23. Juli 2026
In den USA wächst die Bewegung der sogenannten »Sovereign Citizens« immer weiter. Sie ist symptomatisch für ein Land, das das Vertrauen in seine demokratischen Institutionen längst verloren hat.

Die Milizbewegung der 1990er Jahre in den USA nahm den späteren Aufstieg der Sovereign Citizens vorweg.
V. war ein frühreifes Kind. Mit sechs Jahren las er bereits auf Siebtklässlerniveau, sehr zur Freude seiner Lehrerinnen und Lehrer im ländlichen Louisiana. »Die meinten, ich wäre das Wunderbarste seit Edwin Merrick«, sagt er heute. Die Zeugnisse machten seinen Vater stolz; er belohnte V. nach der erfolgreich absolvierten ersten Klasse mit einem Gleitschirmkurs. »Wir haben Fotos von mir in einem Gleitschirmgurt. Er war bestimmt neun Nummern zu groß, und an der Querstange waren zwei Extra-Gewichte. Die sollten – wie der Fluglehrer es ausdrückte – verhindern, dass ich ›nach Frankreich weggepustet‹ werde«, erinnert sich V. »Das ist eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen.«
Doch die Erwartungen seines Vaters sollten mit der Zeit größer und ambitionierter werden. V. berichtet: »Er sprach immer öfter davon, mich zu einer Art Revolutionsführer zu machen«. Er schenkte V. das erste Dune-Buch, verbot ihm aber, den Rest der Reihe zu lesen. Er wollte offenbar nicht, dass der Junge erfährt, wie der charismatische Anführer Paul Atreides schließlich selbst zum Diktator wird. »Man hört ja oft, dass Kinder mit Musik oder mit Geschichten für Terrororganisationen rekrutiert werden«, sagt V. »Genau so läuft es. Genau so war es bei mir.«
Als V. in der achten Klasse war, wurde seine erfolgreiche Marching Band eingeladen, vom heimischen Asheville, North Carolina, nach London zu reisen, um dort bei der Neujahrsparade 1997 mitzulaufen. »Ich war total aus dem Häuschen«, erzählt V. »Wir sollten zehn Tage da sein und alle möglichen Museen besuchen. Das würde super werden.« Auch sein Vater war begeistert – denn er hatte eine Auslandsmission für V.: »Er setzte sich mit mir hin und sagte mir, dass ich, sobald ich in London angekommen bin, zwei Aufgaben hätte. Die erste war, Kontakt zur Provisional Irish Republican Army aufzunehmen.« Dieser Kontakt könne dabei helfen, Raketenwerfer für die bevorstehende Zweite Amerikanische Revolution in die Vereinigten Staaten zu schmuggeln. »Die zweite Aufgabe war, entweder Baron Rothschild, die Queen oder Prinz Charles zu töten.«
Keine einfachen Aufgaben für einen Dreizehnjährigen. V.s Vater hatte ihm darüber hinaus »ganz offen« gesagt, er könne bei dem Versuch »sehr wahrscheinlich« ums Leben kommen, »aber es lohnt sich, um gegen die anglo-jüdische Verschwörung zurückzuschlagen, die die Welt kontrolliert und die Iren und alle anderen versklavt hat«. V. hatte knapp sechs Monate Zeit, um sein Komplott auszuarbeiten, bevor er sich mit seinen Freundinnen und Freunden sowie dem Saxophon im Gepäck auf den Weg nach England machen sollte.
»Trotz ihrer rassistischen Ursprünge haben sich die SovCit-Überzeugungen nach und nach in Mainstream-Kreise im ganzen Land eingeschlichen.«
Und dann stürzte Flug 800 der Airline TWA zwölf Minuten nach dem Start vom John F. Kennedy Airport in den Atlantik. Alle 230 Passagiere kamen ums Leben. Die Eltern von V.s Klassenkameraden zeigten sich so besorgt über den anstehenden Transatlantikflug ihrer Kinder, dass die London-Reise letztendlich abgeblasen wurde. »Ich war natürlich bitter enttäuscht«, so V. »Aber andererseits war ich in meinem ganzen Leben noch nie so erleichtert. Denn das bedeutete auch, dass ich mir zu Hause nicht die Fresse einschlagen lassen musste. Denn ich hätte ganz sicher nicht versucht, den Prince of Wales zu ermorden.«
V.s Vater war vieles: ein gläubiger Katholik, ein begabter Tischler und viele Jahre lang ein auf nationaler Ebene aktiver Kung-Fu-Kämpfer, der unter Großmeister Johnny Kwong Ming Lee trainiert hatte. Er war aber auch ein gescheiterter Landwirt, der Schwierigkeiten hatte, in anderen Jobs für längere Zeit angestellt zu bleiben, und der nach seiner vor Gericht hart umkämpften Scheidung häufig keinen Unterhalt zahlen konnte – oder schlicht nicht zahlen wollte.
