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Ghassan Kanafanis letzter Roman erzählt vom doppelten Kampf um Freiheit

Ghassan Kanafani war Maler, Journalist, Lehrer und PFLP-Kämpfer zugleich. Mit »Der Blinde und der Taube« liegt nun sein unvollendeter Roman erstmals auf Deutsch vor – und zeigt, wie untrennbar persönliche und koloniale Befreiung bei ihm verbunden sind.

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Ghassan Kanafanis letzter Roman erzählt vom doppelten Kampf um Freiheit
Ghassan Kanafani (Mitte) während eines Besuchs in Norwegen, 8. Dezember 1970. IMAGO / NTB

Ghassan Kanafani war ein Revolutionär im umfassenden Sinne. Er war ein allseitig entwickelter Mensch, zugleich politischer Theoretiker, Journalist, Maler, literarischer Autor, Lehrer, Militanter. Heute ist sein Werk in vielfacher Hinsicht inspirierend, nicht zuletzt weil sein Leben uns an das große Ziel des Kommunismus erinnert: den neuen Menschen, wie er in Persönlichkeiten wie der Kanafanis bereits im Vorschein erkennbar wird. Aber sein Lebensziel war zugleich auch konkret die Befreiung Palästinas vom zionistischem Siedlerkolonialismus. Mit Der Blinde und der Taube, einem unvollendetem Roman aus Kanafanis Nachlass, der dieses Jahr endlich in deutscher Übersetzung bei Lenos erschienen ist, können wir erneut sehen, wie er es verstand, die Brücke vom Konkreten zum Universellen und zurück zu schlagen.

Während der Name Kanafani im Kampf der Unterdrückten und Ausgebeuteten dieser Erde noch immer lebendig ist, ist er hierzulande etwas verblasst. Während Kanafani selbst in der DDR erstaunlich wenig präsent war, erschien noch in den 1980er Jahren eine Werkausgabe beim Schweizer Lenos-Verlag. Das mag vor allem an zwei Gründen liegen. Die heutige Linke in Deutschland ist in ihrer Rezeption revolutionärer Literatur generell recht eurozentrisch. Literatur aus den USA wird noch übersetzt und gelesen, aber wenn sie aus den Peripherien des Weltsystems kommt, wird es oft dünn. Auch die Schwäche der revolutionären, anti-imperialistischen Kräfte im Land wird ihren Teil zum nachgelassenen Interesse beigetragen haben. Daher ist es in jedem Falle wert, sich zuerst etwas länger Kanafanis Leben zu widmen, bevor wir auf das für uns neue Romanfragment eingehen.

Ein revolutionäres Leben

Ghassan Kanafani wurde am 9. April 1936 in der palästinensischen Stadt Akka geboren – am selben Tag, als die palästinensisch-arabische Revolution gegen die britische Kolonialmacht ausbrach. Sein Vater war Anwalt und seine Familie gehörte dem Kleinbürgertum an. Er selbst rechnet sich später dem Lumpenproletariat zu, wahrscheinlich in Hinblick auf seine Lebensumstände nach der Vertreibung der Familie. 

»Kanafanis Poster für die PFLP waren legendär. Wie seine literarischen Arbeiten verstanden sie es, bei allem revolutionären Inhalt die Tragik und Trauer der Situation Palästinas auszudrücken.«

Sein Leben bleibt mit dem Schicksal des palästinensischen Volkes, das er als Symbol für den Kampf der Menschheit um die Freiheit versteht, immer innig verbunden. 1948, an seinem Geburtstag, findet das berüchtigte Massaker von Deir Yassin statt, als zionistische Siedler und die Terrorgruppe Palmach über 100 Menschen, darunter Frauen und Kinder, grausam ermordeten. Nach diesem Massaker sollte Kanafani nie wieder seinen Geburtstag feiern. Noch im selben Jahr, 1948, wird seine Familie im Rahmen der Nakba vertrieben. Sie werden schließlich in einem UNWRA-Geflüchtetenlager im syrischen Damaskus landen, in dem Kanafani Lehrer wird. Tagtäglich erlebt er dort das Leid der Menschen im Lager. Diese Erfahrung wird ihn nachhaltig politisieren. Als Lehrer gelingt es ihm, seine Position derart erfolgreich zur Politisierung seiner Schülerinnen und Schüler zu nutzen, dass 70 Prozent von ihnen Widerstandskämpfende werden, wie Anni Kanafani, seine Witwe, in ihrer kurzen Biographie Kanafanis berichtet.

