23. Juni 2026
Tino Chrupalla besucht die Ultras von Energie Cottbus, AfD-Jugendchef Hohm gibt sich dort als einer von ihnen. In der AfD nimmt der Kampf um die Fußball-Fankurven aktuell Fahrt auf. Doch noch kann die Linke intervenieren.

Tino Chrupalla bei der Fußball-EM 2024 – in letzter Zeit zeigt er sich immer häufiger auch bei Bundesliga-Spielen im Stadion.
Cottbus, der 9. Mai 2026, Stadionvorplatz. Jean-Pascal Hohm steht bei den Ultras von Energie Cottbus und unterhält sich angeregt. Eine erwartungsvolle Spannung liegt in der Luft – der Verein steht kurz vor dem Aufstieg in die 2. Bundesliga. Hohm kommt aus Brandenburg und ist Vorsitzender der Jugendorganisation der AfD, der »Generation Deutschland«. Er ist öfter hier, auch im Stadion steht er in der Regel im Fanblock, am rechten Rand der Ultras. Doch heute wird er auf der Tribüne Platz nehmen, denn er hat einen besonderen Gast.
Kurz nachdem der Hauptstrom der Ultras in Richtung Stadion aufgebrochen ist, taucht Tino Chrupalla, einer der beiden AfD-Bundesvorsitzenden, am immer noch gut gefüllten Stand der Ultras auf. Man begrüßt sich freundschaftlich, unterhält sich kurz und zieht dann weiter Richtung Stadioneingang. Cottbus gewinnt am Ende durch ein Tor in der 89. Minute – die Spannung entlädt sich, Trinkbecher fliegen durch die Luft und Menschen fallen sich jubelnd in die Arme. Mittendrin: Hohm und Chrupalla.
Vielleicht war dieser Moment historisch. Nicht wegen dem Aufstieg von Energie Cottbus, der eine Woche später endgültig besiegelt wurde, sondern weil sich erstmals die Bundesspitze einer der großen Parlamentsparteien am Stand einer größeren Ultra-Gruppe einfand – und in diesem Spektrum von Hardcore-Fußballfans auch akzeptiert wurde. Dazu sollte man wissen, dass die Fans von Energie Cottbus ziemlich berüchtigt sind: Viele von ihnen tragen an diesem Tag das Spieltags-Shirt mit der Aufschrift »Der Pöbel von Cottbus«.
Auf der Rückseite prangt die Abbildung einer Bahnhofsszene, in der Cottbus-Fans in langen Reihen polizeilich fixiert auf dem Boden liegen. Mit solchen Inszenierungen spielt man mit dem Image des Fußball-Gewalttäters. Auch Neonazi-Zuschreibungen werden auf solche Weisen aufgegriffen: Bei einem früheren Aufstieg zog die damals führende und mittlerweile verbotene Ultra Gruppe »Inferno Cottbus« in Ku-Klux-Klan-Roben über den Marktplatz, neben bengalischen Feuern trugen sie vorneweg ein Banner mit der Botschaft »Aufstieg des Bösen«.
Dass rechte Gewalt nach wie vor eine gelebte Praxis ist, zeigte sich in den letzten Monaten unter anderem bei einer Anschlagsserie auf ein linkes Hausprojekt, ein Partei-Büro der Linken und auf die Räume eines queeren Projektraums. Einige der Betroffenen sahen Personen aus dem Cottbusser Ultraumfeld als die Täter. Im Kontext der daran anschließenden Debatten hat der prominente Besuch der AfD-Spitze auch eine symbolische Wirkung: Er zeigt an, auf wessen Seite man steht.
Die sich hier abzeichnende Verbindung zwischen ostdeutschen Fußballfans und der AfD, zwischen straßenorientierten und gewaltaffinen Gruppen auf der einen sowie Partei-Funktionären und ihren strategischen Beratern auf der anderen Seite, ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit, sondern in dieser Dimension etwas Neues. Denn bisher haben diese rechten Lager noch nicht dauerhaft zusammengefunden.
