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21. Juli 2026

»Widerstand ist legitim, aber nicht jedes Mittel ist rational oder produktiv«

Der Angriff des 7. Oktobers basierte auf einer katastrophalen Fehleinschätzung, sagt Nahost-Experte Gilbert Achcar. Im Gespräch über sein neues Buch »Der lange Weg nach Gaza« analysiert er die Zerstörung Palästinas und den Bankrott der liberalen Weltordnung.

Seit dem 7. Oktober 2023 haben über 90 Prozent der Einwohner des Gazastreifens ihr Zuhause durch israelische Bombenangriffe verloren.

Seit dem 7. Oktober 2023 haben über 90 Prozent der Einwohner des Gazastreifens ihr Zuhause durch israelische Bombenangriffe verloren.

IMAGO / NurPhoto

Gilbert Achcar ist emeritierter Professor für Entwicklungsstudien und internationale Beziehungen an der SOAS, University of London. Als einer der renommiertesten Kenner der Region analysiert er seit Jahrzehnten die geopolitischen Verhältnisse des Nahen Ostens. Sein neues Buch Der lange Weg nach Gaza ist im Mai im Brumaire Verlag erschienen. Darin ordnet er den Angriff der Hamas vom 7. Oktober und den darauffolgenden Völkermord historisch ein.

Auf dem diesjährigen Marx is Muss-Kongress sprach er mit Jacobin-Redakteurin Bafta Sarbo über die strategischen Fehleinschätzungen der Palästinenser, die brutale Realität des israelischen Siedlerkolonialismus und die Frage, wie ein wirksamer Befreiungskampf unter den gegebenen Bedngingen aussehen müsste.

Sie beschreiben den Angriff der Hamas am 7. Oktober als »die katastrophalste Fehleinschätzung in der Geschichte des antikolonialen Kampfes«. Wo genau hat sich die Hamas-Führung Ihrer Meinung nach verkalkuliert?

Es geht darum, die Ereignisse in eine historische Perspektive zu rücken. Überall in Europa und in den Medien der westlichen Welt wurde der 7. Oktober als der mörderischste antisemitische Angriff seit 1945 dargestellt.

Die Logik hinter dieser Definition ist, dass diejenigen, die den 7. Oktober verübt haben, dies nur taten, weil sie Antisemiten waren. Sie wollten Juden töten. Sie hatten angeblich keinen anderen Grund für ihr Handeln, so entsetzlich oder schrecklich es auch gewesen sein mag. Aber darum geht es hier nicht. Im Buch ziehe ich einen historischen Vergleich mit einem anderen, ebenfalls sehr schrecklichen Massaker, das sich im antikolonialen Kampf in Angola im Jahr 1961 ereignete – verübt von einer der angolanischen Befreiungsfronten gegen den portugiesischen Kolonialismus, also nicht gegen Juden.

Gaza war und ist, um ehrlich zu sein, ein Freiluftgefängnis, ein Freiluft-Konzentrationslager. Kein Vernichtungslager, sondern ein Konzentrationslager, in dem Menschen zusammengepfercht sind, sich nicht frei bewegen und nicht herauskommen können. Die Menschen im Gazastreifen waren extremer Unterdrückung ausgesetzt. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung im Gazastreifen besteht aus Menschen, die aus den Gebieten vertrieben wurden, die Israel 1948 im Zuge der Gründung des neuen israelischen Staates eroberte. Sie sind also Flüchtlinge und leben seit Jahrzehnten unter Unterdrückung, insbesondere seit der Besetzung des Gazastreifens im Jahr 1967.

»Die von der Hamas angeführte Operation am 7. Oktober muss in die Geschichte eingeordnet werden, in die sie gehört und das ist nicht europäische oder deutsche Geschichte.«

Die israelische Armee zog sich zwar 2005 aus dem Gazastreifen zurück, aber der Streifen blieb unter der strengen Kontrolle Israels und zwar so sehr, dass er im Völkerrecht trotz des Truppenabzugs nach wie vor als besetztes Gebiet gilt. Wenn man sich aus einem Gebiet zurückzieht, dieses Gebiet aber wie eine Art Gefängnis abriegelt, bleibt man eine Besatzungsmacht.

Die Vorstellung, dass Menschen unter solchen Bedingungen einen Angriff starten, nur weil sie Antisemiten sind und aus keinem anderen Grund, ist schlichtweg absurd. Glauben Sie, dass die Menschen in Gaza nach all dem, was sie erlitten haben, nicht dieselbe Motivation gehabt hätten, denjenigen anzugreifen, den sie als Feind wahrnehmen, wenn die Israelis weiße Protestanten, Katholiken oder sogar Muslime gewesen wären?

