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Die Superreichen kaufen unsere Geschichte auf

Die Geschichte gehört uns allen. Doch wenn Regierungen weiter die Mittel für Museen kürzen, werden antike Artefakte zunehmend nur noch in Luxus-Showrooms zu sehen sein oder in privaten Haushalten verschwinden.

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Die Superreichen kaufen unsere Geschichte auf
Gus Rex, das vollständigste jemals entdeckte Tyrannosaurus-Rex-Skelett, wird bei Sotheby's New York versteigert, 1. Juli 2026. IMAGO / ZUMA Press Wire

Barron London ist ein Antiquitäten- und Schmuckgeschäft in Mayfair, einem der wohlhabendsten Viertel Londons. Auf den ersten Blick wirkt die Ladenfront wenig spektakulär – wer daran vorbeigeht, wird möglicherweise nichts Ungewöhnliches bemerken. Doch hinter der unscheinbaren Fassade verbirgt sich ein privater Ausstellungsraum mit einer beeindruckenden Sammlung kostbarer Juwelen, Antiquitäten und Artefakte, von denen viele mehrere Jahrtausende alt sind.

Barron ist nur eines von vielen Londoner Handelshäusern, die den boomenden Markt für seltene Antiquitäten bedienen. Im vergangenen Monat geriet die Galerie kurzzeitig ins Rampenlicht, weil sie der Schauspielerin Zendaya ein Paar antiker persischer Ohrringe für ihren Auftritt bei der Londoner Premiere von Christopher Nolans Die Odyssee geliehen hatte.

Laut der offiziellen Beschreibung des Unternehmens wurden die Ohrringe 1946 in der Nähe der Burg Ziwiyeh im Nordwesten des Iran entdeckt und stammen vermutlich aus der Zeit um 700 vor Christus. Angesichts dieser besonderen Herkunft kritisierten diverse Historiker Zendayas Entscheidung, die kostbaren Stücke auf dem roten Teppich zu tragen. Viele haben zudem auf die besondere Ironie hingewiesen, dass eine US-amerikanische Schauspielerin Kunstgegenstände einer Zivilisation trägt, die der Präsident ihres Landes laut eigenen Aussagen zurück in die Steinzeit bomben will.

Natürlich ist die Kommerzialisierung historischer Artefakte nichts Neues; und Zendaya ist auch nicht die einzige »Täterin«. Auf demselben roten Teppich in London trug ihre Filmpartnerin Anne Hathaway eine diamantbesetzte Uhr, die aus einer antiken römischen Münze gefertigt worden war. Vier Monate zuvor ließ sich Margot Robbie bei der Premiere von Wuthering Heights mit einer Diamantkette von Cartier fotografieren. Diese zierte ein herzförmiger Stein, der dem vierten Mogulkaiser Jahangir aus dem 17. Jahrhundert gehörte.

Auch abseits von Hollywood werden historische Artefakte zu Luxusgütern umfunktioniert. Nur einen Steinwurf von Barron London entfernt erwerben und verkaufen Galerien wie Charles Ede und Barakat regelmäßig Textilfragmente, Schnitzereien, Skulpturen und architektonische Reliefs als dekorative Kunstobjekte an die ultrareiche Kundschaft, die ihre eigene Privatsammlung aufbauen möchte. Zu den derzeit online beworbenen Objekten gehören eine ägyptische Mumienmaske aus dem Jahr 664 vor Christus, ein Götzenbild aus der Bronzezeit, das vermutlich auf das Jahr 2100 vor Christus zurückgeht, sowie eine noch nicht übersetzte Keilschrifttafel aus dem Jahr 2027 vor Christus.

»Ist es wirklich besser, wenn wertvolle Gegenstände neben alten Ausgaben des New Yorker auf den Coffee Tables der Superreichen liegen, als wenn sie in öffentlichen Einrichtungen und Museen aufbewahrt werden?«

Um die Entnahme solcher Artefakte aus ihrem kulturellen Kontext zu rechtfertigen, bedienen sich private Galerien oft einer euphemistischen Sprache: Antike persische Statuen oder kostbare indische Juwelen werden der Öffentlichkeit nicht entzogen, sondern vielmehr in die sicheren Hände von Menschen »übertragen«, die offenbar am besten in der Lage sind, sich um sie zu kümmern. Das ist eine clevere Verteidigungsstrategie, ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass dieses »Übertragen« der Objekte in der Regel dazu führt, dass sie in Luxuswohnungen verschwinden, wo sie nicht mehr angemessen erforscht, gepflegt oder vom neugierigen Ottonormalbürger angesehen werden können. Ist es wirklich besser, wenn wertvolle Gegenstände neben alten Ausgaben des New Yorker auf den Coffee Tables der Superreichen liegen, als wenn sie in öffentlichen Einrichtungen und Museen aufbewahrt werden?