Zwar gab es in der alten Bundesrepublik bereits in den 1980er Jahren Verbindungen von Nazi-Parteien zur damaligen Hooliganszene. Am bekanntesten ist das Beispiel der Dortmunder »Borussenfront«, in der Siegfried Borchardt (»SS-Siggi«) Verbindungen zur Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) aufgebaut hatte. Im ehemaligen West-Berlin gab es zudem über Andreas Pohl Verbindungen zwischen der Nationalen Front (NF) und der Skinheadszene von Hertha BSC, in der damals führende Gruppen vielsagende Namen wie »Endsieg« und »Zyklon B« trugen.
»Ein Haus in der Weitlingstraße im Berliner Bezirk Lichtenberg fungierte im Wendejahr 1990 für einige Monate als eine Organisationszentrale, von der aus führende westdeutsche Neonazis ihren Siegeszug in den Osten antreten wollten.«
Aus heutiger Sicht fällt jedoch auf, dass es sich in dieser Zeit um subkulturelle Allianzen mit neonazistischen Splitterparteien handelte, während die AfD in der Lausitz zuletzt in fast allen Wahlkreisen über 50 Prozent der Stimmen erhielt. Um zu verstehen, was sich verändert hat, hilft es, sich die Verbindungen zwischen rechtsradikalen Parteien und Fußballfanszenen in Ostdeutschland nach 1989 anzuschauen, wie ich es in meinem Buch Staatsfeinde. Rechte Subkulturen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren in ausführlicherer Form getan habe.
Im nationalen Taumel der Wiedervereinigung projizierten Führungspersonen des westdeutschen Neonazismus wie Michael Kühnen ihre national-revolutionären Hoffnungen auf die Jugend im Osten. Zugleich hatten sich hier bereits schlagkräftige rechtsorientierte Jugendsubkulturen herausgebildet, die neugierig auf neue politische Angebote von Rechtsaußen waren. Aus dieser Konstellation ergab sich zunächst ein gegenseitiges Interesse: Die neonazistischen Parteien brauchten schlagkräftiges Fußvolk, und die Skinheads und Hooligans waren ideologisch noch auf der Suche.
Ein Haus in der Weitlingstraße im Berliner Bezirk Lichtenberg fungierte im Wendejahr 1990 für einige Monate als eine Organisationszentrale, von der aus führende westdeutsche Neonazis ihren Siegeszug in den Osten antreten wollten. Da hier auch einige Ost-Berliner Hooligans eine Bleibe fanden, wohnten hier zeitweise Neonazis, Skinheads und Hooligans unter einem Dach.
Die Wohngemeinschaft war ein früher Kulminations-, jedoch bereits auch ein Scheidepunkt zwischen den unterschiedlichen Gruppen, die schon bald wieder getrennte Wege gingen. Dies hatte eine ganz Reihe von Gründen: Die Gruppen unterschieden sich in ihrem Verständnis von Gewalt. Zwar waren ostdeutsche Straßenschläger für Randale gern zu haben, doch in der Weitlingstraße trafen sie auf skrupellose Rechtsterroristen und Mörder, darunter einen notorischen österreichischen Sprengstoffspezialisten.
»Eine dauerhafte Allianz zwischen neonazistischen Parteien und rechten Subkulturen scheiterte an der Weigerung Letzterer, sich einer parteipolitischen Führung zu unterwerfen und ihr Handeln an einer Neonazi-Agenda auszurichten.«
Sie unterschieden sich auch in ihrem Verständnis von Autorität. Die in der Weitlingstraße ansässige Nationale Alternative (NA) verstand sich als neonazistische Kaderpartei. Im besetzten Haus, in dem mit »Sieg Heil« oder »Heil Kamerad« gegrüßt werden sollte, versuchten einige Nazis ein strenges Regiment aufzubauen – was bei den Hooligans nicht gut ankam. Sie hatten nach ihren Erfahrungen mit einem rigiden Staatssozialismus wenig Interesse an neuer »Zucht und Ordnung«, zumal einige auch gerade erst aus den DDR-Gefängnissen entlassen worden waren.
