Zum Inhalt springen

Victor Serge war einer der großen revolutionären Schriftsteller

Victor Serge lebte während einer außergewöhnlichen Periode revolutionärer Erhebungen. Mit 56 starb er im mexikanischen Exil. Geprägt von Hoffnung und Verzweiflung, Serges Leben und seine Arbeit können heute dabei helfen, das turbulente zwanzigste Jahrhundert in Europa zu verstehen.

Veröffentlicht: Zuletzt aktualisiert:
Victor Serge war einer der großen revolutionären Schriftsteller
Eine Gerichtsskizze von Victor Serge aus dem Jahr 1913, angefertigt von Paul Charles Delaroche. Bild-Quelle: Wikimedia Commons / Gallica Digital Library

Viele Leserinnen und Leser werden mit Victor Serges literarischen Werken vertraut sein: insbesondere mit seinen Romanen Die große Ernüchterung, der Fall Tulajew und seiner faszinierenden Autobiographie Erinnerungen eines Revolutionärs. Seine Arbeiten drehen sich um große historische Ereignisse der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts, die Hoffnungen, die nach der Oktoberrevolution von 1917 entstanden sind, und ihrem anschließenden desaströsen Ausgang.

Aufbauend auf ausführlichen Recherchen und der Quellensammlung des Serge Gelehrten und Übersetzers Richard Greeman hat Mitchell Abidor nun eine Biographie über Victor Serge geschrieben. Abidor fechtet Serges eigene Schilderungen, die er in den Erinnerungen gegeben hat, nicht an. Er erweitert sie um viele faszinierende Details, die Serges politische Entwicklung in Kontext setzen.

Anarchismus und Bolschewismus

In Belgien wurde Wiktor Lwowitsch Kibaltschitsch in eine russische Familie geboren. Obwohl er nie eine Schule besucht hat, hatte er schon als Jugendlicher eine beachtenswerte intellektuelle Entwicklung durchgemacht. Er zog nach Paris und wurde Autor und Redakteur im anarchistischen Milieu und landete dort für fünf Jahre im Gefängnis. 

Abidor widmet das erste Viertel seines Buchs Serges Zeit als Anarchist. Revolutionäre werden nicht als solche geboren, sondern werden oft durch einen von Schwierigkeiten und Widersprüchen gezeichneten Weg dazu. Obwohl Serge immer bestimmte Sympathien für den Anarchismus behielt, zeigt Abidor, dass es in der Pariser Anarchisten-Szene einige zutiefst reaktionäre Elemente gab.

Der Einfluss des radikalen Individualismus und ein deutlicher Pessimismus bezüglich der Möglichkeit sozialer Veränderungen hatten zur Folge, dass Serge skeptisch war gegenüber der Durchführbarkeit kollektiver Aktionen. Erst seine späteren Erfahrungen mit Massenaktionen, zuerst in Spanien, dann in Russland führten zu einer fundamentalen Neuorientierung seiner politischen Aktivitäten.

»Der junge Serge hatte auf die Möglichkeit einer Revolution spekuliert. Jetzt, da eine Revolution stattgefunden hatte, und obwohl sie nicht seinen früheren Vorstellungen entsprach, war er bereit, darin seine Rolle zu spielen.«

Die russische Revolution von 1917 war der Wendepunkt in Serges Entwicklung. Für Serge und die ganze Generation, die von dem schrecklichen Massenschlachten des Ersten Weltkriegs gezeichnet war, war der Aufstieg der Bolschewistischen Partei zur Macht ein Moment der Hoffnung – Hoffnung, dass es möglich sei, eine gänzlich andere soziale Ordnung aufzubauen.

Der junge Serge hatte auf die Möglichkeit einer Revolution spekuliert. Jetzt, da eine Revolution stattgefunden hatte, und obwohl sie nicht seinen früheren Vorstellungen entsprach, war er bereit, darin seine Rolle zu spielen. Trotz großer Hindernisse machte er sich auf durch ganz Europa und stellte sich in den Dienst der Bolschewiki.