Irgendwann wurde er zum »Sovereign Citizen«. Als er seinen jugendlichen Sohn anwies, die Queen umzubringen und sich für den bevorstehenden Aufstand zu bewaffnen, war er offensichtlich schon seit einigen Jahren tief in diesem Rabbit Hole versunken.
Und er war nicht der Einzige. In den 1990er Jahren begannen viele Amerikaner zu glauben, das »amerikanische Experiment« sei von Anfang an illegitim gewesen. Die moderne Sovereign-Citizen-Bewegung (SovCit) entstand ursprünglich während der Rezession von 1973-75 und wurde stark von der Anti-Einkommensteuer-Bewegung des 20. Jahrhunderts sowie der weißen, rassistischen Miliz Posse Comitatus inspiriert, deren Mitglieder das geltende Recht ablehnen und glauben, dass der County-Sheriff die höchste legitime Autoritätsinstanz in den Vereinigten Staaten sei. Inzwischen hat die SovCit-Bewegung die Posse Comitatus längst an Popularität und auch an Komplexität überholt. Nach Ansicht der meisten Sovereign Citizens haben die USA 1933 das ursprüngliche Common-Law-Rechtssystem des Landes aufgegeben und durch ein neues Rechtssystem ersetzt, das den Menschen aktiv ihre Rechte verweigert. Die zentrale Überzeugung vieler SovCits lautet, dass die Vereinigten Staaten ein Unternehmen seien und amerikanische Bürger als Faustpfand für die erdrückenden Schulden dieser GmbH dienten.
Trotz ihrer rassistischen Ursprünge haben sich die SovCit-Überzeugungen nach und nach in Mainstream-Kreise im ganzen Land eingeschlichen, inklusive schwarzer Bewegungen in Form der Moorish Nation und in jüngerer Zeit sogar in Mom-Gruppen auf Facebook, in denen sich Mütter gegenseitig dazu ermutigen, keine Geburtsurkunden für ihre Babys ausstellen zu lassen, um die im Entstehen begriffene Souveränität der Kinder zu wahren. Seit der Finanzkrise 2008 ist die Bewegung enorm gewachsen; Schätzungen zufolge zählt sie mittlerweile mehr als 300.000 Anhängerinnen und Anhänger. Die Rechtsauslegung der Bewegung ist unzusammenhängend und wirr, doch die emotionale Logik ist klar: Es dominiert das Gefühl, dass die Regierung ihre Bürgerinnen und Bürger den Launen des Kapitals ausgeliefert und dabei die Versprechen und Pflichten, die mit der US-Staatsbürgerschaft einhergehen, hinfällig gemacht hat.
In den Nullerjahren bis Anfang der 2010er siedelten sich im Rahmen des sogenannten Free Town Project Hunderte Libertäre, die nach dem Motto »Live free or die« leben wollten, in der Kleinstadt Grafton in New Hampshire an. Dort entwickelten sie sich schnell zu einer bedeutenden Wählergruppe. Die Libertären nutzten ihre zahlenmäßige Stärke und zwangen die Stadt bald dazu, öffentliche Dienstleistungen einzuschränken, darunter sogar die Müllabfuhr. Dies führte dazu, dass nach Müll suchende Schwarzbären durch die Straßen zogen, was das Projekt letztlich zum Scheitern brachte. Die Bären sind inzwischen verschwunden, doch die Rechtsextremen sind nach wie vor da – darunter auch mehrere Sovereign Citizens, von denen einer im vergangenen Herbst wegen zahlreicher Delikte festgenommen wurde, darunter der Besitz einer enormen Menge an Munition und Sprengstoff.