Deshalb sage ich, dass es wichtig ist, mit dieser Einordnung zu beginnen. Die von der Hamas angeführte Operation am 7. Oktober muss in die Geschichte eingeordnet werden, in die sie gehört und das ist nicht europäische oder deutsche Geschichte. Es ist palästinensische und Kolonialgeschichte. Das ist ein großer Unterschied. Und in dieser Hinsicht muss man sie mit der Geschichte des antikolonialen Befreiungskampfes vergleichen. Wie ich schon sagte, findet man in dieser Geschichte Episoden, die sich qualitativ nicht vom 7. Oktober unterscheiden. Doch keines der schrecklichen Vergehen der israelischen Besatzung, die sich seit dem 7. Oktober noch einmal massiv vervielfacht haben, ist dafür eine Rechtfertigung.

Über den Charakter des Massakers hinaus ist der entscheidende Punkt jedoch, dass es für den palästinensischen Befreiungskampf völlig kontraproduktiv war. Diese Operation hat zur schlimmsten Katastrophe in der gesamten Geschichte des palästinensischen Volkes geführt. Nichts von dem, was zuvor geschah – nicht einmal die Nakba von 1948 – erreicht das Ausmaß des Horrors des Völkermords in Gaza und der vollständigen Zerstörung und Auslöschung von 80 bis 90 Prozent eines dicht besiedelten städtischen Gebiets.

Schon aus diesem Blickwinkel war es offensichtlich eine gewaltige Fehlkalkulation. Zu allererst: Die gesamte Strategie der Hamas, an die Möglichkeit zu glauben, Israel mit Gewalt und Waffen militärisch zu besiegen, ist aus meiner Sicht irrational. Wenn man einem Feind gegenübersteht, der militärisch 10.000.mal stärker ist als man selbst, greift man diesen Feind nicht militärisch an. Das ergibt keinen Sinn. Man schießt keine Raketen aus dem Gazastreifen ab. Jedes Mal, wenn sie Raketen abfeuern, ernteten sie die 100-fache Menge an Bombardierungen und die 100-fache Anzahl an Toten. Das war absurd.

Übrigens hat die Palästinensische Befreiungsorganisation [PLO] schon vor langer Zeit, noch vor dem Oslo-Abkommen, den bewaffneten Kampf eingestellt, weil sie zu dem Schluss kam, dass das zu nichts führt. Die Hamas hielt an dieser gewaltsamen Strategie fest – von Selbstmordattentaten und dem wahllosen Bombardieren von Menschenansammlungen über Raketenangriffe bis hin zur Operation am 7. Oktober. Das ist die erste Fehlkalkulation. Es ist nicht rational.

Und das ist das Nachwort in diesem Buch, ich diskutiere Formen des Kampfes. Was ich allgemein sage, ist: Widerstand mit allen notwendigen Mitteln ist gegen einen Kolonisator, gegen einen Besatzer legitim. Aber das bedeutet nicht, dass alle Mittel legitim sind oder dass alle Mittel rational, produktiv und dem Zweck dienlich sind. In diesem Fall war es ein völlig kontraproduktiver Schritt.

Was ging also in ihren Köpfen vor? Am Morgen des 7. Oktober herrschte ein völlig mystisches, fast magisches Denken: »Gott wird seine Engel senden, um mit uns zu kämpfen. Macht euch keine Sorgen, Gott ist mit uns und seine Engel werden an unserer Seite kämpfen.« Und sie riefen die gesamte »Achse des Widerstands« auf, den Iran, Syrien – das syrische Regime, das keinen Finger rührte – die Hisbollah und den Rest, sich ihnen anzuschließen, weil die Befreiung begonnen habe. Das ist die Denkweise derer, die das initiiert haben.

Zwei Jahre vor dieser Operation organisierte Yahya Sinwar, der Drahtzieher des 7. Oktober, eine Konferenz in Gaza darüber, was nach der Befreiung Palästinas zu tun sei. Also: Was machen wir mit den verbleibenden Juden? Wo werden die Grenzen Palästinas verlaufen? Welche Währung werden wir nutzen? Palästinenser, die nicht der Hamas angehören, machten sich in den sozialen Medien massiv über diese Konferenz lustig, weil sie so absurd war. Aber das zeigt ihre ganze Denkweise.