Noch vor der Politik war seine erste Liebe jedoch die Malerei. Der berühmte palästinensische Comiczeichner Naji al-Ali, der die weltbekannte Figur des kämpferischen Handala erfunden hat, war sein Protegé. Kanafanis Poster für die PFLP waren legendär. Wie seine literarischen Arbeiten verstanden sie es, bei allem revolutionären Inhalt die Tragik und Trauer der Situation Palästinas auszudrücken. 

Kanafani war lebenslanger Sozialist, aber sein Verständnis des Sozialismus veränderte sich in den 1960er Jahren mit dem Schicksal des arabischen Volkes. Die arabische Niederlage im Sechs-Tage-Krieg von 1967 erschütterte seinen Glauben an den Nasserismus, dem er vorher anhing. Sein Panarabismus blieb erhalten, aber er sollte sich nun dem Marxismus-Leninismus zuwenden. Die intensivierte Unterstützung Palästinas, vor allem der PLO, und der arabischen Staaten durch die Sowjetunion ab 1967 leistete dabei einen Beitrag. Im Zuge des Kalten Krieges zog die Sowjetunion ihre Unterstützung Israels zurück, erkannte Palästina als Nation an und unterstützte die arabischen Staaten militärisch und politisch.

»Die Mängel der beiden Protagonisten werden zur Triebkraft ihres Freiheitskampfes.«

Trotzdem behielt Kanafani immer eine kritische Einstellung gegenüber der Sowjetunion und absolvierte in den 1960er Jahren auch zwei China-Besuche, die einen tiefen Einfluss hinterließen. Er entwickelte daraufhin eine Kriegsstrategie, die sowohl von Maos Volkskriegsstrategie als auch vom vietnamesischen Widerstandskampf beeinflusst war. Die sowjetische Führung kritisierte wiederum die PFLP für ihre Verbindungen nach China und für ihre Guerillakriegsstrategie.

Als Journalist war Kanafani für mehrere panarabische und kommunistische Zeitungen tätig. Hier entfaltete er fiebrige Aktivität. Seine Berichterstattung war derart präzise und von seiner messerscharfen Auffassungsgabe geprägt, dass sich die französische Botschaft regelmäßig genötigt sah, seine Arbeiten zu übersetzen. Schließlich wurde er Mitglied der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas). In diesem Rahmen war er auch an der Entwicklung der Revolutionsstrategie der Partei sowie an zahlreichen weiteren politischen Manifesten und Analysen beteiligt. Am 8. Juli 1972 wurde er durch den israelischen Geheimdienst Mossad gemeinsam mit seiner Nichte Lamees Najim durch ein Autobombe ermordet. Eine Beiruter Zeitung schrieb damals: »Er war wie ein Berg, und ein Berg kann nur durch Dynamit zerstört werden.«

Existentielle Prosa der Unterdrückten

Kanfanis Politik zeigt sich auch in Der Blinde und der Taube. Das im Titel genannte Paar sind der Taube Abu Kais, ein Büroangestellter, und der Blinde Aamir, ein Brotbäcker und -verkäufer. Beide leiden unter dem Mangel eines Sinnes. Als sie erfahren, dass am Grab des Abdelati ein seltsamer Baum wächst, der einen Kopf zu haben scheint und Wunder vollbringen soll, pilgern sie jeweils unabhängig voneinander zum Wallfahrtsort. Ihre Hoffnungen auf Heilung werden enttäuscht, aber ein anderes Wunder stellt sich ein: Sie begegnen einander und damit Seelenfreunden.