Die Anklagepunkte gegen ihn erinnern an die turbulenten 1990er Jahre, als die US-Milizbewegung mit gewalttätigen, spektakulären Auseinandersetzungen in Waco und Ruby Ridge ihren Höhepunkt erreichte. Mitte der 1990er Jahre waren geschätzte 858 Milizgruppen in den Vereinigten Staaten aktiv. Satte 13 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner äußerten Sympathie oder unterstützten diese Gruppen. Als Begründung nannten sie Angst vor und Wut auf die Regierung. 1996 betrachteten ganze sechs Prozent der Menschen in den USA die Regierung als »Feind des Volkes«.
Im März desselben Jahres begannen die Montana Freemen eine 81-tägige Konfrontation mit den Bundesbehörden, nachdem sie sich geweigert hatten, ihre rechtmäßige Räumung von einem 380 Hektar großen Gelände in der Kleinstadt Jordan zu akzeptieren. Nach der Auseinandersetzung in Waco zögerte die Bundesregierung, gewaltsam gegen die Freemen vorzugehen. Stattdessen führte sie einen Zermürbungskampf, der schließlich am 13. Juni 1996 zur Kapitulation der zehn Milizionäre aus Montana führte. Die Männer erhielten Haftstrafen zwischen einem und 22 Jahren – nicht nur für Straftaten, die während der Konfrontation begangen wurden, sondern auch für eine Reihe weiterer Delikte: Bankbetrug, Postbetrug, Überweisungsbetrug. Es stellte sich heraus, dass sie Tausende gefälschte Schecks ausgestellt hatten, um aus unrechtmäßigen Forderungen gegen Amtsträger Kapital in Milliardenhöhe zu schlagen.
»Wie sich herausstellt, ist absolute rechtliche Unabhängigkeit ein hochgestecktes Ziel in einem Land mit so vielen einzelnen Bundesgesetzen, dass man kaum eine genaue Gesamtzahl dieser unterschiedlichen Rechtsverordnungen nennen kann.«
Dies ist auch – eher als die direkte, physische Konfrontation – die Vorgehensweise der modernen Sovereign Citizens. Heute verbringen die meisten überzeugten SovCits ihre Zeit nicht mehr damit, Bomben zu bauen oder Gebäude zu besetzen, sondern vielmehr damit, das »Alltägliche« als Waffe einzusetzen. So begehen sie nahezu unaufhörlich Verstöße im Straßenverkehrsrecht, hinterziehen Steuern und begehen vor allem sogenannten »Papierterrorismus«: Sie produzieren enorme Mengen an gefälschten Pfandverschreibungen, zahlreichen Gerichtsklagen, illegalen Bürgschaften und anderen pseudorechtlichen Anträgen, die lediglich darauf abzielen, lokale Gerichte, Behörden und auch Unternehmen lahmzulegen. In diesen Schriftsätzen bedienen sie sich ihres ganz eigenen Jargons – einer Mischung aus Latein, Juristenkauderwelsch und symbolischen Codes, oft mit zweifelhafter Recht- sowie Groß- und Kleinschreibung garniert –, alles mit dem Ziel, »völlige rechtliche Unabhängigkeit« zu erlangen. Nachdem er wegen seiner anhaltenden Weigerung, Unterhalt für seine Kinder zu zahlen, verhaftet worden war, verbrachte V.s Vater beispielsweise mehrere Wochen im Gefängnis, weil er seinerseits versucht hatte, den Richter wegen »Beleidigung des Gerichts« anzuklagen. »Das lief genauso gut, wie man es sich vorstellt«, fasst V. lapidar zusammen.