Hinzu kamen generationelle und habituelle Unterschiede sowie grundlegende politische Differenzen. Die westdeutschen Nazis sprachen damals in Bezug auf Ostdeutschland von »Mitteldeutschland« sowie von einer »Teilwiedervereinigung«, denn sie hatten noch die ehemaligen deutschen Ostgebiete in Polen im Visier. Sie träumten von einer »nationalen Revolution« und der Wiedereinführung der NSDAP, für die sie die künftige Parteielite bereitstellen wollten. Eine dauerhafte Allianz zwischen neonazistischen Parteien und rechten Subkulturen scheiterte an der Weigerung Letzterer, sich einer parteipolitischen Führung zu unterwerfen und ihr Handeln an einer Neonazi-Agenda auszurichten.
Die neonazistischen Splitterparteien erhielten in der unmittelbaren Nachwendezeit zwar für einige Monate starken Zulauf, doch der erhoffte revolutionäre Schwung blieb aus, und ihre Wahlergebnisse waren verschwindend gering. Die Jugend im Osten konnten sie letztlich nicht mobilisieren. Auch sonst deuteten die gesellschaftspolitischen Entwicklungen der 1990er Jahre nicht auf eine nationalsozialistische Wende hin. Statt mit einer revolutionären Welle auf den Straßen waren die Parteien bald mit einer Verbotswelle vonseiten der Gerichte konfrontiert, die in den frühen 1990er Jahren sowohl die NA als auch die NF und die FAP erfasste.
Die neonazistische Bewegung reagierte auf ihre Misserfolge, auf die Partei- und Vereinsverbote sowie ihre mangelnde Anbindung an die straßenorientierte Rechte mit einem Strategiewechsel. Sie nahm seit den späten 1990er Jahren selbst vorübergehend subkulturelle Formen an und organisierte sich fortan verstärkt in Form von »freien Kameradschaften«. Die Kameradschaften konnten mit ihren informelleren Strukturen aktionsorientierter agieren und sollten für rechte Jugendliche attraktiver wirken.
»In der Rückschau waren die 1990er Jahre auch für die etablierten rechtsradikalen Parteien ein Desaster.«
Hinter den neuen flexiblen Organisationsweisen verbargen sich jedoch weitgehend die führenden Köpfe der bisherigen Neonazi-Bewegung. Neben engen Verflechtungen mit der NPD war hier auch die alte Garde der FAP und der NF federführend tätig. Einige Kameradschaften bauten in den frühen 2000ern lokale Verbindungen zu ostdeutschen Fangruppen auf, zudem versuchten sie gezielt Amateurvereine zu unterwandern. Doch eine breite Mobilisierung von straßenorientierten rechten Jugendlichen erreichten letztlich auch die Kameradschaften nicht.
Die etablierten Rechtsaußenparteien boten sich zu dieser Zeit ebenfalls nur bedingt als Alternative an. Die Republikaner und die DVU blieben als süddeutsche Bierzelt- und Honoratiorenparteien den Ostdeutschen fremd. »So sehr sich die Republikaner somit auch bemühten, im Osten Fuß zu fassen, so sehr blieben sie doch eine Partei der alten Bundesrepublik – ideell, mental und personell«, resümiert der Historiker Moritz Fischer die gescheiterten Anläufe der Republikaner in den »Neuen Bundesländern«.