Im Roman entfaltet sich nun ein existentielles Drama. Die Mängel der beiden Protagonisten werden zur Triebkraft ihres Freiheitskampfes. Ihr Kampf ist dabei ein doppelter: Sie wollen sich von ihrem physischen Mangel ebenso wie vom Kolonialjoch befreien. Beide Kämpfe sind miteinander verbunden und beeinflussen einander im Laufe der Handlung. Immer wieder türmen sich in ihnen neue Hoffnungen auf und immer wieder stoßen sie auf Schranken. Andere Personen, wie der opportunistische Bürokollege und Vergewaltiger Mustafa, der wundergläubige Bäckergeselle Hamdan und sein verschollen geglaubter Vater treten dazu. Es entwickelt sich eine komplexe Dynamik, in der sich der Freiheitskampf sowohl des palästinensischen Volkes als auch der Menschheit insgesamt darstellt. Alle diese Figuren begegnen Herausforderungen und sie alle müssen sich diesen Herausforderungen stellen, sich verwandeln oder daran zerbrechen.

Das Brillante an Kanafanis Romanfragment zeigt sich darin, wie er diese Figuren und ihr Schicksal miteinander verwebt und so komplexere gesellschaftliche Dynamiken erahnen lässt. Keiner führt hier nur einen inneren Seelenkampf für sich allein, sondern alle beeinflussen einander in ihren Kämpfen. Das Individuelle, das konkret Gesellschaftliche (der Befreiungskampf Palästinas) und das existentiell Menschliche verbindet Kanafani zu einer unverbrüchlichen Einheit, wie es ihm sonst nur noch im Roman Rückkehr nach Haifa gelungen ist.

»Wir selbst werden die Kämpfe, die uns Kanafanis unvollendetes Meisterwerk vermittelt, weiterführen, jedenfalls unseren Beitrag dazu zu leisten haben.«

Sprachlich gestaltet Kanafani seinen Text in einer biblisch anmutenden Wortwahl voller Symbole, Metaphern und Allegorien. Zugleich zeichnet er die Empfindungen und Regungen der Figuren ausgesprochen plastisch: Abu Kais’ Lachen wird immer wieder wie ein sich in der Wüste gluckernd entleerender Wasserbehälter beschrieben und das Formen und Kneten des Brotlaibes durch die Hände Aamirs und Hamdans wird so sinnlich spürbar, als kneteten wir selbst mit. Sätze wie dieser Aamirs, von denen der Text durchzogen ist, heben immer wieder das Existentielle dieser Kämpfe ins Bewusstsein: »Einen Weg aus der ewigen Dunkelheit zu finden, gibt es etwas, was uns einen tieferen Glauben abverlangt? Unerschütterliche Geduld! Gefangen in der ewigen Nacht, ist uns jedes Mittel recht. Mehr als meinen persönlichen Anteil am Licht will ich nicht verlangen, doch jeder Moment, den ich in dieser fürchterlichen Nacht zubringe, ist ein weiterer unwiederbringlicher Verlust, den kein neuer Augenblick jemals ersetzen wird.«

Der Roman endet offen. Es ist nicht klar, wo der Befreiungsprozess unserer Protagonisten endet. Diese Offenheit stellt sich von heute aus gelesen als Qualität des Textes dar, der sich so als Anknüpfungspunkt unserer heutigen Kämpfe, allem voran der Befreiung Palästinas, darbietet. Wir selbst werden die Kämpfe, die uns Kanafanis unvollendetes Meisterwerk vermittelt, weiterführen, jedenfalls unseren Beitrag dazu zu leisten haben. Das ist die Aufgabe, die, wie Franz Fanon einst schrieb, jede Generation aufs Neue für sich entdecken muss.

Dem Verlag ist für diese Übersetzung zu danken. Es bleibt zu hoffen, dass auch die übrigen unvollendeten wie vollendeten Texte Kanafanis noch ins Deutsche übertragen werden. Für Ende September plant Lenos eine Neuausgabe von Kanafanis Buch Umm Saad. Noch wichtiger wäre allerdings die Übersetzung seiner politischen Werke ins Deutsche, um auch diese Seite seiner so mannigfaltigen Persönlichkeit und die Aktualität seines Lebenswerkes greifbar zu machen.

Johann Khaldun

Johann Khaldun ist studierter Philosoph und als freier Journalist tätig. Mit Fokus auf materialistischer Dialektik behandelt er Themen wie Philosophie, Arbeitergeschichte sowie Kunst und Literatur der Unterdrückten und Ausgebeuteten.

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