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Deutschland will grünen Wasserstoff auf einem Massengrab herstellen

Der Genozid in Namibia begann nicht erst 1904, sondern mit dem Massaker von Hornkranz. Bis heute verweigert die Bundesrepublik eine echte Aufarbeitung. Stattdessen versucht sie, grüne Kraftwerke auf den Massengräbern der Opfer zu bauen.

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Deutschland will grünen Wasserstoff auf einem Massengrab herstellen
2018 gab Deutschland sterbliche Überreste der Herero und Nama in einer symbolischen Aktion an Namibia zurück. Aber eine Aufarbeitung der Kolonialverbrechen bleibt weiterhin aus. Bild: IMAGO / IPON

»Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit und ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen.« Der Vernichtungsbefehl des Oberbefehlshabers der deutschen Kolonialtruppen, Lothar von Trotha, wird für gewöhnlich als Beginn des Genozids an den Ovaherero und Nama zitiert. Dabei kündigte sich der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts schon lange zuvor an. Die über 60.000 Menschen, die zwischen 1904 und 1908 systematisch von den Deutschen getötet wurden, waren keine sporadische Reaktion auf den vorangegangenen Aufstand der Ovaherero, sondern eine kalkulierte Strategie, die zuvor schon das Volk der Nama traf. Hinterbliebene dieser Ethnie, die 50 Prozent ihrer Bevölkerung verlor, fordern, dass das Massaker von Hornkranz als erster Akt des Genozids und der 12. April als offizieller Gedenktag anerkannt werden. 

1893: Der Ort, der heute den deutschen Namen Hornkranz trägt, war damals noch das Dorf Nâ‡gâs. Die Kolonialverwaltung verlangte von den Führern der ansässigen Stämme, die vorher schon in der neu ausgerufenen Kolonie »Deutsch-Südwestafrika« lebten, sogenannte »Schutzverträge«. Hendrik Witbooi, der Kaptain, also Anführer der dortigen Nama, lehnte einen solchen Vertrag ab. Er erkannte, dass die Völker ihre Rechte an den Gebieten zugunsten der Kolonialmacht abtreten sollten. Die Souveränität eines Stammes über Land, das die Kolonie für sich beanspruchte, wurde vom deutschen Kaiserreich nicht toleriert. In der Nacht zum 12. April griffen die Schutztruppen, die militärischen Einheiten in den Kolonien, das Dorf ohne Kriegserklärung an. Ein Angriff, der über 88 Menschen tötete. Die Mehrheit war Zivilisten, darunter Frauen und Kinder. 

Das Massaker von Hornkranz durch deutsche Truppen

Die investigative Rechercheagentur Forensic Architecture, die intensiv an den Schauplätzen deutscher Kolonialgeschichte in Namibia forscht, sammelte mündliche Zeitzeugenberichte, die von den Überlebenden an die betroffenen Communities weitergegeben wurden. Anschließend verglich sie die Berichte mit den Tagebüchern der Angreifer, darunter denen des Kolonialbeamten Kurd Schwabe. Demnach verlegte Witbooi die Kämpfer der Nama ans Flussbett, da er annahm, dass der Kampf dort stattfinden würde. Aber es kam anders: Deutsche Truppen überfielen die wehrlose Zivilbevölkerung im Dorf. 

»Die deutschen Soldaten sollen in nur 30 Minuten 16.000 Kugeln abgefeuert haben, wie Erzählungen der Zeitzeugen besagen.«

Einige wurden lebendig in ihren Häusern verbrannt, andere erschossen. Die deutschen Soldaten sollen in nur 30 Minuten 16.000 Kugeln abgefeuert haben, wie Erzählungen der Zeitzeugen besagen. Diese Kugeln finden sich immer noch auf dem enteigneten Landstück, berichtet der namibische Forscher Mark Mushiva, der als Kurator seine Recherchen in Berlin vorstellt, im Interview mit Jacobin. 

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Nach der vollständigen Zerstörung des Dorfes errichteten die Schutztruppen einen Militärstützpunkt, um ihren Anspruch auf dem Land zu verfestigen und die Rückkehr der Vertriebenen zu verhindern. Jene Nama, die trotzdem in ihr Dorf zurückkehren wollten, wurden von den Deutschen in den Folgejahren mit Waffengewalt vom Betreten ihrer Heimat abgehalten. Dieses Kolonialverbrechen prägt die Lebensrealität der Nachkommen der Überlebenden bis heute. 

Die Landenteignungen in anderen Teilen der Kolonie folgten dem gleichen Muster, erzählt Mushiva. In Hornkranz schufen die Deutschen nach der Vertreibung der Einwohner eine Polizeistation, die später an private Besitzer als Farmhaus verkauft wurde. Heute befindet sich dort, wo das Dorf einst stand, ein privater Landwirtschaftsbetrieb. Von dem ursprünglichen Dorf ist hingegen nur wenig übrig geblieben.