»Am Morgen des 7. Oktober herrschte ein völlig mystisches, fast magisches Denken: ›Gott wird seine Engel senden, um mit uns zu kämpfen. Macht euch keine Sorgen, Gott ist mit uns und seine Engel werden an unserer Seite kämpfen.‹ Das ist die Denkweise derer, die das initiiert haben.«

Deshalb ist dies meiner Ansicht nach nicht von der Tatsache zu trennen, dass wir es mit einer religiös-fundamentalistischen Organisation zu tun haben. Ob Islam, Christentum, Judentum oder was auch immer – sie ist fundamentalistisch. Sie bewegt sich daher stark innerhalb eines religiösen Denkmusters und des Glaubens an das Eingreifen übernatürlicher Kräfte.

Es war also eine gewaltige Fehlkalkulation, weil sie dachten, dass die Geiselnahme die Israelis von Vergeltungsmaßnahmen abhalten würde. Die andere entscheidende Sache, die sie völlig übersehen haben, ist, dass in Israel eine Koalition aus Neofaschisten und Neonazis an der Macht ist. Es handelt sich nicht nur um die rechteste Regierung in der Geschichte Israels, sondern definitiv um die rechteste aller gewählten Regierungen weltweit. Sie können sich umschauen: Sie werden weltweit keine gewählte Regierung finden, die weiter rechts steht oder in ihrer rechten Politik auch nur annähernd an diese dortige Regierung heranreicht. Das haben sie völlig außer Acht gelassen.

Denn was bedeutet das? Das bedeutet auch, dass diese Menschen, die in Israel an der Macht sind, absolut nichts davon abhält, bis zum Äußersten zu gehen – was sie auch getan haben. Und sie nutzten den 7. Oktober als Gelegenheit, denn diese israelische Regierung hätte sich ohnehin eine Gelegenheit gewünscht, das zu tun, was sie getan hat. Genauso wie der 11. September 2001 von der Regierung George W. Bush als Gelegenheit genutzt wurde, einen Kriegskurs einzuschlagen und schließlich den Irak zu besetzen. Was sie ohnehin tun wollten.

Aber sie hatten diese große Chance mit der Unterstützung aller westlichen Regierungen. Das ist der entscheidende Punkt. Insbesondere diese Regierung hier [in Deutschland], aber eigentlich alle, stellten sich selbst nach mehreren Monaten des Völkermords noch gegen Forderungen nach einem Waffenstillstand. Während Zehntausende Menschen – darunter 40 Prozent Kinder – getötet wurden, lehnten sie selbst Forderungen nach einem Waffenstillstand ab.

All das hängt zusammen. Es war also eine schreckliche, katastrophale Fehlkalkulation. Ja, die schlimmste, katastrophalste Fehlkalkulation in der Geschichte des antikolonialen Befreiungskampfes. Ich habe das Beispiel aus Angola erwähnt, das schreckliche Folgen hatte. Aber diese werden durch das, was in Gaza passiert ist, insbesondere im Verhältnis zur Bevölkerung, völlig in den Schatten gestellt.

Bleiben Sie bei dieser Einschätzung? Inzwischen sehen wir, dass viele Staaten Palästina offiziell anerkannt haben, sogar westliche Staaten wie Frankreich oder Spanien. Israel ist in gewisser Weise zu einem Paria-Staat geworden, und es gibt mehr Sympathie für die palästinensische Sache als je zuvor.

Ich möchte Ihnen mit einer Gegenfrage antworten: Was hat Ihrer Meinung nach dazu geführt? Der 7. Oktober oder der Völkermord? Offensichtlich der Völkermord, richtig? Denn die unmittelbare Reaktion auf den 7. Oktober war große Sympathie mit den Israelis – das dürfen Sie nicht vergessen. Und das blieb unter dem Einfluss des Medienbombardements auch wochenlang so.

Dieser von einer rechtsextremen Regierung verübte Völkermord war so entsetzlich, dass er die öffentliche Meinung veränderte. Bis zu einem gewissen Grad sogar in einem Land wie Deutschland, vor allem aber in den USA selbst und sogar unter amerikanischen Juden. Fast die Hälfte der amerikanischen Juden bezeichnet es als Völkermord.

Bei einer Buchvorstellung in der Schweiz stand jemand auf und sagte zu mir: »Dank des 7. Oktobers kann die Welt sehen, dass Israel ein völkermörderischer Staat ist.« Ich entgegnete dieser Person: »Ist Ihnen eigentlich klar, was Sie da sagen? Sie sind also froh, dass ein Völkermord stattgefunden hat, nur weil die Menschen jetzt sehen können, dass Israel ein völkermörderischer Staat ist?« Das ist die reinste Absurdität.