Russland war nach der Revolution kein Paradies. Der Hauptgrund – den Abidor mehr hätte hervorheben können – waren die Anstrengungen der Großmächte des Westens (Britannien, Frankreich, USA, etc.) das neue Regime zu untergraben und zu stürzen, um zu verhindern, dass die Hoffnung, die davon ausging, die arbeitenden Menschen anderswo erreichte. Ausländische Armeen waren in Russland einmarschiert und haben sich mit heimischen Konterrevolutionären zusammengeschlossen: der sogenannte Bürgerkrieg war in Wahrheit ein nationaler Verteidigungskrieg. Serge hat mit Year One of the Russian Revolution eine kraftvolle Geschichte geschrieben über die bewaffnete Verteidigung von Petrograd, an der er selbst beteiligt war. 

Sicherlich war Serge, wie Abidor aufzeigt, in den ersten Jahren zurückhaltend und kritisch gegenüber der Revolution. Zweifellos war die Hauptmotivation seines Engagements dieser Jahre die Verteidigung und Propagierung der Revolution. Er unterstützte sogar die Niederschlagung des Kronstädter-Aufstands gegen die Bolschewiki 1921 (auch wenn er diesbezüglich später seine Meinung änderte). Serge entwickelte das Konzept der »doppelten Pflicht«, die Notwendigkeit, die äußeren Feinde der Revolution zu konfrontieren und gleichzeitig die negativen Faktoren innerhalb der Revolution.

Wie auch Wladimir Lenin und Leon Trotzki war Serge davon überzeugt, dass die Revolution sich westwärts ausbreiten müsse, um überleben und sich entwickeln zu können. Mitte der 1920er Jahre zog er nach Zentraleuropa, um Teil der erhofften deutschen Revolution zu sein, die das Machtgefüge in ganz Europa verschoben hätte. So illusorisch die Hoffnung auf eine Revolution in Deutschland rückblickend erscheinen mag, das Deutschland von 1923, das Serge in einer Reihe von Presseartikeln beschrieben hat, war am Rande des sozialen und ökonomischen Kollapses – es war eine Gesellschaft an der Schwelle zu Revolution. 

Mitternacht im Jahrhundert

Die zehn Jahre revolutionären Engagements waren die wichtigsten Jahre in Serges Leben. Sie gaben ihm ein Ideal und eine hoffnungsvolle Vision, an denen die späteren Deformationen und der Verrat der Revolution gemessen werden konnten. In den späten 1920ern hatten sich die Dinge katastrophal geändert. Lenin war tot, Trotzki wurde ins Exil verbannt und Josef Stalin hatte zunehmend die Kontrolle über die UdSSR.

Serge hatte trotz Differenzen Sympathien mit Trotzki, den er immer bewunderte. Das Regime konnte Serges Unterstützung der Linken Opposition nicht tolerieren, trotz – oder wegen – seiner bekannten Unterstützung für die Revolution. Er wurde verhaftet, brutal verhört und über 1.400 Kilometer von Moskau entfernt ins Exil geschickt. 

Serge hatte Glück: Er wurde exiliert, aber nicht in ein Konzentrationslager geschickt. Die meisten seiner Zeitgenossen, die Sympathien mit der Opposition gehegt haben, kamen ums Leben. Einer der Hauptgründe, wegen denen Serge dieses Schicksal erspart blieb, war, dass eine bedeutende Gruppe von Freunden und Genossen in Frankreich eine starke Kampagne für seine Entlassung führten. Stalin, der Verbündete in der französischen Linken brauchte, entschied sich, Serge zu exilieren, statt ihm den Prozess zu machen.

Wie viele andere wurde ich oft gefragt, ob ich meine Unterstützung für Gefangene in anderen Ländern ausdrücken möchte und habe mich dabei oft gefragt, ob das etwas bringt. Serges Freilassung zeigt, dass solche Kampagnen funktionieren können, manchmal zumindest.

»Nachdem Frankreich im darauffolgenden Jahr von deutschen Truppen besetzt wurde und ein brutales rechtes und antisemitisches Regime installiert wurde, versuchte Serge aus Europa herauszukommen und nach Nordamerika zu fliehen.«

Serge kehrte erst nach Belgien zurück und ging dann nach Frankreich. Dort schrieb er weiterhin reichlich sowohl journalistische Texte als auch Romane. Er war zwar dem Stalinismus entkommen, andere Bedrohungen blieben jedoch. In ganz Europa war der Faschismus im Aufstieg begriffen.