Wie sich herausstellt, ist absolute rechtliche Unabhängigkeit ein hochgestecktes Ziel in einem Land mit so vielen einzelnen Bundesgesetzen, dass man kaum eine genaue Gesamtzahl dieser unterschiedlichen Rechtsverordnungen nennen kann. Sovereign Citizens sehen diese vielen Gesetze – es sind tatsächlich Zehntausende – als eine Art Vertrag, aus dem sie sich nach Belieben ausklinken können und sollten. V. erinnert sich, wie sein Vater detailliert »ein paralleles Gerichtssystem und eine parallele Regierung der Sovereign Citizens« beschrieb, »die neben der verfassungsmäßigen Ordnung, aber getrennt von ihr funktionieren«. Schließlich handele es sich um ein illegitimes System, das dem US-amerikanischen Volk von einer Gruppe elitärer Verschwörer unter der Führung von John Adams und Alexander Hamilton aufgezwungen worden sei. Andere SovCits halten die Verfassung zwar für legitim, behaupten aber, die Regierung sei »vom wahren Geist der Verfassung abgerückt«, wie es in einem FBI-Dossier über Sovereign Citizens heißt. »Infolgedessen wird [die US-Regierung] nicht als im Interesse des amerikanischen Volkes handelnd wahrgenommen.«
Im Kern dieser Sichtweise steht ein geradezu faustischer Pakt, den die Menschen irgendwann in der US-Geschichte unfreiwillig eingegangen sind: Echte Freiheit gegen die Illusion von Freiheit. Gemäß der vorherrschenden SovCit-Ideologie gibt es heute in den Vereinigten Staaten zwei Arten von Menschen: »de jure«-Bürger und »föderale« Bürger, wobei erstere wirklich souverän sind und letztere gewisse Freiheiten im Tausch gegen staatliche Unterstützung (in Form dürftiger Sozialleistungen) eingetauscht haben. Sovereign Citizens streben danach, ihre »de jure«-Staatsbürgerschaft wiederzuerlangen, indem sie sich weigern, »Verträge« mit dem Staat einzugehen. Sie lehnen es dementsprechend ab, Führerscheine zu erwerben, Postleitzahlen anzuerkennen, Sozialversicherungsnummern zu verwenden oder Steuern zu zahlen. Es mag nicht überraschen, dass Menschen sich der SovCit-Ideologie zuwenden, wenn – und weil – sie sich in der Mainstream-Gesellschaft nicht (mehr) zurechtfinden. Das hat auch V. beobachtet: »Die größte Gruppe der Sovereign Citizens besteht aus Menschen, die sich in scheinbar ausweglosen finanziellen oder rechtlichen Situationen befinden.«
Der Kern der SovCit-Überzeugung ist für viele Menschen eine Art ökonomisch-magisches Denken: die Vorstellung, dass die richtige Kombination von Unterlagen die Lösung für ihre Nöte sein könne. Dieses Denken beruht auf der irrigen Überzeugung, dass der Staat, als die Vereinigten Staaten den Goldstandard aufgaben, begann, seine eigenen Bürgerinnen und Bürger als Sicherheitsleistung für Schulden gegenüber ausländischen Regierungen zu nutzen. Viele verschwörungsideologische SovCit-Ansätze beinhalten den Versuch, Zugang zu vermeintlich geheimen Regierungskonten zu erlangen (oft in Höhe von 630.000 Dollar, im Fall von V.s Vater jedoch Hunderte Milliarden), die bei der Geburt jedes Bundesbürgers eröffnet und an ausländische Investoren verpfändet worden sein sollen. Hier kommt die sogenannte »Redemption Theory« (in etwa: Einlösungstheorie) ins Spiel: die Vorstellung, dass jeder Bürger das Recht hat, das bei seiner Geburt in seinem Namen eingerichtete »Unternehmensvermögen« »einzulösen«. Sovereign Citizens wollen sich von dem angeblich in ihrem Namen eingerichteten »Strohmann«-Konto lossagen und Zugang zu den Geldern erlangen, die in diesen obskuren Kassen liegen. Wenn man Zugang zu diesem Geld erhalten kann, würde dies natürlich mit einem noch höheren Maß an Emanzipation vom Staat einhergehen. Anders gesagt: Wenn man diese Gelder »befreien« kann, wird das Geld einen im Gegenzug selbst befreien.