Nicht der 7. Oktober hat den Palästinensern Sympathien eingebracht. Es ist der Völkermord. Er ist so entsetzlich, dass er die öffentliche Meinung umgestimmt hat und westliche Regierungen nun dazu veranlasst, den palästinensischen Staat anzuerkennen – einen Staat, der bereits 1988 ausgerufen wurde, als der palästinensische Befreiungskampf auf dem Höhepunkt seiner Geschichte war. Auf einem Höhepunkt, den er seither nie wieder erreicht hat. Das war das Ergebnis eines gewaltfreien Massenaufstands, der Ersten Intifada. Die einzige Waffe, die damals benutzt wurde, waren Steine, die von Kindern auf Soldaten geworfen wurden. Das war alles, keine Schusswaffen. Die Führung der Intifada – die palästinensische Linke und nicht die Hamas, die damals gerade erst gegründet worden war – war klug genug, jeglichen Einsatz von Waffen zu verbieten. Damals rief die PLO den palästinensischen Staat aus.

»Es ist völlig absurd, wenn Menschen den kolonialen Charakter eines Staates leugnen, dessen Gründungsmanifest offen kolonialistisch ist.« 

Zu diesem Zeitpunkt war es absolut sinnvoll, ihn anzuerkennen. Ihn jetzt anzuerkennen, nachdem Gaza zerstört wurde, Israel es wieder besetzt hat und die sogenannte »Zwei-Staaten-Lösung« – womit sie die Palästinensische Autonomiebehörde von Mahmud Abbas meinen –, die Realität ist, ist bitter.

Diese Behörde arbeitet mit dem Besatzer zusammen. Edward Said verglich sie seinerzeit bereits mit dem Vichy-Regime in Frankreich: eine Regierung, die mit der Besatzungsmacht kollaboriert, die einen Teil ihres eigenen Staatsgebiets besetzt hält. Zu Saids Zeiten war das vielleicht noch eine Übertreibung, weil es Jassir Arafat gab, der andere Ansichten vertrat. Aber unter Mahmud Abbas ist es wie Vichy.

Symbolisch ist das natürlich gut, aber es bedeutet nicht viel. Diejenigen, die heute nach der Palästinensischen Autonomiebehörde und einem sogenannten Staat im Westjordanland und in Gaza rufen, laufen erstens einer völligen Illusion hinterher. Und zweitens versuchen sie, eine Entschuldigung für ihr eigenes Verhalten zu finden. Frankreich unter Macron hat in dieser Hinsicht die Initiative ergriffen – derselbe Macron, der nach dem 7. Oktober nach Israel reiste und Netanjahu anbot, französische Truppen zu schicken, um sich ihm im Kampf um Gaza anzuschließen. Das sagt eigentlich schon alles.

Sie haben bereits über die öffentliche Meinung in Deutschland gesprochen. Hier gilt Israel als Zufluchtsort für Holocaust-Überlebende. In Ihrem Buch führen Sie den Zionismus auf seine Ursprünge zurück und beschreiben ihn als koloniales Projekt. Können Sie das näher erläutern und worin unterscheidet sich der zionistische Siedlerkolonialismus von anderen Kolonialprojekten des 19. Jahrhunderts?

Zunächst einmal sage ich nicht nur, dass der Zionismus ein koloniales Projekt ist. Der Kernpunkt hierzu ist das, was ich die »Dualität des Zionismus« nenne. Er hat zwei Gesichter: Er ist zum einen eine Reaktion auf den Antisemitismus. Ich denke, die meisten Menschen wissen, wie Theodor Herzl auf die Idee kam, eine politische Bewegung für einen »Judenstaat«, wie er es nannte, zu gründen. Er war Journalist, berichtete über den antisemitischen Dreyfus-Prozess in Frankreich und schrieb daraufhin sein Buch.

Es ist also teilweise eine Reaktion auf den Antisemitismus. Eine unter vielen, denn es gab auch andere Reaktionen. Es gab Marxisten, es gab Liberale, es gab die größte jüdische Organisation, den Bund, der damals Teil der marxistischen sozialdemokratischen Partei war.

Wenn man das Buch aufmerksam liest, ist Herzl sehr klar. Er wendet sich an assimilierte Juden wie sich selbst – er war ein assimilierter österreichischer Jude. Er spricht die assimilierten Juden in Deutschland, Frankreich und anderen Ländern an, in denen mit der Moderne alle Diskriminierungen abgebaut worden waren, und sagt ihnen: Seht her, diese jüdischen Proletarier, die aus Osteuropa, aus Russland und so weiter kommen, schüren den Antisemitismus. Also helft mir, sie woanders hin in einen Judenstaat zu schicken, dann werdet ihr assimilierten Juden diese proletarischen Juden los.

