Im idyllischen ostthüringischen Örtchen Wilchwitz in der Nähe der Kreisstadt Altenburg leben gerade mal um die 400 Leute. Kein Laden, kein Gasthof, aber dafür der Verwaltungssitz des Abwasserzweckverbandes und ein Agrarbetrieb, hervorgegangen aus der ehemaligen LPG zu DDR-Zeiten. Schon Anfang der 1990er fand die Eingemeindung zum benachbarten Nobitz statt, das mittlerweile ein Viertel des gesamten Landkreises ausmacht und einst eine gewisse Bekanntheit durch einen sowjetischen Militärflugplatz hatte, der nach der Wende einige Jahre von Ryanair genutzt wurde. Es ist ein Ort, wie man ihn ähnlich auf dem Land im Osten nur allzu oft mit ähnlichen Geschichten findet.
Nur konnte Wilchwitz bisher mit einer Sache hervorstechen: Durch einen Standort des Unternehmens Kelvion gab es bis zu 300 Arbeitsplätze in einem vermeintlichen Industriezweig mit Zukunft: Kälte- und Wärmetechnik. Damit will eine unfähig agierende Unternehmensführung nun Schluss machen. Dagegen steht ein Arbeitskampf an, wie ihn die Region seit den Wendejahren nicht gesehen hat.
Management im Spiegelkabinett
Kelvion ist ein internationaler Konzern und seit letztem Jahr im Besitz des amerikanischen Großinvestors Apollo Global, der auch gerne mal die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche in Nobelrestaurants einlädt, um über günstige Bedingungen für den Einstieg in die Rüstungsbranche zu reden und dessen CEOs auch schonmal wegen Verbindungen zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zurücktreten.
Mit aktuell 48 Standorten weltweit spielt das Unternehmen vor allem beim Bau von Wärmepumpen unterschiedlichster Arten eine größere Rolle auf dem internationalen Markt. Auf Kelvions Website wird neben mal mehr, mal weniger seriös wirkenden Preisen, die der Vorstand erhalten haben soll, mit einer Unternehmensphilosophie geworben, die angeblich besonders soziale Belange in den Blick nimmt – außer, so macht es den Eindruck, wenn es um seine Mitarbeitenden in Ostdeutschland geht.
Die Ankündigung der Werksschließung im Frühjahr traf die Belegschaft wie ein Blitz. Nach einigen unsicheren Jahren infolge der Debatte um das Gebäudeenergiegesetz soll nun trotz eines Aufschwungs, übervoller Auftragsbücher bis ins nächste Jahr hinein und profitabler Arbeit der Standort in Ostthüringen dicht gemacht werden.
»Seit über zwei Wochen wird nun rund um die Uhr das Werkstor bewacht, um zu verhindern, dass die Maschinen abtransportiert werden.«
Der Grund dafür ist absurd: Die Unternehmensführung erhofft sich anscheinend mehr Profite, indem man einfach am Standort im niedersächsischen Sarstedt die Maschinen aus Wilchwitz aufstellt. Das Problem hierbei: Der Betrieb in Sarstedt ist nicht einmal auf die Produktionsweise des thüringischen Werkes ausgelegt und entsprechend sind die dortigen Beschäftigten auch nicht dafür geschult. Man dachte einfach, dass vielleicht bis zu 100 Mitarbeitende eventuell ihr bisheriges Zuhause aufgeben würden, um nach Niedersachsen zu ziehen.
Als wäre das nicht dreist genug, legte das Management von Kelvion noch einen drauf und wollte erstmals über den Betriebsrat erfragen, wer sich aus der Belegschaft denn den Umzug vorstellen könne, als der Arbeitskampf schon lief. Wenn man sich mit dem Streikleiter von der IG Metall, Tom Knedlhanz, unterhält, merkt man bei dem erfahrenen Gewerkschafter eine gewisse Fassungslosigkeit über das zugleich dreiste und unfähige Auftreten des Managements, das »in ein Spiegelkabinett rennt und dort den Schuldigen nicht findet«. Nichtsdestotrotz betont er immer wieder den Willen zu Verhandlungen – nur ist hier weiterhin das Problem, dass die Leitung von Kelvion anscheinend selber nicht genau zu wissen scheint, was sie eigentlich will.
Folglich trat der Betrieb nach einer Urabstimmung der Gewerkschaftsmitglieder, die beeindruckende 93 Prozent der Belegschaft ausmachen, mit 100 Prozent Zustimmung am 4. August 2026 in den Erzwingungsstreik für einen angemessenen Sozialtarifvertrag – ein absolutes Novum für die IG Metall in der Region. Die Unternehmensleitung hatte derweil versucht, durch Streikbrecher und Leiharbeiter die Kampfbereitschaft der Beschäftigten zu untergraben, wogegen bereits zusammen mit der IG Metall rechtlich vorgegangen wird.
