Inzwischen ist einiges über Neom – die Planstadt am Golf von Akaba im nordwestlichen Zipfel Saudi-Arabiens – geschrieben worden. Sie ist die Idee von Mohammed bin Salman, Kronprinz und de facto Herrscher des Landes. Der Name ist ein Kunstwort aus neo (griechisch für »neu«) und mustakbal (arabisch für »Zukunft«). Teil der Pläne ist The Line, eine ursprünglich rund 170 Kilometer lange lineare Stadt mit zwei parallelen, sich spiegelnden Gebäudelinien; hinzu kommen eine Industrie- und Logistikzone namens Oxagon, die dem Roten Meer abgerungen wird, und ein künstlich geschaffener Skiort namens Trojena.
Neom wird über den saudischen Staatsfonds PIF finanziert. Bin Salman hat – mithilfe eines teilweisen Börsengangs der staatlichen Ölgesellschaft Aramco – den zuvor überschaubaren PIF in eine 700 Milliarden Dollar schwere Maschine für die Umwandlung des Landes von einem Ölproduzenten in ein modernes Tech-Paradies umgestaltet.
Die Neom-Planer schalten aktuell zwei Arten von Werbevideos auf Social Media. Im ersten Fall handelt es sich um Clips, in denen attraktive weiße Menschen in CGI-produzierten, futuristischen Landschaften zu einem Elektro-Soundtrack umherschweben. Unvorstellbar schicke Wolkenkratzer erheben sich aus bergigen Felsen, unvorstellbar grüne Gärten wachsen aus der Wüste und eine unvorstellbar geradlinige Stadt in der Höhe des Empire State Building erstreckt sich entlang der majestätischen (wenn auch ausgetrockneten) Flussbetten.
Diese professionelle Social-Media-Kampagne wurde natürlich mit Blick auf Investoren erstellt. In einem Interview mit Bloomberg im Jahr 2017 spekulierte bin Salman, dass Investitionen in Neom bis 2030 das BIP des Landes um 100 Milliarden Dollar erhöhen würden. Das Projekt soll Tech-Mogule und Risikokapitalgeber aus dem Silicon Valley anziehen. Die aalglatten Werbevideos spiegeln dementsprechend deren Fantasien wider: vollautomatische »smarte« Orte mit Medien-Hubs sowie Wellness- und Biotechzentren – alles ohne störende Arbeiter oder Angestellte.
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»Menschen, denen früher die Einreise in das Land verweigert wurde – Akademikerinnen, Schriftsteller, Journalistinnen, Reisende – werden jetzt willkommen geheißen, unter der Bedingung, dass sie lobhudelnden Online-Content produzieren.«
Die Architekten und Planer von Neom haben Designer angeheuert, um die Cyberpunk-Ästhetik der dystopischen Science-Fiction-Filme zu reproduzieren, von denen bin Salman besessen sein soll. Er selbst hat damit geprahlt, Neom sei »ein Name aus dem Weltall«. Die Unterhaltungszentren der geplanten Stadt zeigen deutliche Bezüge zu jenen Cyberpunk-Festivals in der Wüste, die kalifornische Tech-Bros so gerne besuchen. Ein Luxusunternehmen namens Habitas plant drei Hotels in Neom, die »den Komfort von Hotelmarken wie Aman mit dem Flair des Burning Man Festivals« zusammenbringen. Eine Übernachtung soll rund 700 Dollar kosten.
Die zweite Online-Kampagne für Neom – diese über TikTok – hat einen eher heimelig-familiären Stil. Die Videos werden von Influencerinnen produziert; fast immer Frauen mit wallenden Locken, üppig aufgespritzten Lippen und durchscheinenden Kleidern, die beim Gehen hinter ihnen herwallen. Das erste Video dieser TikTok-Serie zeigt die hübschen Frauen – in der Regel unbestimmter Herkunft, aber mit diversen Nationalflaggen in der Social-Media-Bio – mit Schlapphüten und sehr großen Sonnenbrillen, die ihre Koffer aus dem örtlichen Flughafen rollen. Dann tummeln sie sich im saudischen Sand oder auf Kunstrasen und trinken Softdrinks aus großen Bechern, auf denen die Namen von Fast-Food-Ketten prangen.
Der Tourist respektive die Influencerin ist heutzutage ein spezielles Thema für die saudische Politik. Menschen, denen früher die Einreise in das Land verweigert wurde – Akademikerinnen, Schriftsteller, Journalistinnen, Reisende – werden jetzt willkommen geheißen, unter der Bedingung, dass sie lobhudelnden Online-Content produzieren.
Einer der vielen Verehrer bin Salmans in der US-Presse beschreibt Neom als ein Versprechen »an die Teile des Königreichs, die an ihren alten Gewohnheiten festhalten«, dass »die Zukunft alles sein wird, was sie nicht sind«. Am besten zu verstehen ist Neom jedoch als eine Wiederholung der bekannten undemokratischen und ausbeuterischen Mechanismen Saudi-Arabiens – nur auf Steroiden: Satelliten- und Drohnenaufnahmen der Arbeiterquartiere vor Ort belegen eine drastische Segregation.
Die Wohnblöcke für die einfachen Arbeiter sehen aus wie Kasernen. Die Büro- und Verwaltungsangestellten wohnen derweil in vorgefertigten Bungalows mit spärlicher Ausstattung. Weitere Bilder zeigen mehrstöckige, pastellfarbene Villen hinter hohen Mauern, vermutlich für die Manager. Der neue Palast von Mohammed bin Salman sowie ein Liegeplatz für seine Superyacht wurden lange vor allen anderen Gebäuden auf dem Gelände errichtet.