Es ist völlig absurd, wenn Menschen den kolonialen Charakter eines Staates leugnen, dessen Gründungsmanifest offen kolonialistisch ist. Auch hier gilt: Wenn man Der Judenstaat liest, steht es dort schwarz auf weiß, ganz eindeutig. Die Kernfrage lautet: Wie kann die zionistische Bewegung ihr Ziel erreichen? Die Antwort ist: Wir müssen an die Türen der Kolonialmächte klopfen, bis wir eine finden, die bereit ist, unser Projekt zu unterstützen.

Und sie fanden sie in Großbritannien mit der Balfour-Deklaration. Es ist allgemein bekannt, dass dies eine Erklärung eines Ministers – Arthur Balfour – war, der selbst Antisemit war und wenige Jahre zuvor Gesetze erlassen hatte, die jüdischen Flüchtlingen die Einreise nach Großbritannien verwehrte. Das einzige Mitglied der britischen Regierung, des Kabinetts von Lloyd George, in dem Balfour Außenminister war, das die Balfour-Deklaration ablehnte und sie als antisemitisch bezeichnete, war das einzige jüdische Mitglied dieses Kabinetts. Er war erst der zweite jüdische Minister in der Geschichte Großbritanniens. Er verfasste ein Memorandum, das man online finden kann, in dem er schreibt: »Diese Erklärung ist antisemitisch, weil sie davon ausgeht, dass meine nationale Heimat als Jude Palästina ist und nicht Großbritannien. Nein, ich bin Brite. Und wenn man ein deutscher Jude ist, ist das Heimatland Deutschland oder Frankreich oder eben das jeweilige Land.«

Die Idee ist, dass Juden nur an einen einzigen Ort gehören, nämlich nach Palästina. Auch hier war Herzl sehr deutlich: »Die Antisemiten werden unsere besten Verbündeten sein«, schrieb er. »Sie wollen die Juden aus Europa weghaben, und wir wollen, dass die Juden nach Palästina kommen. Also können wir zusammenarbeiten.«

Die einzige nicht-nationalsozialistische politische Organisation, die im Deutschland der NS-Zeit toleriert wurde, war die deutsche zionistische Bewegung. Nur wenige Monate nach Hitlers Machtübernahme gab es das Transfer-Abkommen zwischen der Hitler-Regierung und der zionistischen Bewegung. Dadurch entstand eine Zusammenarbeit, die bis zum Zweiten Weltkrieg andauerte, um mehr als 50.000 deutsche Juden nach Palästina zu schicken. Sie wurden von den NS-Behörden praktisch gedrängt, nach Palästina zu gehen, weil das der einzige Ort war, an den sie ihr Kapital und ihr Hab und Gut transferieren konnten. An allen anderen Orten hätten sie alles zurücklassen müssen. Wir sprechen hier also von einem kolonialen und reaktionären Projekt, auch wenn die Zionisten angesichts des Holocausts sagen werden: »Aber das ist doch die Bestätigung dessen, was wir prophezeit haben.« Das stimmt zwar, aber das geschah erst viel später.

»Beim Gaza-Krieg gab es keine führenden westlichen Staaten mehr, die diesen Schein aufrechterhalten wollten. Sie alle unterstützten diesen Völkermord.« 

Zudem gab es damals viele Mitschuldige. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien verschlossen ihre Türen vor den jüdischen Flüchtlingen. Roosevelt organisierte die Konferenz von Évian, an der über 80 Länder teilnahmen. Keines von ihnen, außer vielleicht Costa Rica, war bereit, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Und es gibt zahlreiche Bücher darüber, dass die USA oder Großbritannien die Bahngleise zu den Konzentrationslagern hätten bombardieren können und dies nicht taten.

Wenn man sich den Nahen Osten ansieht, stellt man fest, dass er Flüchtlingen gegenüber weitaus offener war als europäische Länder. Die armenischen Flüchtlinge kamen in sehr großer Zahl, als sie 1915 vor dem türkischen Völkermord an den Armeniern flohen. Sie gingen nach Syrien, einige in den Irak und nach Libanon. Wären die jüdischen Flüchtlinge einfach als Flüchtlinge gekommen, hätte es kein Problem gegeben. Wenn sie jedoch als Flüchtlinge mit dem Projekt kommen, sich das Land der Einheimischen zu nehmen und dort ihren eigenen Staat zu gründen, ändert sich die Lage. Und genau das ist passiert. Ein Zufluchtsort darf nicht als Gelegenheit genutzt werden, das Land anderer an sich zu reißen und sie zu vertreiben.