Nur einige Ruinen und jene Gräber, die nicht vollständig mit dem Friedhof zerstört wurden, deuten auf das Leben hin, das schon vorher hier existierte. Das Haus, das von Historikern der Nama Hendrik Witbooi zugeschrieben wird, steht in der Nähe der Überreste jener unfertigen Kirche, in der die Flüchtigen Schutz suchten. Der Witbooi-Stamm konvertierte bereits drei Generationen vor dem Massaker zum Protestantismus. Obwohl sie dieselbe Religion wie die Kolonialmacht hatten, erhielten sie dadurch keinen Schutz vor der ethnischen Säuberung. 

»Der Witbooi-Stamm konvertierte bereits drei Generationen vor dem Massaker zum Protestantismus. Obwohl sie dieselbe Religion wie die Kolonialmacht hatten, erhielten sie dadurch keinen Schutz vor der ethnischen Säuberung.«

Eine Wasserquelle, die dem Stamm beim Weiden ihrer Tiere diente, fließt heute noch, wird aber von einem Damm aus Beton unterbrochen. Der namibische Farmer, der das gesamte Gelände, selbst die Gräber, formell besitzt, führte die Forscher von FA zu den Resten einer zerstörten Steinmauer, die zum Schutz der Gemeinde gedacht war. Wenn Nama Orte wie diese zum Gedenken betreten wollen, geht das nur mit Erlaubnis des Besitzers. Es bringen jedoch nicht alle Eigentümer Verständnis für die Nama, Ovaherero und andere entrechtete Gruppen auf. Das Risiko, dass die Farm an einen neuen Besitzer weiterverkauft wird, der den Zugang zu Familiengräbern verwehren kann, verunsichert die Nachfahren jener Nama, deren Gräber noch stehen, erklärt Mushiva. Obwohl Nachfahren weißer Siedler, darunter auch Deutsche, nur etwa 1,8 Prozent der namibischen Bevölkerung ausmachen, besitzen sie laut der Namibia Statistics Agency 70 Prozent des kommerziellen Agrarlands. 

Als Deutschland seine Kolonie im Ersten Weltkrieg verlor und das heutige Namibia 1915 von südafrikanischen Truppen besetzt wurde, übergab der Völkerbund, der Vorläufer der heutigen UN, Namibia als Mandatsgebiet an Südafrika. Weite Teile der Communities waren also erst Überlebende eines Völkermords und dann Entrechtete in einem Apartheidregime. Sie mussten als unterbezahlte Landarbeiter auf genau diesen Farmen arbeiten, die einst ihre Ahnen bewohnten. Unter der südafrikanischen Apartheid wurden Schwarze in eigene Reservate, sogenannte »Homelands« verwiesen, die sie nur zum Arbeiten auf den Farmen verlassen durften. Überlebende hatten keine Wahl, als unter diesen Bedingungen zu arbeiten, da der Genozid ihre Gemeinschaften wirtschaftlich schwächte, erzählt Mushiva. Forensic Architecture rekonstruiert dazu grafisch die Kriegsschauplätze auf Basis der oralen Überlieferungen, um greifbar zu machen, was keine Kamera aufzeichnen konnte. 

Die vergrabenen Konzentrationslager

Jene Ovaherero, Nama und andere, die kolonialen Massakern zum Opfer fielen, wurden in Konzentrationslager deportiert. Das berüchtigtste und tödlichste dieser Konzentrationslager befindet sich auf der Haifischinsel in Lüderitz. 4.000 Opfer wurden allein dort getötet, so der Gründer von Forensic Architecture Eyal Weizman. Sie wurden dazu genötigt, Zwangsarbeit zu leisten, um deutsche Infrastruktur wie Gleise und Häfen zu bauen, während sie systematisch ausgehungert wurden. Die Gefangenen waren den Wetterbedingungen und der Kälte schutzlos ausgeliefert. Geschlossene Räume, um sich vor Stürmen und Unwettern zu schützen, hatten sie nicht. Die Deutschen übten systematische Menschenversuche, öffentliche Tötungen und sexuelle Gewalt aus. Weibliche Gefangene wurden gezwungen, die Schädel ihrer Mitgefangenen zu häuten und zu kochen, damit sie zu pseudowissenschaftlichen Zwecken nach Deutschland verschifft werden, wo sie heute noch ausgestellt sind. 

Nicht alle Opfer wurden bestattet oder seziert. Manche wurden achtlos ins Meer geworfen. Selbst das »Blue Book«, der Untersuchungsbericht der britischen Kolonialbehörden zu dem deutschen Konzentrationslager, spricht von an die Küste gespülten Leichen. Dieses Bild ist im Kollektivbewusstsein der Herero und Nama noch fest verankert. Einige der Stammesführer und Ältesten der Nama sind die direkten Nachfahren von KZ-Insassen, die diese Erinnerungen weitergaben. 