Nach Francos erfolgreichem Einmarsch in Madrid und Barcelona 1939 war Frankreich von drei Seiten umringt von faschistischen Regimen: Deutschland, Italien und Spanien. Es war, laut einem Titel, den Serge für einen seiner Romane gewählt hat, »Mitternacht im Jahrhundert«. Nachdem Frankreich im darauffolgenden Jahr von deutschen Truppen besetzt wurde und ein brutales rechtes und antisemitisches Regime installiert wurde, versuchte Serge aus Europa herauszukommen und nach Nordamerika zu fliehen.

So begann Serges Phase als Asylsuchender. Natürlich hatten nur wenige Asylsuchende Serges politische Vergangenheit oder literarisches Talent. Aber sein Versuch, einen Platz auf einem Boot zu finden, das ihn über den Atlantik brachte, erinnert uns an die Probleme und Qualen, die alle Flüchtenden seiner und unserer Zeit teilen. 

Serge fand Unterschlupf in Mexiko, das viele Flüchtenden aus Europa willkommen hieß. Leon Trotzki wurde dort im Exil von einem stalinistischen Agenten ermordet. Seine letzten Jahre verbrachte Serge umgeben von europäischen Exilanten, die eine Vielfalt von Hoffnungen und Bestrebungen nach einer Nachkriegswelt versammelten. Er schrieb weiterhin sowohl für Publikationen als auch in seine Notizbücher. Im Alter von nur sechsundfünfzig starb er 1947 in tiefer Armut (er hatte Löcher in den Schuhen), sein Leben war gezeichnet von Kampf und Verfolgung.

Unbeantwortete Fragen

Für alle, die wie ich Serge lange bewundert haben, ist das abschließende Kapitel von Abidors Buch das traurigste. Abidor hatte Serges veröffentlichte und unveröffentlichte Arbeiten aus seinen letzten Jahren ausführlich untersucht und kommt zu dem Schluss, dass Serge den Kommunismus am Ende als den »Hauptfeind« sah. 

Auf den Punkt gebracht, ist das wenig überraschend. Die stalinistische Gewalt war nicht auf die UdSSR begrenzt: pro-stalinistische Kommunisten hatten Serge in Mexiko physisch angegriffen, einige sogar versucht, ihn zu töten. Kein Wunder also, dass er sie als Hauptfeind betrachtete. 

Tatsächlich ist es schwer zu sagen, wie Serge sich entwickelt hätte, wenn er länger gelebt hätte. Er starb im Herbst 1947. Im selben Jahr hatte der Kalte Krieg mit der Ankündigung der Truman-Doktrin begonnen. Der US-Präsident versprach materielle Unterstützung für alle Länder, die Widerstand gegen den Kommunismus und die Hinwendung der kommunistischen Parteien in Westeuropa zu militanten Streiks leisteten. Die nächsten vierzig Jahre wurde die Weltpolitik bestimmt von der Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und des sowjetischen Blocks.

»Obwohl er jede Kooperation mit der Kommunistischen Partei Frankreichs ablehnte, war er zunehmend unzufrieden mit der Rechtsentwicklung der sozialistischen Partei.«

Einige ehemalige Kommunisten wie Arthur Koestler wurden zu loyalen und enthusiastischen Unterstützern des Westens. Aber es gab auch eine andere, wenn auch kleine Strömung, die von Menschen wie C.L.R. James, Hal Draper, Conelius Castoriadis und Tony Cliff repräsentiert werden, die eine andere Richtung nahmen. Ihrer Meinung nach hatte der Stalinismus nichts mit Sozialismus zu tun, sie suchten nach einem politischen Weg, der sowohl von Washington und Moskau unabhängig war. Hätte Serge die Amerikaner in Korea und Vietnam unterstützt oder wäre er dem Geist revolutionärer Unabhängigkeit treu geblieben, dem er sein Leben gewidmet hatte? Darüber können wir nur mutmaßen. 