Seit über zwei Wochen wird nun rund um die Uhr das Werkstor bewacht, um zu verhindern, dass die Maschinen abtransportiert werden. Zwischenzeitlich hat Kelvion auch versucht, Gespräche mit einem neuen Investor zu führen, der den Standort Wilchwitz übernehmen wollen könnte, nur zeigte das Management auch hierbei, dass es ihm an Verhandlungsgeschick oder auch nur einem Plan mangelt.
Auf der anderen Seite erfahren die Kolleginnen und Kollegen seit den ersten Stunden des Streiks massive Solidarität in ihrem Kampf. Von der lokalen Bevölkerung bis zum Bundestagsvizepräsidenten Bodo Ramelow erhalten sie auf die verschiedensten Weisen Unterstützung: vom Verteilen von Eis und Getränken in der Hitze am Streikposten bis zum Erfahrungsaustausch zu ähnlichen Kämpfen – denn davon gibt es leider reichlich.
Ein bekanntes Muster
Bei Zalando in Erfurt gab es gerade erst einen ähnlichen Kampf, nachdem auch dort von einem Tag auf den nächsten die Schließung angekündigt worden war. Die Stadt- und Landespolitik setzte sich daraufhin mit den Schultern zuckend erstmal in eine Pressekonferenz, ohne mit Beschäftigten gesprochen zu haben. Nach Monaten des Hin und Her konnte jetzt zumindest eine akzeptable Abfindung mit dem Betriebsrat ausgehandelt werden, bevor es zum Ausstand kam, wobei die Skandalisierung und Solidarität seitens der Zivilgesellschaft und auch der Linkspartei definitiv geholfen haben.
Bei Zalando sah man ebenfalls eine beeindruckende Entschlossenheit der Belegschaft. Trotzdem sind auch dort für viele die Zukunftsperspektiven unklar – unter anderem für migrantische Beschäftigte, bei denen die Aufenthaltsgenehmigung an die Beschäftigung geknüpft war, oder ältere Mitarbeitende, die jetzt vor der Schwierigkeit stehen, kurz vor dem Renteneintritt noch für wenige Jahre eine neue Arbeit zu finden.
»Wo Ossis lange Zeit als brave ›Arbeitsspartaner‹ vieles mitgetragen haben, wogegen viele ihrer westdeutschen Kolleginnen und Kollegen auf die Barrikaden gegangen wären, wird diese Loyalität zunehmend gedankt mit spontanen Schließungen moderner und profitabler Betriebe für dubiose Experimente abgehobener Chefetagen.«
Wir sehen hier ein gemeinsames Muster bei Zalando in Erfurt und bei Kelvion in Wilchwitz – und hinter vorgehaltener Hand wird schon darüber gesprochen, welche gewaltigen Auswirkungen eine Schließung von VW in Zwickau nicht nur für das Hauptwerk, sondern auch dutzende Zulieferbetriebe in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben könnte.
Wo der Osten bisher die verlängerte Werkbank von Großkonzernen war und die Ossis lange Zeit als brave »Arbeitsspartaner« vieles mitgetragen haben, wogegen viele ihrer westdeutschen Kolleginnen und Kollegen auf die Barrikaden gegangen wären, wird diese Loyalität zunehmend gedankt mit spontanen Schließungen moderner und profitabler Betriebe für dubiose Experimente abgehobener Chefetagen, von denen man sich noch höhere Profite erhofft. Gerade da ostdeutsche Arbeiter und Angestellte in den letzten Jahren wieder mehr den Mut zu gewerkschaftlicher Organisation an den Tag legen, können diese Entwicklungen nur als eine Kampfansage verstanden werden. Entsprechend braucht es jetzt auch neue Methoden, um dagegen vorzugehen.
Am Ende bleibt die Frage, ob möglichst kämpferisch klingende Solidaritätserklärungen von sonst eher gemäßigten politischen Akteuren und Kämpfe für bestmögliche Abfindungen und Sozialtarifverträge wirklich die einzige Option sind. Eventuell sollte man sich angesichts des immer gleichen Ausgangs solcher Kämpfe wieder zweier Ideen annehmen, die man derzeit bei Gewerkschaften oder radikaleren Teilen der Linkspartei in Bezug auf Arbeitskämpfe vergeblich sucht, aber dem neuen Selbstbewusstsein der arbeitenden Klasse deutlich besser gerecht würden: Sozialisierung und Selbstverwaltung.
Für die Kolleginnen und Kollegen bei Kelvion kann hier gespendet werden, denn die Streikkasse schafft es leider nicht, alle anfallenden Kosten zu decken:
Empfänger: Metaller:innen helfen e.V.
IBAN: DE79 5005 0000 0025 4570 03
Verwendungszweck: Kelvion-Streik