Etwas anders sah es zeitweise bei NPD aus. Sie war die einzige größere Rechtsaußenpartei, die im Verlauf der 1990er Basisarbeit in Ostdeutschland betrieb und Elemente der rechten Subkulturen integrieren konnte. Mit ihrem seinerzeit vertretenen »Drei-Säulen-Konzept« versuchte sie den »Kampf um die Straße«, den »Kampf um die Köpfe« und den »Kampf um die Wähler« zu gewinnen. Letztlich gewann sie keinen dieser Kämpfe. Durch ihre offenkundige neonazistische Ausrichtung konnte sie nicht über das eigene Gesinnungsmilieu hinaus reüssieren. Zudem trat in dem gegen sie angestrengten Verbotsverfahren das enorme Ausmaß der Infiltrierung durch den Verfassungsschutz hervor.
In der Rückschau waren die 1990er Jahre auch für die etablierten rechtsradikalen Parteien ein Desaster. Es handelte sich bei diesen Parteien um Alt-Nazis im doppelten Sinne: Zum einen waren sie ideologisch noch stark auf den Nationalsozialismus bezogen, zum anderen war ihr Personal auffallend alt. Es waren vielfach tatsächlich ehemalige Nazis wie Franz Schönhuber von den Republikanern, der als junger Mann noch bei der Waffen-SS gekämpft hatte. Skinheads und Hooligans im Osten hatten sich zu DDR-Zeiten größtenteils aus vom Sozialismus enttäuschten Arbeitermilieus herausgebildet und mit bundesdeutschen Alt-Nazis wenig gemeinsam.
»Die AfD galt in ihrer Gründungszeit zunächst als eine bürgerliche ›Professorenpartei‹ westdeutscher Prägung, was sie – selbst bei Zustimmung zur migrationsfeindlichen Haltung – für proletarisch geprägte Fußballmilieus nicht sonderlich attraktiv machte.»
Auch insgesamt lagen die Stimmenanteile von rechtsradikalen Parteien im Osten bis gegen Ende der 1990er noch deutlich unter denen im Westen. Bei den Bundestagswahlen 1998 erhielten die Republikaner 1,8 Prozent der Stimmen, die DVU 1,2 Prozent und die NPD 0,3 Prozent. Von dem mit der hohen Arbeitslosigkeit im Osten verbundenen Protestwählerpotenzial profitierte vor allem die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), die sich in den 1990ern erfolgreich als Anwalt des Ostens inszenierte.
Erst mit dem Aufstieg der AfD ab Mitte der 2010er Jahre konnte sich in Deutschland eine Rechtsaußenpartei erfolgreich etablieren. Diese galt jedoch in ihrer Gründungszeit zunächst noch als eine bürgerliche »Professorenpartei« westdeutscher Prägung, was sie – selbst bei Zustimmung zur migrationsfeindlichen Haltung – für proletarisch geprägte Fußballmilieus nicht sonderlich attraktiv machte. Dass dies sich in den letzten Jahren geändert hat und die AfD mittlerweile zur führenden Partei im Osten aufgestiegen ist, hängt mit neuen strategischen Ausrichtungen zusammen, bei denen auch Fußballfans gezielt in den Blick genommen werden. So zeigte sich Tino Chrupalla in den letzten Monaten nicht nur bei Energie Cottbus, sondern auch bei Dynamo Dresden, zudem versuchte er erfolglos bei RB Leipzig ins Stadion zu kommen.
Damit folgt er einer Linie, wie sie Benedikt Kaiser 2025 in seinem Buch Der Hegemonie entgegen skizziert hat. Kaiser wurde 1987 in der DDR geboren, wuchs nach der Flucht seiner Eltern in Bayern auf und studierte später Politikwissenschaft in Chemnitz. Dort bewegte er sich in einem Neonazi-Umfeld, dass sich auf Strasser, den »linken« Gegenspieler Hitlers in der NSDAP, bezog und knüpfte Verbindungen zur dortigen Fußballfanszene. Er arbeitete später mehrere Jahre als Lektor im rechtsintellektuellen Antaios-Verlag und ist mittlerweile für die AfD tätig, wo er als Vordenker des Höcke-Flügels zählt.