Ein Blick auf die Gefährten, mit denen Serge sein Exil in Mexiko teilte, lässt die Bandbreite an Wegen erahnen, die Serge hätte nehmen können. Marceau Pivert war in den 1930ern der Anführer des linksradikalen Flügels Sozialistischen Partei Frankreichs, bevor er diese verließ, um seine eigene Gruppe zu gründen. Er kehrte 1945 nach Frankreich zurück und wurde wieder Mitglied der Sozialistischen Partei.

Obwohl er jede Kooperation mit der Kommunistischen Partei Frankreichs ablehnte, war er zunehmend unzufrieden mit der Rechtsentwicklung der sozialistischen Partei. Insbesondere blieb er der Kolonialbefreiung verpflichtet und setzte sich gegen die Unterdrückung der algerischen Unabhängigkeitsbewegung ein. Dies führte kurz vor seinem Tod 1958 zum endgültigen Bruch mit der Führung der Sozialistischen Partei.

Ein weiterer Gefährte Serges, Julián Gorkin, nahm einen anderen Weg. Während des Spanischen Bürgerkriegs wurde er Anführer der Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit (POUM), die der Kommunistischen Partei Spaniens von links die Stirn bat. Im mexikanischen Exil half er Serge, ein mexikanisches Visum zu erhalten. Beide waren der Gewalt mexikanischer Stalinisten ausgesetzt.

Als Gorkin 1948 nach Paris umzog, hatte er sich im Kalten Krieg dem Antikommunismus verschrieben. Im Namen des Kongresses für kulturelle Freiheit, der (wie weithin bekannt) von der CIA kontrolliert und finanziert wurde, wurde er Redakteur des spanischsprachigen Magazins Cuadernos

Hoffnung und Verrat

Eines ist klar: Serges Perspektive ist hauptsächlich europäisch. Obwohl er einen scharfsinnigen Artikel über den chinesischen Aufstand von 1927 geschrieben hatte, zeigte er wenig Interesse an Afrika und Asien. Der Kollaps der alten Kolonialmächte war jedoch eine der wichtigsten Entwicklungen nach 1945. Britannien wurde aus Indien verjagt, Frankreich führte zwei blutige und desaströse Kriege in Indochina und Algerien. Wie Serge sich positioniert hätte, bleibt unbekannt.

Auch wenn Serges Tod unbeantwortete Fragen zurücklässt, sein Leben war ein bemerkenswerter Beitrag zur Politik der sozialistischen Linken. Abidors Werk ist eine faszinierende und gut dokumentierte Geschichte; sie verdient es gelesen zu werden und wird hoffentlich mehr Menschen dazu bewegen, Serges eigene Schriften zu lesen.

Sein gesamtes Leben und Arbeiten war bestimmt von einem Widerspruch – der Art und Weise wie die von 1917 inspirierte Hoffnung zum Verrat des Stalinismus führte. Serge fasste es wie folgt zusammen: »Aus einem großartigen Sieg der Arbeiter ist, auf Grundlage des sozialistischen Eigentums an den Produktionsmitteln, ein unmenschliches Regime hervorgegangen, das in seiner Art mit Menschen umzugehen zutiefst antisozialistisch ist.«

Dieser Widerspruch hat die Welt im zwanzigsten Jahrhundert geprägt. Dieses Erbe begleitet uns weiterhin, während wir selbst auf die Mitternacht in unserem Jahrzehnt hinbewegen. Die Rebellen gegen dieses System werden als »Marxisten« bezeichnet, von Menschen, die wenig bis gar nichts darüber wissen, was Marxismus ist. Die Erinnerung an den Antikommunismus des Kalten Kriegs und der McCarthy-Ära ist noch frisch. Es gibt noch viel zu lernen aus dem Leben und Werk von Victor Serge.


Übersetzung von Sven Ulfig.

Ian Birchall

Ian Birchall ist Autor des Buches »Sartre Against Stalinism« und zahlreicher Artikel und Essays über das Werk Jean-Paul Sartres.

Alle Artikel

Jacobin.social

Triff deine Leute. Komm in die Jacobin Community!
Spaniens soziale Revolution gegen den Faschismus

Spaniens soziale Revolution gegen den Faschismus