»Der Kern der SovCit-Überzeugung ist für viele Menschen eine Art ökonomisch-magisches Denken: die Vorstellung, dass die richtige Kombination von Unterlagen die Lösung für ihre Nöte sein könne.«
Die Überzeugungen der Sovereign Citizens gehen von einer Welt aus, in der die Kräfte des Kapitalismus über die Verfassung triumphiert haben. Fairerweise: Es gibt zahlreiche Anzeichen in unserer Alltagswelt, die durchaus dafür sprechen, dass der Kapitalismus die Gesetze der Welt schreibt. Dass insbesondere materielle Missstände den Sovereign Citizens Auftrieb verleihen, zeigt sich in ihrer wachsenden Popularität seit der Finanzkrise von 2007/08. Während die SovCit-Bewegung einst im Begriff zu sein schien, zusammen mit der Milizbewegung der 90er Jahre zu verblassen, erlebte sie 2008 ein unerwartetes Revival: »Der globale Finanzkollaps von 2008 schien die apokalyptische Rhetorik der Verschwörungstheoretiker der späten 1990er Jahre zu bestätigen«, schreibt der Soziologe Edwin Hodge. »2011 war die Zahl extremistischer Gruppen in den Vereinigten Staaten – einschließlich der Sovereign-Citizen-Gruppen – von 149 Anfang 2008 auf über 1.274 in die Höhe geschnellt. Dieser Anstieg fiel zusammen mit den verheerendsten Jahren der globalen Finanzkrise.«
Die enormen individuellen Verluste während der Rezession sowie die Diskrepanz zwischen der staatlichen Rettung von Großbanken und dem Leid der einfachen Bevölkerung waren ein treibender Motor für die Radikalisierung. Hodge kommt zu dem Schluss: »Der Verlust an Sicherheit, gepaart mit erhöhter ökonomischer Vulnerabilität und dem empfundenen Kontrollverlust über finanzielle Angelegenheiten, führte viele zur [SovCit-]Bewegung, die versprach, den Menschen die Kontrolle über ihr Land, ihren Reichtum und ihre Person zurückzugeben – wohlgemerkt zu einer Zeit, in der viele von ihnen Verluste in diesen Bereichen erlebten.«
Auch V. ist nicht überrascht, dass die Bewegung 2008 ihr großes Comeback feierte. »Ein Großteil der Sovereign-Citizen-Bewegung dreht sich darum, dass die Banken einen über den Tisch ziehen«, erklärt er. »Die Banken kontrollieren die Regierung. Die Banken kontrollieren die Notenpressen. Die Banken kontrollieren das Geld. Die Banken treiben die Inflation absichtlich in die Höhe, und die Banken werden versuchen, dir dein Haus wegzunehmen.« Man kenne diese Verschwörungserzählungen seit Langem. »Naja, und dann kam das Jahr 2008. Und die Banken haben sehr vielen Menschen ihre Häuser weggenommen.«
V. hat den Kontakt zu seinem Vater 2007 abgebrochen. »Ich habe mir gesagt: ›Es reicht. Ich kann diese Heuchelei nicht mehr hören. Ich kann diese Lügen nicht mehr ertragen.‹ Denn zu diesem Zeitpunkt war mir klar geworden, dass er nur Unsinn redet, sobald er den Mund aufmacht.« V. hatte versucht, die Aussagen seines Vaters zu verifizieren, war dabei jedoch gescheitert. »Ich hatte nie Gerichtsurteile zu den Sachen finden können, die er behauptete. Bei den wenigen Urteilen, die zu passen schienen, war die Rechtsprechung irrelevant – darin ging es einfach nicht um das [was er behauptete]. Zum Beispiel dieser Quatsch mit ›Fahren‹ oder ›Reisen‹.« [Argument der Sovereign Citizens, dass sie unter bestimmten Umständen von den Verkehrsregeln befreit seien.] »Das basiert auf einer falschen Interpretation des Falls Erie Railroad Co. v. Tompkins, einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs aus dem Jahr 1938.«
Soweit V. weiß, ist sein Vater bis heute tief in seinem Wahn gefangen.