In den Anfangsjahren von Aramco errichtete das Unternehmen, das sich damals noch im Besitz von Standard Oil und Texaco befand, Wohnsiedlungen im Stil amerikanischer Vorstädte für Angestellte aus den USA, Mietskasernen für europäische Arbeiter und baufällige Hütten für saudische Arbeitskräfte. Dem Bau voraus ging stets die gewaltsame Räumung der bereits dort lebenden Menschen.
In ähnlicher Weise wurde Anfang 2020 in den Städten der Region Tabuk, wo nun Neom entstehen soll, der Strom abgeschaltet und die dortigen Schulen geschlossen, um die Bewohnerinnen und Bewohner zu vertreiben. Ein Mitglied des Howeitat-Stammes, Abdulrahim al-Huwaiti, soll sich in seinem Haus verbarrikadiert und Molotowcocktails auf die Sicherheitskräfte geworfen haben. Augenzeugen bestreiten dies allerdings. Acht Howeitat-Angehörige wurden kurz darauf verhaftet, sechs von ihnen wegen vermeintlicher terroristischer Akte bestraft und drei von Abdulrahims Brüdern sogar zum Tode verurteilt, weil sie sich der Zwangsräumung widersetzt hatten. Ihre Stadt Al-Khuraibah wurde kurz darauf dem Erdboden gleichgemacht.
»Neom ist, wie schon die früheren »Zukunftsstädte« des Landes, eine Gelegenheit, Gefälligkeiten an zuverlässige Untergebene zu verteilen.«
Neom ist darüber hinaus Teil eines anderen unheilvollen Trends: In den vergangenen zwei Jahrhunderten haben diverse Rechtsräume Schutz für das Kapital vor Besteuerung, Regulierung und öffentlicher Kontrolle geboten. Freihäfen, Sonderwirtschaftszonen, Offshore-Steuerparadiese und offene Unternehmensregister haben Konzerne, die sich staatlichen oder transnationalen Vorschriften entziehen wollen, einen rechtlichen Freibrief verschafft.
Saudi-Arabien verfügt über eine Reihe solcher Zonen. King Abdullah Economic City, an der Küste bei Neom gelegen, ist eine dieser Zonen. In einem geleakten Memo eines US-Diplomaten aus dem Jahr 2006 wurde sie als »weißer Elefant« bezeichnet. Das war damals sarkastisch gemeint, ist aber treffend. Denn die Stadt war ursprünglich für eine Bevölkerung von zwei Millionen Menschen geplant – fünf Jahre nach ihrer Einweihung wohnen dort nicht einmal 10.000. Bin Salman aber hat Ambitionen. Er vergleicht Neom mit einem New York, das in seinem Wachstum nicht unnötig durch den Willen der Bevölkerung oder die Kontrolle der Regierung belastet wird: »Stellen Sie sich vor, Sie wären der Gouverneur von New York, ohne irgendwelche öffentlichen Forderungen. [...] Wie viel könnte man dann für die Unternehmen und den privaten Sektor bewirken?«, fragt er sich.
In Joyriding in Riyadh, dem brillanten Bericht des Anthropologen Pascal Menoret über Stadtplanung in Saudi-Arabien, erzählt dieser die Geschichte, wie die aufeinanderfolgenden saudischen Könige Tausende von Prinzen mit »politischen und wirtschaftlichen Lehen« ausstatteten – sehr oft große Landstriche, die leer standen, bis sie durch die fortschreitende Urbanisierung in wertvolle Verkaufsobjekte verwandelt werden konnten.
Die Masterpläne des griechischen Stadtplaners Constantinos A. Doxiadis von 1968 für die Erweiterung von Riad trugen den Titel »Stadt der Zukunft«. Wenn die Stadt der Zukunft einfach eine Anhäufung von Vororten – sozusagen ein einziger Speckgürtel – ist, hatte er nicht unrecht. Mit dem Zuzug von Migranten vom Land und aus dem Ausland, die in Riad auf dem Bau arbeiten wollten, dehnte sich die Stadt in alle Richtungen aus. Eine unbeabsichtigte Folge des entstandenen riesigen Halbkreises aus Straßen ins Nirgendwo war, dass politisch und gesellschaftlich entfremdete Jugendliche viel mit dem Auto unterwegs waren – das titelgebende Joyriding.
Wenn sich Neom irgendwann aus den Wadis der Küstenregion Tabuk erhebt, dürfte es in mehr als einer Hinsicht der Nachfolger von Riad sein. Bin Salman hat durch die Einfriedung von Land und die Enteignung von Grundstücken in Saudi-Arabien enorme Reichtümer angehäuft. Neom ist, wie schon die früheren »Zukunftsstädte« des Landes, eine Gelegenheit, Gefälligkeiten an zuverlässige Untergebene zu verteilen. Das beinhaltet immer auch die Ausbeutung von Wanderarbeitern, eine Verschärfung der sozialen Ungleichheiten und das Schüren einer Begeisterung für neue Bauprojekte.
Der Prinz hat bereits deutlich gemacht, dass Neom keine Stadt für Saudis sein wird, sondern eine Drehscheibe für die Welt. Es bleibt abzuwarten, wie die Menschen in Saudi-Arabien – Staatsbürger oder nicht – diese aus der Vergangenheit bekannte Zukunft annehmen werden.