlich nicht als Sozialist argumentiert.«

Alles andere aber, was zustimmend vom Aufbau des Sozialismus erzählt oder sich um des Sozialismus willen mit seinen spezifischen Problemen befasst, habe uns heute nichts mehr zu sagen. Das kann letztlich nur heißen: weil Sozialismus heute kein Ziel mehr sein kann. Und das zeigt: Was abgelehnt wird, sind gar nicht in erster Linie die Menschenrechtsverletzungen der SED, nicht die repressiven Fehlentwicklungen eines historisch konkreten Staates, sondern es ist die sozialistische Zielrichtung überhaupt, die man der DDR übelnimmt. Deren Literatur, soweit sie uns heute noch anzugehen habe, soll also als einzig legitime Botschaft auch nicht bloß die Kritik an einem konkreten Regime liefern, sondern letztlich den Pauschal-Beleg, dass Sozialismus an und für sich Mist ist und man es damit auch in Zukunft nie wieder zu versuchen braucht.

Man muss sich (über Gansel hinausgehend) die Implikationen einmal klar machen: Literatur und Kultur der antiken Sklavenhalter- oder der mittelalterlichen Feudalgesellschaft, die Dichtungen faschismusbegeisterter Ästhetizisten des 20. Jahrhunderts: Alles kann und soll problemlos heute noch relevant für uns sein und wird fraglos in Kontinuität zu »uns heute« gesetzt – aber der Großteil der DDR-Literatur wird abgespalten als etwas, das mit dem Sozialismus zu tun hat, also nichts mit »uns«.

Sozialistische Literatur als Teil unserer Geschichte

Dagegen müssten wir – ohne Anführungszeichen: als Arbeiterklasse – wieder begreifen lernen, dass die DDR-Literatur als sozialistische Literatur nicht nur die Literatur Ostdeutschlands war, sondern in ihren konkreten Inhalten und Zielen die Literatur einer »arbeiterlichen Gesellschaft« sein wollte, es zumindest sehr viel eher als die der BRD auch tatsächlich war, und damit ein wesentlicher Teil unserer Literaturtradition sein sollte.

In diesem Sinne bietet diese Literatur uns ein reiches Reservoir an Erfahrungen mit einem der bisher am weitesten gekommenen Versuche, eine »arbeiterliche Gesellschaft« (diese von Gansel öfters verwendete Formulierung stammt von dem Soziologen Wolfgang Engler) in die Tat umzusetzen. Gansels Buch bietet hierfür einen sehr nützlichen Überblick zum Einstieg sowie einige interessante weiterführende Überlegungen – auch wenn der Autor selbst letztlich nicht als Sozialist argumentiert. Gansel schreibt vielmehr im Gestus einer skeptischen Offenheit, die man als tendenziell »zentristisch« kritisieren könnte, die aber außerhalb der Linken den Denkraum mindestens beträchtlich erweitert. Immerhin sagt Gansel ganz explizit, dass es legitim sein müsse, sich heute positiv auf die DDR zu beziehen. Alle, die sie nicht selbst erlebt haben, können heute ihre Literatur entdecken.

Moritz Klein

Moritz Klein ist Literaturwissenschafler und arbeitet als Autor, Lektor und Museums-Guide sowie in einem kleinen Buchladen.

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