Historische Waldbrände in Europa, insbesondere in Südfrankreich rund um Bordeaux, aber auch in Spanien, allein in Deutschland geschätzt bereits rund 12.000 hitzebezogene Todesfälle und nun an manchen Stellen zu Rinnsalen dezimierte Flussläufe – die intensiven Hitzewellen seit dem Frühjahr und ihre katastrophalen Folgen scheinen kein Ende zu nehmen. Der Grund für die »Jahrhundertsommerhitze« ist ein tief ausgreifender Jetstream – eine Folge der Eisschmelze in der Arktis –, der über Monate einen »Heatdome« über den Kontinent und Großbritannien festgesetzt hat.
Nach der Hitze- und Brandkrise kommt nun also die Wasserkrise, ein bekanntes und eskalierendes Muster der voranschreitenden Erderhitzung, das diesmal auch Europa erfasst hat. Ob die Loire in Frankreich, der Po in Italien, der Rhein in Deutschland oder die Donau in Ungarn: Die Pegel der großen Flüsse der EU sind durch die anhaltende Dürrephase und den Wasserstress immer schneller Richtung Rekordtiefstand gefallen.
Den Hitze-, Brand- und Niedrigwasser-Schocks wird aktuell mit klimapolitischer Apathie begegnet. Wenn es dabei bleibt, werden zukünftig wohl noch schwerere Katastrophen auf ebenso unvorbereitete und vorgeschädigte Infrastrukturen, Wirtschaften und Gesellschaften treffen. Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass Umwelt- und Klimabewegung neue Dynamik aufnehmen könnten.
Der Niedrigwasser-Schock in Zahlen
In Rumänien verzeichnete die Donau bereits vor gut drei Wochen den niedrigsten Wasserstand seit 1996. Die Durchflussmenge lag bei Baziaș bei 1.700 Kubikmetern pro Sekunde, gegenüber einem Juli-Durchschnitt von 4.700. Der Fährverkehr wurde ebenso eingestellt wie der Getreidetransport auf Lastkähnen. Für den Westen Europas zeigt ein aktueller Bericht, dass die Rekorddürre in Frankreich 43 Prozent der kleinen Flüsse des Landes ausgetrocknet hat, ein ökologisches Desaster.
Traurige Rekorde sind auch am Rhein aufgestellt worden, der mit Abstand wichtigsten und verkehrsreichsten Binnenwasserstraße Europas. An der zentralen Engstelle Kaub nahe der Loreley wurde das historische Tief von 2018 schon vorletztes Wochenende übertroffen. Gemessen werden jetzt nur noch 19 Zentimeter, beim letzten »Jahrhundertsommer« vor acht Jahren waren es 25 Zentimeter. Dort sei eine Durchfahrt eigentlich nicht mehr möglich, sodass der Rhein faktisch zweigeteilt ist, wie der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt warnt. In Düsseldorf sank der Pegel auf nur 14 Zentimeter, in Köln erreichte er mit einem Minimum von 60 Zentimetern ebenfalls einen neuen Tiefstand. Insgesamt verzeichnen 64 Prozent aller Messstellen des Niedrigwasser-Informationszentrums Baden-Württemberg extrem niedriges Wasser. Auch die Elbe leidet unter Wassermangel und historischen Niedrigständen. Die Prognosen gehen zudem von weiter fallenden Pegeln aus.
Das beispiellose Niedrigwasser diesen Sommer hat zwar nicht die Zerstörungskraft von Waldbränden und bedroht nicht die Gesundheit und das Leben der Menschen wie Hitzewellen. Doch die Auswirkungen der Flusskrise in Europa sind ebenfalls weitreichend. Jenseits der Belastung für Umwelt und Fische trifft es vor allem die Wirtschaft, insbesondere den Transport von Gütern über die Wasserwege, aber auch die Stromproduktion.
»Der Transport per Tanker und Binnenschiff von Rotterdam nach Karlsruhe kostet inzwischen rund 150 bis 160 Euro pro Tonne. Ende Juni waren es noch etwa 45 Euro. Das wird im Nachgang auch Auswirkungen auf die Kraftstoffpreise haben.«
So können bei Rhein-Pegelständen von 32 Zentimetern und weniger rund 95 Prozent der Tanker nicht mehr fahren, wie der Tankstellenverband ZTG erklärt. In Köln kam wegen der sinkenden Pegelstände letzte Woche die Schifffahrt ganz zum Erliegen. »Das heißt, dass wichtige Waren für die Chemie, die Stahlindustrie, für Raffinerien nicht mehr an ihrem Bestimmungsort ankommen«, sagt Torsten Schmidt, Konjunkturchef am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). ThyssenKrupp soll deswegen bereits die Produktion gedrosselt haben.