Dank eines boomenden Antiquitätenmarktes (der vor allem von einer jungen Generation von Käufern befeuert wird) hat sich die undemokratische Umverteilung antiker Artefakte zugunsten der Reichen in den vergangenen Jahren deutlich verstärkt. Explodierende Ankaufspreise machen es für öffentlich finanzierte Museen mittlerweile fast unmöglich, wettbewerbsfähig zu bleiben – zumal solche Einrichtungen immer wieder von Ausgabenkürzungen betroffen sind. Das Ergebnis ist, dass immer mehr Objekte von wissenschaftlicher und historischer Bedeutung an private Sammler und somit für die Allgemeinheit verloren gehen.

Das vielleicht eklatanteste Beispiel für diesen Trend ist der Verkauf von »Gus«. So wurde ein Tyrannosaurus-Rex-Skelett benannt, das 2021 in South Dakota gefunden wurde. Gus gilt als das größte und am besten erhaltene Skelett eines Tyrannosaurus, das jemals ausgegraben wurde, und war Gegenstand zahlreicher paläontologischer Forschungen, bevor es bei Sotheby’s in New York für 50,1 Millionen Dollar verkauft wurde. Nach dem Verkauf wird Gus nun nicht mehr Teil einer anerkannten Museumssammlung sein, und folglich werden Forscherinnen und Forscher keinen Zugang mehr zu seinem Skelett haben. Neue, wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse werden damit verunmöglicht. Für die allgemeine Öffentlichkeit werden die Überreste des Dinosauriers nur dann zugänglich sein, wenn sie als Leihgabe an eine öffentliche Einrichtung vergeben werden – was freilich nicht ausgemacht und ein Prozess ist, der mit eigenen politischen Dynamiken behaftet ist.

Im Kapitalismus steht Geschichte, genau wie alles andere, zum Verkauf. Ohne angemessene Regulierung drohen die aktuellen Trends, uns ins 18. Jahrhundert zurückzuversetzen, als entsprechende Objekte nur in den Privatsammlungen der Reichen besichtigt werden konnten. Als Reaktion auf dieses undemokratische System wurden ursprünglich die Nationalmuseen gegründet. Sie standen für die radikale Idee, dass unser kulturelles Erbe gemeinsames Eigentum aller Menschen ist. Heute bewegen wir uns aber in eine Richtung eines marktorientierten Verständnisses davon, was historische Objekte eigentlich wertvoll macht.

In den vergangenen fünfzehn Jahren waren Museen in ganz Europa und Amerika heftiger Kritik ausgesetzt. Viele progressive Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben versucht, die Verflechtung der Institutionen mit kolonialer Ausbeutung hervorzuheben sowie die Art und Weise, wie diese mit negativen Narrativen über nicht-westliche Zivilisationen reproduziert wurde. Dies sind zweifellos berechtigte Kritikpunkte. Die Kontroversen um die Ziwiyeh-Ohrringe oder den Dinosaurier Gus zeigen allerdings eine weitaus schlimmere Alternative auf: Aktuell verwandelt der Markt für Artefakte historische Objekte in Waren, die nach Belieben des Einzelnen ausgestellt werden können. Das ist eine ganz eigene Form der Ausbeutung und wird, wenn sie ungehindert fortgesetzt wird, die Öffentlichkeit letztendlich von ihrer eigenen Geschichte trennen. In dieser neuen Welt wird es dann auch keine Debatte mehr über die rechtmäßigen Eigentümer historischer Artefakte geben, sondern nur noch das brutale Gesetz des Marktes. Dann kann sich der Meistbietende unsere gemeinsame Geschichte kaufen.

Übersetzung von Tim Steins.

John Livesey

John Livesey ist Doktorand am University College London mit Fokus auf die Arbeit von James Baldwin. Seine Texte erschienen unter anderem im »Guardian«, bei »Little White Lies« und im »Oxford Review of Books«.

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