»Weite Teile der Communities waren also erst Überlebende eines Völkermords und dann Entrechtete in einem Apartheidregime.«

Eine unmittelbare Aufarbeitung der Gräueltaten fand nie statt. Als Südafrika die Führung übernahm, wurde aus dem Konzentrationslager ein beliebter Zeltplatz. Der nördliche Teil der Halbinsel, wo sich das Lager befand, wurde mit Sand zugeschüttet, um die Infrastruktur des Vernichtungslagers zu beseitigen. Wo die Häftlinge einst in notdürftigen Verschlägen interniert waren, kamen Toiletten für Touristen hin. Kaum eine Spur auf der Insel deutet auf ihre gravierende Vergangenheit hin. 

Dabei ist die gesamte Halbinsel voll mit verwahrlosten Massengräbern, ohne Grabmale oder Beschriftungen, wie die gemeinsame Recherche von FA und Archäologen der Universität Staffordshire enthüllte. Diese Gräber wurden längst in den oralen Überlieferungen der betroffenen Namibier erwähnt. Mushiva betont, dass ihm persönlich wichtig ist, den Betroffenen ein greifbares Hilfsmittel an die Hand zu geben, mit dem sie Gerechtigkeit fördern können. Eines dieser Massengräber erstreckt sich ausgerechnet in einer Sperrzone, in der Deutschland und die namibische Regierung eine Kraftwerksanlage für grünen Wasserstoff bauen wollen. 

»Dieselben Winde, die genutzt wurden, um indigene Völker auszurotten, sollen das Land nun mit Energie versorgen«, verurteilt Forensic Architecture das Projekt. Ohne wissen zu wollen, ob ihre Bauarbeiten die Überreste von KZ-Häftlingen zerstören, wollen sie den Hafen erweitern, prangert auch Mushiva an. Die historische Verantwortung Deutschlands sieht er nicht erfüllt, weil die Bundesregierung bisher keine spürbaren Aufarbeitungsansätze gezeigt hat. 

Der Holocaust und Deutschlands Kolonialverbrechen

Deutsche Kolonialverbrechen sind untrennbar mit dem Nationalsozialismus verknüpft. Denn die Menschenversuche in Namibia dienten als »Beweis« für die Rassenlehre. Eugen Fischer, der zum führenden Rassenhygieniker der NSDAP wurde, arbeitete an den eingelieferten Schädeln der Opfer. Die Nürnberger Gesetze basieren auf seinen Pseudoforschungen über Volksgruppen wie die Baster, ein südafrikanisches Volk, das in Partnerschaften mit niederländischen Siedlern entstand. Auch in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika herrschte ab 1905 ein »Mischehenverbot«; bestehende Ehen wurden sogar aufgelöst. 

»Deutschland erkennt den Genozid an den Ovaherero und Nama zwar an, lehnt Reparationszahlungen jedoch ab, da Genozide nach damaligem Recht noch nicht strafbar waren.«

Deutschland erkennt den Genozid an den Ovaherero und Nama zwar an, lehnt Reparationszahlungen jedoch ab, da Genozide nach damaligem Recht noch nicht strafbar waren. Statt sich direkt mit Betroffenen auseinanderzusetzen, verhandelt die Bundesregierung nur mit der namibischen Regierung, in der Ovaherero und Nama unterrepräsentiert sind. Die beiden Länder veröffentlichen 2021 ein »Versöhnungsabkommen«, von dem sich Ovaherero, Nama und weitere betroffene Volksgruppen übergangen fühlen. Statt spürbarer, personalisierter Aufarbeitung für die Betroffenen wird lediglich Entwicklungshilfe ausgezahlt. Die namibische Zivilgesellschaft, darunter die Nama Traditional Leaders Association, die Ovaherero Traditional Authority und das Swakopmund Genocide Museum fordern indes eine würdevolle Erinnerungskultur, den Stopp von Industrialisierung an Tatorten der Kolonialverbrechen und die Rückgabe von entrechtetem Land und Körperteilen aus der Kolonialzeit. 

Durch ihre Recherchen und die Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, die koloniale Opfer vertreten, versucht Forensic Architecture genau diese Stimmen, die nicht von deutschen Entscheidungsträgern gehört werden, zu zentrieren. Dass Zivilgesellschaft und Nachfahren direkte Beweise dafür erhalten haben, dass die Überreste ihrer Vorfahren und anderer kolonialer Opfer auf der Haifischinsel sind, untermauert die Forderung, dort keine Industrialisierung vorzunehmen, sondern sie stattdessen als Erinnerungsstätte unter Denkmalschutz zu stellen. Der erste und gleichzeitig zentralste Schritt besteht aber darin, dass Vertreter der Ovaherero und Nama persönlich die Gelegenheit erhalten, ihre akuten Anliegen vor der Bundesrepublik zu äußern.

Hassan Al Khalaf

Hassan Al Khalaf ist freier Journalist und schreibt für diverse linke Medien über internationale Entwicklungen zu den Genoziden in Gaza, in Namibia und an den Jesiden.

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