Über das Wasser werden zwar nur 10 Prozent aller Güter in Deutschland transportiert. Mit 70 Prozent dominiert immer noch die Straße den Güterverkehr. Aber viele Rohstoffe und Massengüter werden verschifft, wie Sand und Kies für die Bauindustrie oder Benzin und Diesel von den Raffinerien. Sollten die transportierten Frachtmengen am Rhein um 25 Prozent sinken, werden laut der Deutschen Industrie- und Handelskammer knapp drei Millionen Tonnen Güter weniger pro Monat transportiert. Das entspricht knapp 120.000 Lkw-Ladungen.
»Wenn der Rhein gar nicht mehr schiffbar wäre, bräuchte es allein 3.000 Tanklaster, um die Menge an Mineralöl über Land zu transportieren«, sagt der Ökonom Thilo Schaefer vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. »So große Kapazitäten sind kurzfristig nicht aufzutreiben, weder die Fahrzeuge noch die Fahrer.« Aber selbst wenn sie organisierbar wäre, würde eine Verlagerung Zusatzkosten erzeugen. Denn der Transport per Schiff ist deutlich günstiger als der per Schiene oder Straße.
Auch die Chemieindustrie ist betroffen. Konzerne wie BASF, Evonik und Covestro sind am Rhein angesiedelt und transportieren große Mengen an Chemikalien übers Wasser. Jährlich sind es 20 Millionen Tonnen Chemie-Erzeugnisse in Deutschland, die per Binnenschiff befördert werden. Dieses Jahr wird das Volumen aufgrund des Niedrigwassers deutlich niedriger ausfallen. Die Transportmengen sind bereits reduziert worden, wie zum Beispiel der Chemiekonzern Evonik erklärt. Die deutsche Chemieindustrie warnt vor Produktionskürzungen. »Wenn Schiffe weniger laden können oder ganz ausfallen, steigen Kosten, Lieferketten geraten unter Druck, und es kommt zu Produktionseinschränkungen«, sagte Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VCI.
Um überhaupt noch die Wasserwege nutzen zu können, laden die Schiffe nur noch sehr wenig Last oder es wird am Duisburger Hafen auf kleinere Schiffe umgeladen. Das führt zu höheren Frachtraten und Preissteigerungen. So kostet der Transport per Tanker und Binnenschiff von Rotterdam nach Karlsruhe inzwischen rund 150 bis 160 Euro pro Tonne. Ende Juni waren es noch etwa 45 Euro. Das wird im Nachgang dann auch Auswirkungen auf die Kraftstoffpreise haben. Tanken wird in den nächsten Wochen wahrscheinlich teurer werden, was wiederum die Inflation erhöhen könnte. In Luxemburg ist wegen der unterbrochenen Lieferungen über den Rhein sogar das Benzin physisch knapp geworden.
Der ökonomische Schaden
All das hat Auswirkungen auf die sowieso schon schwächelnde Konjunktur in Deutschland und das Wirtschaftswachstum in Europa insgesamt. So fand eine Studie des Kiel Institut für Weltwirtschaft heraus, dass die Dürre von 2018 das inländische Transportvolumen in Deutschland um 25 Prozent reduzierte und die Industrieproduktion um ungefähr 1 Prozent fallen ließ. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) prognostiziert für dieses Jahr, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland wegen des Niedrigwassers um 0,4 Prozent geringer ausfallen wird. Der Effekt auf die Konjunktur könnte bei anhaltender Trockenheit sogar noch größer ausfallen. Das würde Deutschland an die Grenze zur Rezession bringen, da an sich nur mit einem Wachstum von 0,5 Prozent gerechnet wurde.
Das Niedrigwasser ist aber nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern eine ökonomische Belastung. Entlang der Donau konnten Landwirte ihre Ernte nicht transportieren, während Kreuzfahrtschiffe Häfen wie Budapest nicht mehr anlaufen. Bedeutsamer sind die Schädigungen für die Stromversorgung. Kernkraftwerke in Ungarn, Rumänien und Frankreich waren gezwungen, ihre Stromerzeugung zu reduzieren, da nicht genügend Wasser für die Kühlung oder den Antrieb der Turbinen zur Verfügung steht. Rumänien schaltete seine beiden Kernkraftwerksreaktoren an der Donau zeitweise ab und rief einen Energie-Ausnahmezustand aus. Man sprengte sogar einen Felsen, um kühlendes Wasser aus der Donau zum AKW umzuleiten.