In dem von ihm bereits in einem früheren Buch vertretenen Begriff der »Mosaikrechten« ist die Partei zwar der wichtigste Mosaikstein, er betont jedoch auch die Bedeutung und die Eigenständigkeit anderer Mosaiksteine – auch die von »extrem rechten Subkulturen« im Fußballbereich. Da eine sich zunehmend aus akademischen Milieus rekrutierende Linke den Zugang zum Volk verloren habe – Kaiser zitiert in diesem Zusammenhang Ines Schwerdtner sowie eine ganze Reihe von anderen Jacobin-Autorinnen und -autoren – gelte es nun für die Rechten die Stammtische zu erobern. Denn »wahre Hegemonie äußert sich im Alltag, nicht am Wahltag«. Der Weg zur rechten Hegemonie verlaufe zunächst über den Osten, wobei Kaiser Südbrandenburg als einige der wenigen Regionen hervorhebt, in der man bereits die Meinungsführerschaft errungen habe.
»Auch wenn der Besuch von Hohm und Chrupalla am Stand der Ultras von Energie Cottbus in eine beunruhigende Richtung weist, ist die Verbindung von Fußballfans und AfD noch längst keine beschlossene Sache.«
Kaisers Grascianismus von rechts ist stark an französischen Vordenkern der »nouvelle droite« orientiert, allen voran an Alain de Benoist. In dieser Lesart wird die Bedeutung des Ökonomischen bei Gramsci – etwa dessen wirkmächtige Analyse des Fordismus – zugunsten einer Betonung der kulturellen Hegemonie heruntergespielt. Fußball statt Fabrik ist die Folge dieser Schwerpunktsetzung. Fußballfans spricht er für das rechte Hegemonieprojekt eine besondere Bedeutung zu, da sie häufig den öffentlichen Raum einer Stadt dominieren, sie eine handfeste Macht über die Straße ausüben. Kaiser geht von einer Arbeitsteilung lose miteinander vernetzter Akteure aus, bei der jeder seine Stärken einbringe.
Fußball-Schlägern kommt dabei wohl auch die strategische Aufgabe zu, den bei der angestrebten rechten Machtübernahme zu erwartenden militanten Widerstand von Links gewaltsam zu brechen. Allerdings sei der Fußball – wie die bundesdeutsche Öffentlichkeit insgesamt – bisher noch weitgehend linksdominiert. Dabei hat Kaiser die Ablösung der älteren Hooligankultur durch die vergleichsweise linkere Ultra-Bewegung um die Jahrtausendwende im Blick. Diese Sichtweise übersieht, dass in vielen Fankurven mittlerweile Mischszenen aus Ultras und Hooligans – sogenannte »Hooltras« – dominieren und sich besonders in Ostdeutschland auch rechte Ultra-Szenen herausgebildet haben. Die Gruppe »Inferno Cottbus« war dafür Anfang der 2000er Jahre ein Vorreiter.
Kaiser hebt sich in seinem Buch Der Hegemonie entgegen kritisch von einer vorhergehenden, stärker auf Eliten fokussierten Generation der sogenannten »Neuen Rechten« ab, denen er eine »Arroganz« gegenüber den »weniger gebildeten Schichten« vorwirft. Diese Rechtsintellektuellen hatten sich deshalb auch lange nicht für Fußball interessiert, genauso wenig wie übrigens die westdeutschen Adorno-Linken. Eine Ausnahme sind Literaturwissenschaftler wie Günter Scholdt, Jahrgang 1946, der in seinem Buch Fußball war unser Leben eine Kommerzkritik von rechts formuliert und fordert, dass die Nationalspieler die Nationalhymne wieder mit mehr Inbrunst mitsingen sollen.