Das Jahr, in dem V. letztmals mit seinem Vater in Kontakt stand, war eines der letzten, in denen ich mit meinem Vater sprach. Auch er hatte sich im Vorfeld der Finanzkrise mit den Ideologien der Sovereign Citizens beschäftigt. Meine Mutter erinnert sich, wie er, psychisch belastet von den monatlichen Hypothekenzahlungen, plötzlich behauptete, sie würden den Banken überhaupt nichts schulden. 2008 floh er aus dem Land, um unter einigen der extremistischsten Sovereign Citizens der Welt zu leben: einer Clique US-amerikanischer Auswanderer in Südamerika, die nach eigenen Angaben »freiwillig staatenlos« geworden sind. Für ihn hatte sich das Rabbit Hole mit dem 11. September 2001 geöffnet. Während ich als Kind langsam ein gewisses eigenes Bewusstsein entwickelte, verwandelte sich mein jüdischer Vater in einen Verschwörungstheoretiker, der den Holocaust leugnete, sich über das Gesetz hinwegsetzte, moderne Medizin mied und – genau wie V.s Vater – von dem Gespenst einer Eliteklasse besessen war, die in unserer Gesellschaft die Fäden ziehe. Als er 2023 in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, nach fast 15 Jahren in der Schweiz, Uruguay, Paraguay und einigen vom Krieg zerrütteten Teilen des Nahen Ostens und Nordafrikas, sagte er nur, er habe diese Jahre damit verbracht, die Verfehlungen der US-Regierung im Ausland auf eigene Faust zu recherchieren.
»Eine neue Generation von Kindern wird erwachsen und sieht sich denselben Fragen gegenüber, die auch V.s und mein Erwachsenenleben begleiten.«
Das Rabbit Hole, das meinen Vater und V.s Vater verschluckt hat, hat sich in den vergangenen Jahren vergrößert. Das allgemeine Vertrauen in Institutionen wurde durch die offensichtliche Korruption der Trump-Regierung untergraben; Verschwörungsdenken ist sowohl durch QAnon als auch durch die Enthüllungen der Epstein-Files zum Mainstream geworden. Heute wimmelt es in unzähligen Mom-Gruppen auf Facebook von (unfreiwilligen) Staatsfeinden. Ihre politischen Nachfragen finden sich zwischen Themen wie Windelwahl und Hautausschlägen. Nicht selten werden sie mit dem für viele jungen Mütter typischen Zögern und Unsicherheit gestellt: »Ich weiß nicht, wo ich das sonst fragen soll«, schreibt eine, »deshalb wende ich mich an meine Sisters hier. Weiß jemand was über ›Sovereign Citizenship‹?«
Sie wird vermutlich andere finden, die den Sprung in die »Souveränität« bereits gewagt und dabei auf zahlreiche Hürden und Probleme gestoßen sind: »Wie fliegt man mit einem Baby, das souverän ist und keine amtlichen Papiere hat?!«, fragt eine Mutter. »Was muss man tun, um vollständig souverän zu bleiben, ohne eine Geburtsurkunde oder Sozialversicherungskarte zu beantragen?« Andere stellen ihre Fragen eher rhetorisch: »Warum zahlt der Staat mir Geld für meine Kinder, wenn ich sie in meiner Steuererklärung ›geltend mache‹?«, postet eine Frau. Und dann gibt es noch diejenigen, die das Raunen beiseite lassen und direkt auf den Punkt kommen: »Deine Eltern haben dich unwissentlich an den Staat abgetreten, als sie deine Geburtsurkunde unterschrieben haben.« Die mitschwingende Botschaft ist klar: »Tu das deinen eigenen Kindern nicht an.«
Eine neue Generation von Kindern wird erwachsen und sieht sich denselben Fragen gegenüber, die auch V.s und mein Erwachsenenleben begleiten. Erst in diesem Jahr berichtete der Guardian, wie Hunderte junge Amerikanerinnen und Amerikaner mit 18 Jahren erfahren, dass sie rechtlich gesehen nicht existieren: Sie haben keine Geburtsurkunden und keine Sozialversicherungsnummern. Infolgedessen können sie weder Reisepässe noch Führerscheine beantragen.
»Wir sind wahrscheinlich so etwas wie die unfreiwilligen Vorreiter unter denjenigen, die mit diesem Unsinn aufgewachsen sind«, mutmaßt V. gegen Ende unseres Gesprächs. »Uns wird noch eine ganze Menge Leute nachfolgen. Ich möchte, dass sie wissen: Nein, ihr seid nicht verrückt. Ihr seid keine schlechten Töchter oder Söhne. So nervig dieses [System] auch sein mag, so ungerecht es auch sein mag, und auch wenn es euch unter seinen Rädern zu zermalmen scheint – es hat es nicht auf euch persönlich abgesehen… Denn eigentlich hasst dieses System alle.«
Lauren Fadiman ist Assistant Editor bei Jacobin und Doktorandin in Geschichte an der Yale University.