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01. Juli 2026

Diversität auf dem Rasen ist kein Antirassismus

Kaum verliert man im Fußball, wird aus dem Vorzeigedeutschen wieder ein Ausländer. Die Attacken gegen Jonathan Tah nach seinem verschossenen Elfmeter zeigen: Repräsentation baut keinen Rassismus ab.

Nur wer »nützlich« ist, wird in Deutschland akzeptiert. Das gilt im Fußball genauso wie überall sonst auch.

Nur wer »nützlich« ist, wird in Deutschland akzeptiert. Das gilt im Fußball genauso wie überall sonst auch.

IMAGO / NurPhoto

Nachdem bei der aktuellen Weltmeisterschaft im Männerfußball Deutschland gegen Paraguay verlor und ausschied, häufen sich unter den Posts der migrantischen Spieler rassistische Kommentare. Dem Schwarzen Nationalspieler Jonathan Tah wird vorgeworfen, aufgrund eines verschossenen Elfmeters für das Aus Deutschlands verantwortlich zu sein. In seinen Instagram-Kommentaren heißt es zum Beispiel, dass er sich jetzt nützlich machen oder nun endlich »zurück nach Afrika« solle. Dabei wurden migrantische Spieler vor kurzem noch als besonderes Anzeichen von Inklusion gefeiert.

Der Sympathieträger der WM war zweifellos der kurdisch-jesidische Spieler Deniz Undav. Trotz Skepsis von Nationaltrainer Julian Nagelsmann schoss er beim Spiel gegen Curaçao ein Tor und spielte bei zwei weiteren zu. Im Jubel tanzte er gemeinsam mit Antonio Rüdiger – der als bekennender und praktizierender Muslim einer rechten Hetzkampagne ausgesetzt war – auf dem Feld einen kurdischen Tanz. Undav wurde breit als Paradebeispiel dafür gehandelt, wie sich ein Bekenntnis zu Deutschland und ein positiver Bezug auf die eigene Herkunft verbinden lassen.

Was auf den ersten Blick wie eine progressive antirassistische Aneignung des deutschen Nationalismus wirkt, kann jedoch schnell wieder umschlagen. So kommentierte der ehemalige Nationalspieler Bastian Schweinsteiger als ARD-Experte das Spiel der Mannschaft der Elfenbeinküste verallgemeinernd als »afrikanischen Fußball«, der »nicht ganz so von der Taktik geprägt« und »ein bisschen wild« sei. Er bediente damit kolonialrassistische Stereotype, die nicht nur einen ganzen Kontinent vereinheitlichen, sondern auch das Bild der unzivilisierten Afrikanerinnen und Afrikaner ohne intellektuelle Fähigkeiten heraufbeschwören.

Eine solche Verallgemeinerung liegt nahe, wenn von der nationalen Kultur auf die sportlichen Fähigkeiten geschlossen werden soll. Denn selbst eine positive Bezugnahme auf Migration kann den deutschen Rassismus und Nationalismus stärken. Das wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass auch nach dem Spiel, bei dem Undav zwei Tore schoss, feiernde Fans dabei gefilmt wurden, wie sie rechte Parolen riefen.

Die Migrationsdebatte im Fußball ist nicht neu

In der aktuellen WM traten für die deutsche Nationalmannschaft so viele migrantische Spieler wie noch nie an: 54 Prozent der Spieler haben einen Migrationshintergrund. Der Anteil liegt damit über dem gesellschaftlichen Durchschnitt von 31 Prozent.

Die Debatte um Migrationshintergrund im Fußball ist nicht neu: Bereits bei Lukas Podolski und Miroslav Klose wurde bei Länderspielen gegen Polen die Frage aufgeworfen, ob sie Deutschland gegenüber wirklich loyal sein könnten. Aus Polen wurden sie für die Entscheidung, für Deutschland statt für Polen zu spielen, scharf angegriffen. In Deutschland galten sie erst nach der gewonnenen WM 2014 als positives Beispiel einer diversen Nationalmannschaft.

»Wenn ich gewinne, bin ich Deutscher und wenn ich verliere, bin ich Ausländer.« 

Sobald migrantische Spieler aber schlechte Ergebnisse liefern, schlägt diese Freude schnell wieder um. Ausgerechnet Mesut Özil drückte das treffend aus, als er sagte: »Wenn ich gewinne, bin ich Deutscher und wenn ich verliere, bin ich Ausländer.« Er und der damalige Kapitän Ilkay Gündogan wurden, weil sie sich während seines Wahlkampfes mit dem türkischen Präsidenten Recep Erdoğan ablichteten, 2018 scharf angegangen. Nicht dafür, dass Özil politisch rechte Positionen repräsentierte, wurde er kritisiert, sondern für einen angeblichen Loyalitätskonflikt mit »deutschen Werten«. Der Vorwurf: das mangelnde nationale Bekenntnis zu Deutschland.