Das Kernkraftwerk Pak in Ungarn, das über 40 Prozent der Stromproduktion des Landes ausmacht, musste ebenfalls zum ersten Mal in seiner 44-jährigen Geschichte komplett heruntergefahren werden. Die Notimporte aus Nachbarländern werden laut Regierung in Budapest zusätzlich 275 bis 550 Millionen Euro kosten und die Preise antreiben. Jetzt bezahlt das Land dafür, dass unter der Führung Viktor Orbáns die Windkraft fast vollkommen zum Erliegen kam.
»Die in Europa angespannte Versorgungslage erhöht das Risiko von Stromausfällen und teuren Stromimporten.«
In Frankreich wurden bisher drei Kernreaktoren wegen der Wasserstände in Flüssen gestoppt, andere Reaktoren mussten wegen der Hitze in ihrer Leistung gedrosselt werden. Auch in Italien, Polen und Slowenien waren Kraftwerke gezwungen, aufgrund niedriger Wasserstände oder zu hoher Wassertemperaturen den Betrieb einzustellen. In Deutschland drohen ebenfalls Kraftwerksausfälle.
Dazu kommen die Ausfälle bei Wasserkraftwerken. In Serbien musste man ihre Leistung drosseln, weil die Staubecken leerliefen – auch die Laufwasserkraftwerke am Rhein liefern derzeit weniger Strom. In Italien geht man davon aus, dass die Stromproduktion durch Wasserkraft dieses Jahr von durchschnittlich 4,1 auf 3,9 Terawattstunden fallen wird. In Österreich, wo über 60 Prozent des Stroms über Hydropower generiert werden, ist man zwar weniger geschädigt als zum Beispiel in der Slowakei, da ein Teil der Stromerzeugung über Speicher- und Pumpspeicherkraftwerke läuft. Doch der größte österreichische Stromerzeuger Verbund AG, der 85 Prozent seiner Stromproduktion durch Hydroenergie generiert, rechnet wegen der Dürre mit einem Gewinnrückgang von 370 Millionen Euro.
Die in Europa angespannte Versorgungslage erhöhe das Risiko von Stromausfällen und teuren Stromimporten, wie Liz Saccoccia vom World Resources Institute betont: »Es sind erste Beispiele dafür, wie sich eine zunehmend unzuverlässige Wasserversorgung auf die gesamte Wirtschaft auswirken und den Handel, die Energiesicherheit, die Lieferketten sowie lokale Unternehmen beeinträchtigen kann«.
Welche ökonomischen Gesamtschäden die Flusskrisen und Hitzewellen in Europa dieses Jahr erzeugen werden, ist zwar noch nicht genau bestimmbar. Aber es ist absehbar, dass sie gravierend sein werden. So ergab eine Untersuchung, dass die Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen in Europa im letzten Sommer kurzfristige Verluste in Höhe von mindestens 43 Milliarden Euro verursacht haben, wobei die Gesamtsumme bis 2029 voraussichtlich auf 126 Milliarden Euro ansteigen wird. Man kann davon ausgehen, dass die Kosten dieses Jahr weit höher liegen werden. Schätzungen gehen von mehreren hundert Milliarden Euro aus.
Kommt wieder Bewegung ins Klima?
Die Hoffnung, dass die auch in den reichen Industriestaaten immer spürbareren Auswirkungen der Klimakrise die politisch Verantwortlichen bewegen werden, mehr in Klimaschutz zu investieren, wird bisher nicht erfüllt. Vielmehr zeigt sich nicht nur in den USA, sondern auch in Europa ein klimapolitisches Rollback. So sind in den letzten zwölf Monaten 45 Klimaschutzmaßnahmen weltweit rückgängig gemacht worden, wie eine Studie zeigt, an vorderster Front dabei Europa.