Denn was war das Jahr 1948 anderes als ein massiver Akt ethnischer Säuberung. Den Begriff gab es damals noch nicht, er kam erst später mit den Balkankriegen auf. Aber genau das ist 1948 geschehen. Glücklicherweise kein Völkermord im Sinne eines Massenmordes in der Größenordnung von Gaza, aber eine massive ethnische Säuberung. 80 Prozent der palästinensischen Bevölkerung auf dem Land, das Israel 1948 an sich riss, flohen und durften nie wieder zurückkehren. Und das von einem Staat, dessen juristischer Eckpfeiler das sogenannte »Rückkehrgesetz« ist. Aber das gilt nicht für die Rückkehr der Palästinenser. Es gilt für die »Rückkehr« jedes Juden auf der Welt, weil sie vor 2.000 Jahren geflohen seien. Es gibt also ein Gesetz, das ihnen die Rückkehr erlaubt und ihnen automatisch die Staatsbürgerschaft des israelischen Staates verleiht. Versetzen Sie sich einmal in die Lage der Palästinenser, und Sie erhalten eine völlig andere Perspektive.

Der Untertitel Ihres Buches spricht vom »Ende der liberalen Weltordnung«. Warum ist Gaza für Sie der entscheidende Wendepunkt und nicht etwa der Irakkrieg 2003 oder der Krieg in der Ukraine ab 2022?

Dem Krieg in der Ukraine traten westliche Länder im Namen der liberalen Weltordnung und des Völkerrechts entgegen. »Dies ist eine Verletzung des Völkerrechts« und so weiter. Natürlich sind sie Heuchler, das ist offensichtlich.

Nach dem Kalten Krieg hielt George H. W. Bush 1990 eine Rede, in der er einen Begriff prägte: die »Neue Weltordnung«. Wenn man diese Rede heute liest, wirkt sie fast skurril: Er versprach eine neue Weltordnung auf der Grundlage des Völkerrechts, in der die Schwachen vor den Starken geschützt würden. Dieselben Vereinigten Staaten begingen nur wenige Jahre später mit dem Einmarsch im Kosovo den ersten großen Verstoß gegen das Völkerrecht nach dem Kalten Krieg. Denn internationale Kriege können völkerrechtlich nur in zwei Fällen legal sein: zur Selbstverteidigung im Falle eines Angriffs oder mit grünem Licht des UN-Sicherheitsrates. Der Kosovokrieg erfüllte keines dieser beiden Kriterien.

Einige Jahre später folgte in weitaus größerem Maßstab die Invasion des Irak, der zweite große Völkerrechtsbruch der USA. Diese liberale Weltordnung wurde also wiederholt verletzt. Dennoch blieb die Illusion bestehen, sie existiere noch. Nehmen wir den Irakkrieg: Der nächste US-Präsident, Barack Obama, war jemand, der stolz darauf war, die Invasion des Irak abgelehnt zu haben. Der Schein wurde also gewahrt: »Die Republikaner sind vom Weg abgekommen und haben gegen das Völkerrecht verstoßen, aber ich kehre nun zu dieser liberalen Ordnung zurück.« Auch die Europäer, insbesondere Gerhard Schröder und Jacques Chirac, lehnten diesen Krieg im Namen des Völkerrechts ab.

Doch beim Gaza-Krieg gab es keine führenden westlichen Staaten mehr, die diesen Schein aufrechterhalten wollten. Sie alle unterstützten diesen Völkermord. Die USA unter dem sogenannten Demokraten Biden, und nicht unter Trump, haben den Krieg nicht nur unterstützt. Ich beschreibe ihn im Buch als den ersten gemeinsamen US-israelischen Krieg. Die USA mussten für dieses winzige Gebiet von Gaza keine eigenen Truppen oder Flugzeuge schicken; Israel hatte mehr als genug Flugzeuge und Soldaten dafür. Aber Bomben wurden zu Tausenden geliefert, und zwar keine kleinen. Wir sprechen von diesen riesigen, halb-Tonne-schweren Bomben, die selbst die US-Streitkräfte in städtischen Gebieten nicht einsetzen. Sie sind für offenes Gelände gedacht. In Gaza wurden sie in urbanem Gebiet eingesetzt, wo ihre Wirkung völkermörderisch ist, denn man kann solche Bomben nicht auf eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde abwerfen, ohne massenhaft Zivilisten zu töten.

