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Wie die AfD die Finanzmärkte umbauen will

Die Finanzmarktpolitik der AfD ist weder ein Rückgriff auf den Neoliberalismus noch auf den Nachkriegskeynesianismus. Sie ist ein neues finanzpolitisches Projekt, das eine Gewinnerposition für deutsches Kapital in internationalen Märkten anstrebt.

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Alice Weidel und Leif-Erik Holm beim Unternehmertag der AfD-Fraktion
Alice Weidel und Leif-Erik Holm beim Unternehmertag der AfD-Fraktion. Bild: IMAGO / Andreas Gora

Die AfD-Parteiführung befürwortet Finanzmärkte weder grundsätzlich noch lehnt sie sie prinzipiell ab. Auf der einen Seite will sie das deutsche Finanzwesen tiefer in den globalen Kapitalismus integrieren: mehr Kapital soll in globale Märkte investiert werden, deutsche Sparer sollen in globalen Märkten Renditen erzielen. Gleichzeitig will die Partei sicherstellen, dass Eigentum und Investitionen in Deutschland verankert bleiben und nicht in internationale Märkte abfließen. 

Dazu plant die AfD-Parteiführung, den deutschen Aktienmarkt massiv auszubauen und Frankfurt als führendes internationales Finanzzentrum zu etablieren. Zu diesem Zweck visiert die Partei die Ausweitung der kapitalmarktbasierten Rente an und lehnt einen Ausbau von Finanzmarktregulierung sowie eine allgemeine Finanztransaktions- oder Bankensteuer ab. Sie stellt sich gegen Maßnahmen, die Investitionen in den deutschen Kapitalmarkt abschrecken könnten. Die AfD fordert enthusiastisch marktliberale Organisationsprinzipien wie Shareholder-Value-Maximierung ein – dieses Prinzip zielt darauf ab, dass Unternehmensentscheidungen zunehmend auf höhere Renditen für Anteilseigner ausgerichtet sind. Dieses Ziel eines Ausbaus des deutschen Kapitalmarktes ist vollkommen mit einem neoliberalen Programm vereinbar.  

»Trotz der Selbstdarstellung der AfD als Partei des »Volkes«, fokussiert ihr Programm nicht die Interessen der Arbeiterinnen.«

Das finanzpolitische Programm der AfD ist allerdings kein rein wirtschaftsliberales; es verbindet marktliberale mit nationalistischen Elementen. In mehreren Finanzmarktbereichen soll der Staat gezielt eingreifen. Er soll sicherstellen, dass globale Märkte deutschem Kapital nutzen. Zudem sollen Kapital und Eigentum heimisch verankert bleiben: deutsche Firmen sollen in der Hand deutscher Investoren und Eigentümer bleiben und globales Kapital in Deutschland reinvestiert werden. 

Trotz der Selbstdarstellung der AfD als Partei des »Volkes«, fokussiert ihr Programm nicht die Interessen der Arbeiterinnen. Es zielt nicht darauf ab, die Macht des Kapitals zu begrenzen oder Vermögen umzuverteilen, sondern darauf, die deutschen Finanzmärkte auszubauen. Diese Politik dient den Interessen nationaler wirtschaftlicher Eliten, nicht denen von Arbeiterinnen. 

Verteilung des Finanzkapitals

Diese Doppelstrategie ist Resultat einer nationalistischen Ideologie, die eine Spitzenposition heimischer Märkte innerhalb der globalen Hierarchie anvisiert. Die materiellen Entwicklungen der globalen Finanzmärkte in den letzten zwanzig Jahren spielen in der Gestaltung des Programms jedoch ebenso eine gewichtige Rolle. Insbesondere der Aufstieg des Vermögensverwalter-Kapitalismus birgt aus Sicht der Rechten neue Chancen und Risiken, die angestrebte Gewinnerposition zu realisieren. 