»Die traditionelle Ablehnung organisierter Fanszenen gegenüber Parteipolitik wird sich nicht so leicht überwinden lassen.«
Doch die Fußballaffinität solcher bildungsbürgerlicher Autoren wirkt altbacken, so hebt Scholdt hervor, dass er sich stets »von exzesshaftem Fanatismus fernhielt«, und beim Torjubel höchstens mal einen »Rotweinfleck« auf dem »Berberteppich« verursachte. Theorieaffine jüngere Rechtintellektuelle wie Kaiser schlagen eine anderen Ton an: Kapitalismuskritisch ausgerichtet fordert er dazu auf, um die Populärkultur zu kämpfen und die Die Soziale Frage von rechts zu adressieren – so der Untertitel seines Buches über Solidarischen Patriotismus. Eine zentrale Rolle spielen dabei »organische Intellektuelle« im Sinne Gramscis, die überzeugend, organisierend und verbindend wirken.
Jean Pascal Hohm übernimmt nicht nur solche Funktionen und verfügt über die dafür notwendigen Eigenschaften, er bezieht sich offenkundig auf Kaiser, wenn er davon spricht die »Hegemonie zu erringen« und die Partei als größten Stein in einem patriotischen Mosaik ansieht. Der AfD-Jugendvorsitzende kommt aus der Lausitz und spielt hier auch selbst noch aktiv Fußball. Er ist seit Kindheitstagen Energie-Fan und stand auch schon auf dem Stadionvorplatz, als Cottbus noch in der vierten Liga kickte.
Neben Verbindungen zur Fußballfanszene pflegte der AfD-Politiker Verbindungen in diverse rechte Milieus: ihm wird eine Nähe zur Identitären Bewegung und zu den »Spreelichtern«, der 2012 verbotenen neonazistischen »Widerstandsbewegung Südbrandenburg« nachgesagt, zudem trat er als Anführer der Proteste gegen Flüchtlinge und gegen die Corona-Schutzverordnungen auf. Die Zeit erinnerte kürzlich in einem Portrait Hohms an einen Vorfall aus dem Jahr 2017, bei dem er mit dem Berliner Regionalleiter der Identitären Bewegung – seinem damaligen Mitbewohner – mit Cottbusser Fans im Stadion stand, die den Hitlergruß zeigten sowie rassistische und antisemitische Parolen brüllten. Das war damals selbst der AfD zu viel und Hohm verlor zwischenzeitlich seine Stelle im Brandenburger Landtag. Mittlerweile tritt er nach Außen jedoch gemäßigt auf und gilt als ein Hoffnungsträger der Partei.
Auch wenn der Besuch von Hohm und Chrupalla am Stand der Ultras von Energie Cottbus in eine beunruhigende Richtung weist, ist die Verbindung von Fußballfans und AfD noch längst keine beschlossene Sache. Außerhalb von Cottbus fehlen der AfD noch entsprechende Türöffner und die traditionelle Ablehnung organisierter Fanszenen gegenüber Parteipolitik wird sich nicht so leicht überwinden lassen. Selbst in Cottbus fällt Hohm auf dem Stadionvorplatz auf. Blendend weiße Schuhe statt der üblichen Sneaker, braune Stoffhose statt Adidas, ein breit lächelndes Wonneproppen-Gesicht sowie ein blendend sitzender Scheitel.
Mit seinem »perfekter Schwiegersohn«-Look unterscheidet sich Hohm vom selbsternannten »Pöbel von Cottbus« um ihn herum. Auch inhaltlich gibt es potenzielle Differenzen. Die von der AfD vertretene »Law and Order«-Politik wird nicht auf Gegenliebe der organisierten Fanszenen stoßen und die Russland-Nähe der Partei stößt in diesem, eher pro-ukrainischen Kontext bereits jetzt auf Unmut. Die AfD hat die Fanszenen bisher nicht erobert, doch die derzeit boomende und stark anwachsende Jugendkultur der Ultras hat in den letzten Jahren einen spürbaren Rechtsdrall bekommen. Die Linke kann sich ein Desinteresse am Fußball nicht mehr erlauben.
Stefan Wellgraf arbeitet als Ethnologe an der HU-Berlin. Er hat das Buch Staatsfeinde: Rechte Subkulturen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren veröffentlicht.