Wenn man sich die Zahlen ansieht: 70 Prozent der Opfer sind Frauen und Kinder. Und wenn ich von Frauen spreche, dann deshalb, weil sie per Definition Nicht-Kombattantinnen sind, da es bei der Hamas keine weiblichen Kämpferinnen gibt. Siebzig Prozent sind also mit Sicherheit Zivilisten, und bei den verbleibenden 30 Prozent, den erwachsenen Männern, kann man sicher sein, dass die überwiegende Mehrheit ebenfalls keine Kämpfer waren.

Die Hamas musste sich nicht hinter Zivilisten verstecken, wie es Israel behauptete. Das ist eine reine Lüge. Israel wusste sehr wohl, dass die Hamas über ein Tunnelnetzwerk unter der Erde verfügt, das größer ist als das U-Bahn-Netz von London oder Berlin. Sie müssen sich nicht oben verstecken. Meiner Ansicht nach ist es ohnehin schockierend, als Organisation Schutzräume für ihre eigenen Kämpfer zu bauen, aber nicht für die Zivilbevölkerung. Aber das ist eine andere Geschichte.

»Die Neue Mitte, um auf Schröder und Konsorten zurückzukommen, liegt in den letzten Zügen und ebnet der extremen Rechten den Weg.«

Die Tatsache, dass all jene Länder, die im Namen der liberalen Weltordnung sprachen, sich diesem Krieg angeschlossen haben, war der letzte Nagel im Sarg der sogenannten »regelbasierten internationalen Ordnung«. Seitdem ist sie völlig diskreditiert. Und besonders wenn man den Kontrast zwischen ihrer Position zur Ukraine und ihrer Position zu Gaza sieht, ist es so offensichtlich: Diese Staaten besitzen heute in den Augen der Welt – des globalen Südens sowieso, aber auch in den Augen der Bevölkerung des globalen Nordens – keinerlei Glaubwürdigkeit mehr.

Gestern sprachen wir darüber, wie der Bankrott des Liberalismus dem Neofaschismus den Weg geebnet hat. Es ist allgemein bekannt, dass Bidens Haltung zu Gaza einer der Schlüsselfaktoren für die Niederlage seiner Vizepräsidentin Kamala Harris und die Rückkehr von Trump mit einer größeren Mehrheit war – diesmal sogar mit einer Mehrheit der Popular Vote. Gegen Hillary Clinton hatte Trump den Popular Vote noch um drei Millionen Stimmen verloren. Diesmal kam er dank Joe Biden und dem, was passiert ist, mit einer absoluten Mehrheit zurück.

Dieses Ende der internationalen liberalen Ordnung signalisiert also gleichzeitig das Ende des Liberalismus als sogenannter Zentrismus. Die Neue Mitte, um auf Schröder und Konsorten zurückzukommen, liegt in den letzten Zügen und ebnet der extremen Rechten den Weg: der AfD hier in Deutschland, Reform UK in Großbritannien angesichts der völlig heuchlerischen Starmer-Regierung, die bereits komplett diskreditiert ist. Starmer ist Jurist und wurde zu Beginn der Gaza-Offensive gefragt: »Halten Sie es für akzeptabel, einer Bevölkerung den Zugang zu Treibstoff, Energie und Wasser abzuschneiden?« Und er antwortete mit Ja. Was für ein Jurist ist das bitte? Wo hat er Jura studiert? Man sieht also, wie sehr all dies diese sogenannten liberalen Kräfte diskreditiert hat.

Ich sage das nicht mit Freude, denn diejenigen, die am meisten davon profitieren, sind bislang die extreme Rechte und die Neofaschisten. Ich hoffe, dass wir als linke Kräfte in der Lage sein werden, den Wind der Geschichte wieder in eine andere Richtung zu lenken. Aber es ist ein harter Kampf.

In Ihrem Buch schreiben Sie: »Israel kann von außen militärisch nicht besiegt werden.« Können Sie das näher erläutern und welche Schlussfolgerung ziehen Sie daraus?

Die Algerier bekämpften den französischen Kolonialismus. Die Südafrikaner bekämpften das Apartheidregime der Buren. In beiden Fällen stellen die Einheimischen jedoch die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung dar. Es gab also ein Kräfteverhältnis, das Sinn ergab. Aber selbst in diesen Fällen hat keine der beiden Seiten rein militärisch gewonnen, auch wenn ihr Kampf zweifellos zum Erfolg beitrug.

Betrachtet man nun die Palästinenser, ist das eine völlig andere Geschichte. Erstens zielte der zionistische Siedlerkolonialismus nicht darauf ab, die lokale Bevölkerung auszubeuten, sondern sie zu entwurzeln, daher die ethnische Säuberung. Das führt dazu, dass selbst wenn man das gesamte britische Mandatsgebiet Palästina zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer nimmt, man eine demografische Parität erreicht. Gleichzeitig verfügt der zionistische Staat über eine überwältigende militärische Überlegenheit gegenüber den Palästinensern. Die Vorstellung, die Palästinenser könnten den zionistischen Staat durch bewaffneten Kampf besiegen, ist daher völlig absurd.