Der Vermögensverwalter-Kapitalismus, der um die 2000er Jahre entstand, ist eine neue finanzwirtschaftliche Ordnung, in der sich finanzielle Macht und Ressourcen in noch nie dagewesener Form in einer Handvoll gigantischer Finanzfirmen konzentriert haben. Zu diesen Firmen zählen riesige institutionelle Vermögensverwalter, wie die sogenannten »Big Three« BlackRock, State Street und Vanguard, aber auch Private-Equity-Firmen und Hedgefonds. Die »Big Three« verwalteten 2025 zusammen rund 31,3 Billionen US-Dollar und kontrollierten etwa 74 Prozent des US-amerikanischen Aktien-ETF-Marktes. Das Vermögen der sieben größten Private-Equity-Firmen überstieg Anfang 2025 erstmals eine Billion US-Dollar und der gesamte globale Hedgefondsmarkt belief sich im Jahr 2025 auf 5,15 Billionen US-Dollar. Die drei Firmen-Typen sind überproportional in Finanzzentren wie New York, London und Zürich ansässig, doch sie extrahieren globale Ersparnisse, Eigentum und Renditen. 

»Steueranreize sollen Sparern und der betrieblichen Altersvorsorge Anreize geben, noch mehr in Anleihen, ETFs und Investmentfonds zu investieren.«

Vermögensverwalter sammeln durch ETFs – börsengehandelte Fonds, die die Entwicklung wichtiger Märkte abbilden – Ersparnisse aus Ökonomien weltweit. Das Resultat ist eine massive Eigentumskonzentration innerhalb der »Big Three«: Im Jahr 2020 waren sie in Deutschland zum Beispiel in 40 Prozent der DAX30 Firmen die größten einzelnen Anteilseigner.   Gleichzeitig reinvestieren Vermögensverwalter diese eingesammelten Ersparnisse überproportional in Unternehmen westlicher Ökonomien. Dieses Geschäftsmodell hat in den letzten zwanzig Jahren Eigentum, Investitionen, Renditen und Macht international neu verteilt – mit Gewinnern und Verlierern unter den westlichen Wirtschaften. Die Ökonomien, in denen große Finanzfirmen ansässig sind, wie die USA, Großbritannien und die Schweiz, profitieren beträchtlich durch angezogenes Kapital. Andere, wie Italien, Frankreich und Griechenland, erlebten dagegen, dass ausländische Vermögensverwalter Ersparnisse ins Ausland lockten oder Private-Equity-Firmen heimische Firmen aufkaufen. 

Diese ungleiche Verteilung von Gewinnen und Verlusten führt dazu, dass sich rechte Parteien in einem permanenten Konkurrenzkampf um globale Finanzressourcen wähnen. Da die Parteien ihre nationalen Märkte in eine Spitzenposition bringen wollen, versuchen sie sich vor der Extraktion heimischer Ressourcen durch ausländische Akteure zu schützen und stattdessen Kapital aus dem Ausland zu extrahieren und heimisch zu konzentrieren. Das Ziel dieser Parteien ist es nicht, das Prinzip der Kapitalkonzentration zu unterminieren – dazu wäre die Regulation globaler Märkte nötig. Stattdessen wollen viele eine Vertiefung der Finanzmärkte und zugleich die heimische Wirtschaft an die Spitze der globalen Finanzhierarchie treiben. 

Im Ergebnis sind rechte Parteien nicht immer globalisierungskritisch. Ob sie eine anti-globalistische Position einnehmen, hängt davon ab, ob die Parteien glauben, dass die nationale Ökonomie eine Chance hat, eine Vorherrschaft innerhalb der globalen Wirtschaft einzunehmen oder nicht.  

Die AfD will Deutschlands Vermögensverwalter-Kapitalismus ausbauen

Die AfD sieht Deutschland als einen möglichen Gewinner dieser Entwicklungen. Sie glaubt, dass die Bundesrepublik zukünftig eine führende Rolle im Markt der Vermögensverwaltung einnimmt. Diese Einschätzung beruht darauf, dass hiesige Märkte stark in den Vermögensverwalter-Kapitalismus eingebunden sind: Die ungewöhnlich hohe deutsche Sparquote – Ersparnisse sind überproportional in Lebensversicherungen und Pensionsvehikeln investiert – bettet deutsche Finanzinvestitionen schon heute tief in das System ein.

Denn deutsche Haushalte, Versicherungen und Pensionsfonds investieren weit mehr in Investmentfonds als der europäische Durchschnitt: 2025 entfielen rund 4,1 Billionen Euro der 16 Billionen Euro an Fondsinvestitionen in der EU auf Deutschland. Die hohe Sparquote führte gleichzeitig dazu, dass Deutschland Heimat eines der größten europäischen ETF-Märkte ist. Die AfD-Parteiführung leitete daraus die Möglichkeit ab, das deutsche Kapital in eine globale Spitzenposition zu bringen.  