Die EU hat zentrale Klimaschutzprogramme wie den Emissionshandel, die Methanverordnung oder den Umstieg auf E-Autos aufgeweicht. In Deutschland wurden von der Merz-Regierung mitten in der Hitze- und Dürrekrise Gesetzesvorhaben auf den Weg gebracht, die Klimaschutz und Energiewende abbremsen, wobei im Haushalt für das nächste Jahr Gelder für Klimaschutzprogramme gestrichen worden sind. Gleichzeitig erklärte das Kanzleramt – als die Temperaturen auch in Deutschland auf über 40 Grad Celsius kletterten –, dass man nicht zuständig für Hitzeschutz sei, und schob die Aufgabe an die Kommunen, die dafür gar nicht das nötige Geld zur Verfügung haben.
Die Transportkrise auf dem Rhein hat zwar den neuen deutschen Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) – Gegner von Verbrenner-Aus, Tempolimit und der Deutschen Umwelthilfe – auf den Plan gerufen. Aber diesmal ging es auch, anders als bei der Hitze, um den Schutz mächtiger Industrieunternehmen. Seine Antwort auf die Fluss-Krise ist allerdings wenig mehr als Ausdruck von Ratlosigkeit: das Sonntagsfahrverbot für Lkw aufheben, um mehr Güterverkehr auf die Straße zu bekommen, und das Ausbaggern von Flussbetten, was nicht nur von Umweltbewegungen als unsinnig kritisiert wurde. Eine nachhaltige Strategie, die den Stopp der Entwässerung von Deutschlands Flüssen, die Ausweitung des Bahnverkehrs sowie mehr Klimaschutz einschließt, fehlt weiter. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie Deutschland und die EU den geplanten Ausbau von Rechenzentren, die viel Wasser (auch aus Flüssen) und Energie verschlingen, mit dem notwendigen Schutz von Wasservorräten in Einklang bringen wollen.
»Umfragen zeigen, dass die Bürgerinnen und Bürger von ihren Regierungen mehr Klimaschutz fordern und sehr besorgt sind über die Erderhitzung.«
Der Niedrigwasser-Schock, wie auch die Hitze- und Brand-Schocks, haben die Gesellschaften in Europa bisher in Schockstarre versetzt. In der breiten medialen Öffentlichkeit wird trotz der immer drastischeren Klimakatastrophen weiter kaum über Klimaschutz gesprochen. »Climate Hushing«, das Ignorieren der Krise, ist nicht nur in den USA bei den Demokraten populär. Dabei zeigen Umfragen, dass die Bürgerinnen und Bürger von ihren Regierungen mehr Klimaschutz fordern (bei den Wählerinnen und Wählern von Demokraten in den USA sind es erstaunliche 90 Prozent) und sehr besorgt sind über die Erderhitzung, und das diesseits und jenseits des Atlantik.
Doch bisher können die Klimabewegungen davon nicht profitieren. Die Erfolge von linken und sozialistischen Kandidaten bei den Vorwahlen zu den US-Midterms, darunter der Mitbegründer der Sunrise-Klimabewegung, William Lawrence, belegen aber, dass die Verbindung von Affordability- und Anti-Datacenter-Kampagnen mit Programmen für eine soziale Energiewende nicht in Wahlniederlagen enden müssen. Der Klimajournalist und -aktivist Bill McKibben geht sogar davon aus, dass die Hitzekrise in den USA und Europa Klimaschutz wieder auf die politische Agenda bringen und bei Wahlkämpfen ab nächstem Jahr zu einem wichtigen Thema machen könnte. »Je mehr sich die Folgen verschärfen, desto größer wird der Druck auf ernstzunehmende Politiker, zu handeln«, sagt der Mitbegründer der Bewegungen 350.org und Third Act. Klimaaktivisten seien bereits dabei, dafür zu mobilisieren.
Auch wenn die politischen Voraussetzungen für mehr Klimaschutz im Moment nicht günstig sind – zu unterscheiden von den ökonomischen Voraussetzungen für die Energiewende, die immer besser werden –, zeigen die Hitze-, Brand- und Niedrigwasser-Schocks, wie weit entfernt die Regierungen von der Lebensrealität der Menschen sind. Das könnte eine Chance darstellen, einen progressiven Green New Deal politisch zu forcieren, der die Wirtschaft ankurbelt, Jobs schafft und die Gesundheit von Menschen schützt. 2018 führte der Extremsommer zu weltweiten Klimabewegungen, die Wahlen beeinflussen und Klimagesetze erzwingen konnten. Niemand hatte das damals kommen gesehen. Vielleicht ist das derzeitige Climate-Hushing, das Schweigen über Klimaschutz, nur die Ruhe vor dem sprichwörtlichen Sturm.