Lassen Sie mich ein anderes Beispiel nennen: die afroamerikanische Bevölkerung in den USA. Sie sind eine Minderheit. Diejenigen unter ihnen, die es mit bewaffnetem Kampf versuchten – die Black Panthers und andere – kamen damit nicht weit. Was hat stattdessen die entscheidenden Ergebnisse gebracht? Es war die Bürgerrechtsbewegung, die riesige gewaltfreie Massenbewegung um Martin Luther King und andere, an der sich auch immer mehr weiße Antirassisten beteiligten. So haben sie gewonnen.

Und genauso verhält es sich für die Palästinenser: Die einzige Strategie, die Sinn ergibt – und das erfordert gewaltfreien politischen Kampf, Massenkampf – besteht darin, zu versuchen, die jüdisch-israelische Gesellschaft zu spalten. Was die Hamas getan hat, bewirkte genau das Gegenteil: Es hat die jüdisch-israelische Gesellschaft auf den rechtesten Positionen geeint.

»Man braucht nur weitere 20 Prozent der jüdisch-israelischen Bevölkerung, um das politische Kräfteverhältnis im israelischen Staat grundlegend zu verändern. Das ist eine rationale Strategie – nicht der 7. Oktober.«

Ariel Scharon, der zu seiner Zeit für das Massaker von Sabra und Schatila 1982 im Libanon verantwortlich war, spielte dieses Spiel perfekt, als er Jahre später an die Macht kam. Jedes Mal, wenn er politisch etwas brauchte, ließ er einen führenden Kopf der Hamas liquidieren, im Wissen, dass die Hamas mit einem Selbstmordattentat oder Ähnlichem reagieren würde, und im Wissen, dass dies die jüdisch-israelische Bevölkerung wieder auf seine Seite bringen würde.

Netanjahu spielte genau dasselbe Spiel. In der israelischen Presse gab es zahlreiche Artikel darüber, dass Netanjahu die Hamas der Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland bei weitem vorzog. Denn die Autonomiebehörde bewegt sich zumindest scheinbar im Rahmen des Völkerrechts und wird von europäischen Regierungen und zeitweise sogar von der US-Regierung unterstützt. Die Hamas hingegen ist der Paria und das ist hervorragend für Netanjahu, weshalb er sie an der Macht hielt.

An einem bestimmten Punkt traf er sogar eine Vereinbarung mit der Hamas. Es gab junge Leute in Gaza, die eine unabhängige, gewaltfreie Bewegung gründeten: Den »Großen Rückkehrmarsch«. Diese Bewegung wurde sehr erfolgreich. Die Hamas beschloss daraufhin, sie zu kapern und für ihre Zwecke zu nutzen. Sie schlossen einen Deal mit Netanjahu, der es ihnen erlaubte, mehr katarische Dollar nach Gaza zu bringen. Diese Dollar kamen in Koffern nach Gaza – es gibt schließlich keine Banküberweisungen. Das Emirat Katar war der Hauptgeldgeber, die Israelis ließen dieses Geld passieren, das war der Deal. Netanjahu hielt sich für furchtbar clever, dieses Spiel zu spielen. Natürlich hatte er den 7. Oktober nicht erwartet. Aber wie ich bereits sagte, wurde dieser Angriff als Gelegenheit genutzt, um das alte Spiel zu beenden, Gaza wieder zu besetzen, es völlig zu zerstören und seine Bevölkerung zu vertreiben.

Kurz gesagt, so sehe ich einen sinnvollen Kampf für die Palästinenser: Gewaltfreier politischer Massenkampf, der darauf abzielt, die israelisch-jüdische Gesellschaft zu spalten. Und die Nutzung des politischen Gewichts der palästinensischen Bürger Israels, die immerhin 20 Prozent der israelischen Staatsbürger ausmachen und somit eine wichtige Wählergruppe sind. Man braucht nur weitere 20 Prozent der jüdisch-israelischen Bevölkerung, um das politische Kräfteverhältnis im israelischen Staat grundlegend zu verändern. Das ist eine rationale Strategie – nicht der 7. Oktober.

Gilbert Achcar ist emeritierter Professor an der SOAS, University of London. Sein neues Buch Der lange Weg nach Gaza erscheint demnächst im Brumaire Verlag.