Es wird Mittag in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Tausende Menschen aus allen Teilen des Landes sind auf den Umayyad-Platz, das politische und geografische Herz der Stadt, geströmt. Über den Platz, um den herum sich einst die Ministerien des frisch gestürzten Regimes befanden, schallt der Ruf: »Das syrische Volk ist geeint.«
Es ist erst fünf Tage her, dass Baschar Al-Assad aus dem Land geflohen ist und eine Gruppe aus diversen Rebellen die Kontrolle über die Hauptstadt übernommen hat. Mitten in der jubelnden Menge befindet sich Abdullah Sakallah, ein 34-jähriger Fotograf und Kameramann, der wie viele andere gekommen ist, um die neugewonnene Freiheit zu feiern. »Dies ist das erste Mal, dass sich wirklich alle versammeln«, meint Sakallah. »Wir versuchen, miteinander in Kontakt zu treten und zu sehen, wie die Menschen reagieren. Wir können es noch gar nicht glauben. Man sagt doch: Das glaube ich erst, wenn ich es sehe. Wir sind hier, weil wir glauben wollen, dass Assad wirklich weg ist und keine Armee mehr auf den Straßen ist. Ich habe so viele gemischte Gefühle, Erinnerungen und Sorgen. Ist das wirklich wahr?«
Wie unzählige andere wurde Sakallah während des 13-jährigen Bürgerkriegs, der auf den Arabischen Frühling 2011 folgte, zwangsweise zum Militärdienst eingezogen. Er war über ein Jahrzehnt lang Soldat, bevor er 2022 aus dem Dienst entlassen wurde. Er sagt: »Ich habe wegen des Militärdienstes meine Jugend verloren. Jeder junge Mann wie ich, der in der Armee gedient hat, hat zehn Jahre seines Lebens verloren.« Nun wolle er in die Zukunft blicken: »Ich habe Hoffnung. Wir haben einen Neuanfang, einen neuen Traum.«
Hoffnung
»Wir brauchen Zeit, damit die Wunden heilen können. Das ist das Wichtigste; das brauchen die Menschen jetzt«, so Sakallah. »Früher hat jeder junge Mensch in Syrien nur auf ein Ziel hingearbeitet: ins Ausland ausreisen zu können. Sie konnten ihre Träume hier nicht verwirklichen. Das hat sich nun alles geändert. Ich möchte, dass in meinem Land Frieden herrscht. Wir brauchen die Chance, uns zu entwickeln. Wir wünschen uns Demokratie; wir sind ein Volk. So Gott will, wird das auch geschehen.«
»Ich bin optimistisch. Ich glaube nicht, dass es ein religiöser Staat wie unter den Taliban wird, aber alles ist möglich. Wer weiß? Ich bin es gewohnt, dass die Regierung Scheiße ist«, sagt er mit einem Achselzucken. »Wir alle spielen eine Rolle in der Zukunft Syriens. Wir sollten zusammenhalten, nicht gespalten sein.«
Eine Generation am Scheideweg
Unter Assad wurden Kunst und Kultur streng kontrolliert, zensiert und als Mittel der Regierungspropaganda eingesetzt. Politische und gesellschaftliche Kritik war strengstens verboten und wurde hart bestraft. Die 41-jährigen Zwillingsbrüder Mohammad und Ahmad Malas kehrten am 21. Dezember erstmals seit ihrer Flucht nach Frankreich im Jahr 2011 nach Syrien zurück. Für sie wurde die Heimkehr auch zu einer wichtigen symbolischen Geste: Sie führten die erste Theateraufführung seit Assads Sturz auf. Das von ihnen geschriebene Stück handelt von der traumatischen Odyssee der Brüder von Syrien nach Frankreich.
»Wir waren gerade beim internationalen Filmfestival in der jordanischen Hauptstadt Amman. Dann wurde das [syrische] Regime gestürzt und wir beschlossen, heimzukehren«, berichtet Mohammad am Tag nach ihrem Theaterauftritt in einem gut besuchten Café im Zentrum von Damaskus. »Jetzt ist Assad der Flüchtling; und die Malas-Brüder sind hier. Das ist wie ein Traum.«
Die Brüder sehen den Sturz Assads als Chance, die Kunstszene Syriens und eine Kultur der politischen Kritik wiederzubeleben. Dies sei für den Aufbau einer Demokratie unerlässlich. »Kunst kann den Finger in die Wunde legen. Kunst kann vielleicht keine Lösung bieten, aber sie kann zeigen, wo das Problem ist«, erklärt Mohammad. »Die Aufgabe der Kunst besteht heute darin, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Die Menschen hier wissen nicht, wie sie frei sprechen sollen, weil wir lange Zeit unterdrückt wurden. Ein Künstler sollte immer eine politische Haltung einnehmen und von einer besseren Zukunft träumen. Wir wollen ein Syrien für alle, frei von Diktatoren und Militärherrschaft. Wir wollen eine gerechte Regierung. Ich würde lieber das Bild von Al Pacino auf den Straßen sehen als das von al-Dscholani.«
Seit dem Zusammenbruch der Regierung und der Ankunft internationaler Medien nehmen junge Syrerinnen und Syrer verstärkt an Kundgebungen in den großen Städten des Landes teil. Unter ihnen ist auch Alesar Masoud, ein 23-jähriger Student an der Hochschule für Musik in Damaskus. Masoud war in den vergangenen Wochen regelmäßig bei Pro-Demokratie-Demonstrationen. Er setzt sich für Meinungsfreiheit und Säkularismus ein: »Ich möchte, dass meine Stimme gehört wird. Wir wollen ein säkulares Syrien. Wir wollen ein Syrien, in dem man sich frei bewegen, frei sprechen und sich frei ausdrücken kann – ohne die Fesseln des Patriarchats.«
Ein Leben nach dem Krieg
In den vergangenen Jahrzehnten wurden etwa 400.000 Menschen im Zuge der israelischen Besetzung palästinensischer Gebiete nach Syrien vertrieben. Inzwischen sind viele Palästinenser in Syrien im Land selbst geboren, gelten aber weiterhin als Geflüchtete. Ihnen wurde nie die volle syrische Staatsbürgerschaft gewährt. Sie lebten besonders oft nahe der Frontlinien des syrischen Bürgerkriegs. Ein eindrucksvolles Beispiel ist das Viertel Jarmuk am Stadtrand von Damaskus, in dem bis zu 160.000 palästinensische Vertriebene leben und das zu einer Art inoffiziellem Flüchtlingslager wurde.
Nayef Alsahli, ein 24-jähriger palästinensischer Vertriebener und Koch aus Jarmuk, war erst elf Jahre alt, als das Lager von der syrischen Armee eingekesselt und abgeriegelt wurde. »Ich habe einen Granatsplitter im Arm. Der stammt von einer Panzergranate der Assad-Regierung. Ich war damals nicht im Krankenhaus; ich musste zu Hause bleiben. Und deshalb ist der Splitter immer noch da. Nach dieser Verwundung hatte ich ständig Panikattacken.«
Er sei sich der künftigen Herausforderungen bewusst, bleibe aber optimistisch, so Alsahli: »Hier wurde mein Vater geboren. Hier wurde ich geboren. Und hier werde ich meine Träume wahr werden lassen.«