Diese Debatte beschränkt sich nicht auf Deutschland. In den Niederlanden reagierten Fans nach dem Ausscheiden gegen Marokko ebenfalls mit rassistischen Kommentaren gegen die Spieler der Nationalmannschaft. Ein besonders gutes Beispiel ist Frankreich: Denn die französische Männer-Nationalmannschaft ist schon lange für ihren hohen Anteil an Spielern aus ehemaligen französischen Kolonien, vor allem afrikanischen, bekannt. Nachdem Frankreich 2018 die WM gewann, sagte der südafrikanische Comedian Trevor Noah, aufgrund des Anteils an afrikanischen Spielern satirisch: »Africa won the Worldcup«. Das kritisierte der französische Botschafter der USA Gérard Araud mit den Worten: »Frankreich beurteilt seine Bürger nicht nach Rasse, Religion oder Herkunft. Für uns gibt es keine Bindestrich-Identität.« Er warf Noah vor, er spreche den Spielern ihr »französisch-sein« ab und argumentiere so wie Weiße Suprematisten.

»Migrantinnen und Migranten erfüllen innerhalb der deutschen Gesellschaft eine spezifische Funktion: Sie sollen sich für die deutsche Wirtschaft nützlich machen. Sobald sie dazu nicht in der Lage sind, sollen sie raus.«

Doch die Debatte in Frankreich zeigt ein anderes Bild: Nachdem der algerischstämmige Zinedine Zidane 1998 ein Tor schoss, wurde die Mannschaft landesweit als Melting Pot gefeiert. Das kippte jedoch in den 2010er Jahren im Kontext des Erfolgs des Front National. Der französische Nationalspieler Karim Benzema meinte dazu ähnlich wie Özil: »Wenn ich ein Tor schieße, bin ich Franzose, aber wenn ich keins schieße oder wenn es Probleme gibt, dann bin ich Araber.«

Der heutige Ministerpräsident Baden-Württembergs Cem Özdemir meinte in Bezug auf die Debatte um Özil und Gündogan damals: »Es ist fatal, wenn junge Deutsch-Türken jetzt den Eindruck bekommen, sie hätten keinen Platz in der deutschen Nationalelf. Leistung gibt es nur in Vielfalt, nicht in Einfalt. So sind wir 2014 Weltmeister geworden. Und Frankreich jetzt.« Er bringt damit auf den Punkt, was in der Debatte häufig nur implizit mitverhandelt wird: Es geht um Leistung. Der Chefredakteur der Welt Ulf Poschardt beendet seinen Kommentar über das deutsche Aus mit den deutlichen Worten: »Nur ein erfolgreiches Deutschland ist lebenswert. Es geht nur ums Siegen. Jeder, der das Siegen verhindert, soll gehen oder die Klappe halten. Es reicht.«

Nützliche Migranten

Was hier vermittelt wird, ist das Narrativ der »nützlichen Migranten« und das beschränkt sich nicht auf den Fußball. Diese Debatte ist so alt wie der Rassismus selbst. Dass Deutschland heute ein Einwanderungsland ist, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Migration auch von staatlicher Seite forciert wurde, um billige Arbeitskräfte zu gewinnen. Migrantinnen und Migranten erfüllen deshalb innerhalb der deutschen Gesellschaft eine spezifische Funktion: Sie sollen sich für die deutsche Wirtschaft nützlich machen. Sobald sie dazu nicht in der Lage sind, sollen sie raus. Migrationspolitik entlang der Bedürfnisse des deutschen Arbeitsmarktes war nicht nur der Kern des Gastarbeiterabkommens. Dieses instrumentelle Verhältnis zu Migrantinnen und Migranten hat sich bis heute nicht geändert.

»Dass es so viele Fußballer mit Migrationshintergrund gibt, liegt auch daran, dass es für marginalisierte Gruppen häufig einfacher ist, durch sportliche Leistungen sozial aufzusteigen als durch akademische.«

Mit Blick auf die Klassenzusammensetzung im Fußball ist das Argument der nützlichen Migranten noch offensichtlicher. Fußball gilt als Sport der Arbeiterklasse. Das liegt auch daran, dass er quasi kein Equipment braucht. Viele Spieler aus Ländern des globalen Südens haben ihre Karriere ohne Förderung mit Straßenfußball angefangen. Diese Identifikation ist der Grund dafür, wieso man in den meisten Ländern der Welt Kinder in Trikots des argentinischen Fußballspielers Lionel Messi antrifft. Fußball steht für eine Hoffnung auf Aufstieg und Anerkennung für Menschen aus der Arbeiterklasse.

Dass es so viele Fußballer mit Migrationshintergrund gibt, liegt auch daran, dass es für marginalisierte Gruppen häufig einfacher ist, durch sportliche Leistungen sozial aufzusteigen als durch akademische. Auch weil rassistische Stereotype ihnen ohnehin eine höhere sportliche Leistungsfähigkeit zuschreiben und es deshalb einfacher ist, diese zugeschriebene soziale Rolle zu erfüllen. In den meisten Ländern sind daher im Sport rassistisch diskriminierte Gruppen besonders häufig vertreten. Migranten im Fußball sind daher keine besondere antirassistische Errungenschaft, sondern Ausdruck sozialer globaler Ungleichheit.

Bafta Sarbo ist Editor bei Jacobin.