»Während die Rechte Südeuropas heimische Finanzmärkte vor internationalen Akteuren schützen möchte, setzen rechte Parteien in den USA, der Schweiz und Großbritannien auf radikalen Ausbau und Internationalisierung der Finanzmärkte.«

Um dieses Ziel zu erreichen, plant die Partei den deutschen Kapitalmarkt massiv auszubauen, heimische Finanzmärkte tiefer in globale Märkte zu integrieren und Frankfurts Position als internationales Finanzzentrum zu stärken. Interventionen wie eine generelle Finanztransaktionssteuer, Bankensteuern oder strengere Finanzregulierungen, die diesen Ausbau behindern, stehen diesem Ziel entgegen. Deswegen lehnt die AfD strengere EU-Regeln zu Finanz- und Kryptomärkten ab, die die Wettbewerbsposition kleiner deutscher Finanzinstitutionen, Fintechs und Startups verschlechtern könnten. 

Stattdessen soll der deutsche Vermögensverwalter-Kapitalismus ausgebaut werden. Steueranreize sollen Sparern und der betrieblichen Altersvorsorge Anreize geben, noch mehr in Anleihen, ETFs und Investmentfonds zu investieren. Für Arbeiterinnen bedeutet dieses Projekt, dass der Erfolg des deutschen Kapitals weiter ausgebaut und die Machtposition von Kapital gegenüber den Beschäftigten verfestigt werden soll. 

Dieses Programm ist jedoch an der AfD-Basis und in Kreisen um den rechtsextremen »Flügel« umstritten. Da ausländische Firmen die Vermögensverwaltermärkte dominieren, monieren diese, dass deutsche Firmen mehr und mehr von angloamerikanischen Vermögensverwaltern gesteuert würden. Einflussreiche Stimmen argumentieren zum Beispiel auf dem Parteitag 2025 in Riesa, dass die Partei sicherstellen müsse, dass deutsche Firmen »langfristig nicht mehr in der Hand von amerikanischen Investmentgesellschaften [...], sondern in der Hand des deutschen Volkes« gehalten würden. 

Um diesen Konflikt aufzulösen, hat die Partei die Strategie des »Kapitalmarktkreislaufes« entwickelt. Dieser Kreislauf soll heimische Ersparnisse in den globalen Kapitalmarkt lenken – damit dieser weiter wächst und sein heimisches Pendant gedeihen kann – gleichzeitig soll aber dafür gesorgt werden, dass Ersparnisse nicht in der globalen Sphäre verloren gehen, sondern in den heimischen Markt zurückkehren. Um diesen Kreislauf zu etablieren, will die AfD Steueranreize anbieten. Diese vermarktet die Partei mit dem ethnonationalen Konzept der Volksaktie. Diese soll jene Fonds begünstigen, die vornehmlich oder exklusiv in deutsche Aktien investieren

»Die Finanzmarktprojekte der Neuen Rechten sind weder keynesianisch noch neoliberal.«

Die vorgeschlagenen Instrumente des »Kapitalmarktkreislaufes« würden sicher dazu beitragen, dass ein Teil der heimischen Ersparnisse wieder in Deutschland reinvestiert würde. Die tiefere Integration in internationale Finanzmärkte würde aber auch dazu beitragen, dass größere Mengen an Kapital abfließen und global operierende Vermögensverwalter mehr Anteile an deutsche Firmen halten. Es ist also höchst fraglich, ob die Strategie überhaupt aufgehen kann. 

Die Vielfalt rechter Finanzpolitik

Herbert Kickls Freiheitliche Partei Österreichs und Geert Wilders niederländische Partij voor de Vrijheid verfolgen ein der AfD vergleichbares Modell des Kapitalmarktkreislaufes. Dieser Ansatz unterscheidet sich allerdings  von den Finanzmarktstrategien anderer rechter Parteien. In Südeuropa entwickelt die Neue Rechte – insbesondere Giorgia Melonis Fratelli d’Italia, Marine Le Pens Rassemblement National und Kyriakos Velopoulos Ellinikí Lýsi – ein deutlich interventionistischeres Programm, in dem der Staat mehr institutionelle Ressourcen erhalten soll, um Unternehmen und Kapitalmärkte vor feindlichen Übernahmen und Kapitalabfluss abzuschirmen. 

Im Gegensatz zur AfD ist die Neue Rechte in diesen Ländern darauf fokussiert, einen »Kreditmarktkreislauf« aufzubauen. In diesem Modell sollen Banken und staatlich gelenkte Kreditmärkte heimische Ersparnisse in staatlich gelenkten Kreditinstitutionen investieren, statt sie ins Ausland fließen zu lassen. Ein prominentes Beispiel ist Giorgia Melonis Plan, ein Bankenzentrum mit Hilfe des Staates aufzubauen, das heimische Ersparnisse anlocken und in Italien investieren soll. 

Während die Rechte Südeuropas heimische Finanzmärkte vor internationalen Akteuren schützen möchte, setzen rechte Parteien in den USA, der Schweiz und Großbritannien auf radikalen Ausbau und Internationalisierung der Finanzmärkte. Gigantische Finanzinstitutionen im Zentrum des Vermögensverwalter-Kapitalismus haben ihren Hauptsitz in diesen Ökonomien. Da sie Kapital, Eigentum und Renditen anlocken, sorgen sich die Rechten hier weniger um Kapitalausfluss oder ausländische Übernahmen. Stattdessen wollen sie den bereits existierenden globalen Kapitalkreislauf anheizen, der von ihren nationalen Champions wie BlackRock in den USA, UBS in der Schweiz oder Legal & General in Großbritannien dominiert wird. 

Nationalistische Finanzpolitik

Die Finanzmarktprojekte der Neuen Rechten sind also weder keynesianisch noch neoliberal. In der Nachkriegszeit griff der Staat in Märkte ein, um Spekulation und ungleiche Verteilung von Ressourcen einzudämmen. Seit den 1980er Jahren zog sich im Zuge der neoliberalen Wende der interventionistische Staat zunehmend aus den Finanzmärkten zurück und setzte auf marktkonforme Finanzinstrumente, um den Marktkräften freieres Spiel zu lassen. Die Projekte der Neuen Rechten orientieren sich an keiner der beiden Ordnungen. 

Stattdessen bilden sie eine eigene Kategorie, die von der nationalen Konkurrenz in globalen Märkten geprägt ist. Das Ziel dieser Projekte ist die Vorherrschaft heimischen Kapitals in globalen Märkten. Dies kann je nach Position in der globalen Hierarchie einfacher mit nationalistisch-globalistischen oder nationalistisch-interventionistischen Maßnahmen erreicht werden. Es ist also blanker nationaler Opportunismus und kein geschlossenes politisches Programm.

»Der Fokus der Rechten liegt auch in der Finanzpolitik konsequent auf den Interessen nationaler Eliten und nicht auf den Arbeiterinnen.«   

Diese Logik erinnert an eine Beobachtung des Philosophen und Sozialtheoretikers der Frankfurter Schule, Max Horkheimer, zur Wirtschaftspolitik des Faschismus: In der Zwischenkriegszeit befand sich die Wirtschaftsordnung in einer systemischen Krise. Statt dass der nationale Kapitalismus in Reaktion auf diese Krise jedoch zerfiel, wurde der Staat als eine zentrale Säule dieser Ordnung mobilisiert. Heute bedeutet das, dass die Neue Rechte den Staat flexibel einsetzt, um die nationale kapitalistische Ordnung aufrechtzuerhalten. Statt die Ordnung zu reformieren, würde ihr Programm die Krisen des Systems nur vertiefen. 

Letztendlich setzt die Neue Rechte auf nationale Interessen. Sie entwickeln keine Strategien, um spekulative Dynamiken zu begrenzen, riesige Finanzfirmen zu zerschlagen oder der zunehmenden Konzentration von Vermögen entgegenzuwirken. Der Fokus der Rechten liegt auch in der Finanzpolitik konsequent auf den Interessen nationaler Eliten und nicht auf den Arbeiterinnen.

Inga Rademacher

Inga Rademacher ist Politökonomin an der City St George's, University of London. Sie forscht zu Geld- und Finanzmarktpolitik mit besonderem Fokus auf die neuen Rechten.

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