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Das Online-Magazin von JACOBIN Deutschland

24. Juni 2026

Wie aus Journalismus Propaganda wurde

Wer seit dem 7. Oktober deutsche Leitmedien konsumierte, erfuhr vor allem eines: was die israelische Armee behauptet. Eine Analyse von über 10.000 Beiträgen rekonstruiert, wie deutscher Nahost-Journalismus systematisch Partei ergriffen hat.

Deutsche Leitmedien spielten eine tödliche Rolle bei Israels Genozid in Gaza.

Deutsche Leitmedien spielten eine tödliche Rolle bei Israels Genozid in Gaza.

IMAGO / NurPhoto

Wir leben in historischen Zeiten. Seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 überzieht Israel seine Nachbarn mit einem Maß an Gewalt, das viele im 21. Jahrhundert nicht mehr für möglich gehalten haben. Zehntausende Menschen wurden getötet, Millionen vertrieben, ganze Städte dem Erdboden gleich gemacht. Ermöglicht wurden die nicht enden wollenden Gewalteskalationen, Völkerrechts- und Tabubrüche auch und insbesondere durch die bedingungslose Unterstützung Israels durch Deutschland. Waffenlieferungen und diplomatische Rückendeckung gingen einher mit massiven Repressionen gegen kritische Stimmen im Inland. Die Sicherheit Israels ist deutsche Staatsräson. Unter der von Angela Merkel geprägten Formel hat ein Großteil des politischen Establishments in Deutschland einmal mehr Angriffskriege und Genozid unterstützt.

Welche Rolle haben deutsche Medien in diesen historischen Zeiten gespielt? Haben sie die Öffentlichkeit präzise über Gewalt, Leid und Zerstörung in Gaza und anderen Teilen der Region und damit auch die Folgen deutscher Politik informiert? Wie sind Medienschaffende ihrer Rolle als kritische Wächter der Macht gerecht geworden? Das sind die Fragen, die ich mir vor knapp anderthalb Jahren vorgenommen habe, zu beantworten. Für mein Buch Staatsräsonfunk habe ich über 10.000 Beiträge von Bild, Spiegel, Tagesschau, taz und Zeit über einen Zeitraum von 15 Monaten ausgewertet, außerdem hunderte Nachrichtensendungen, Talkshows und Zeitschriften untersucht, sowie mit zahlreichen Redakteuren, Expertinnen und Betroffenen gesprochen.

Ein Ergebnis: Das historische Ausmaß der Gewalt in Nahost und die bedingungslose deutsche Unterstützung Israels wurden begleitet von einem nicht weniger historischen Versagen deutscher Leitmedien. Wie in kaum einem anderen Land haben Redaktionen hierzulande die täglichen Verbrechen Israels verharmlost, gerechtfertigt oder gleich ganz verschwiegen. Statt an der gut dokumentierten Realität orientierte sich ein Großteil der deutschen Nahost-Berichterstattung an den Behauptungen der israelischen Kriegspartei. Statt als kritische Wächter der Macht erwies sich die vermeintliche »vierte Gewalt« zu großen Teilen als Unterstützerin und Ermöglicherin von Deutschlands Politik der Staatsräson.

Staatsräsonfunk

Das Versagen des deutschen Nahost-Journalismus ist nicht auf einzelne Medien, nicht auf wenige schwarze Schafe begrenzt. Auslassungen und Einseitigkeiten prägen die Berichterstattung von privaten ebenso wie von öffentlich-rechtlichen Medien, Irreführungen und Falschdarstellungen finden sich in Boulevardzeitungen ebenso wie in »Qualitätsmedien«, rassistische Stereotype durchziehen die Beiträge der rechten Bild ebenso wie jene der als links geltenden taz.

Wer im Deutschland der 2020er–Jahre die Zeitung aufschlug, den Fernseher einschaltete oder durch seine Timeline scrollte, um sich über die Ereignisse in Israel, Palästina und anderen Teilen der Region zu informieren, der stieß mit großer Wahrscheinlichkeit auf Statements aus der Presse-Abteilung von Israels Armee.

Auf Euphemismen über »Schutzzonen« und »gezielte Gegenschläge«. Auf Verbrechen, deren Täter sich hinter Passivkonstruktionen verbargen. Auf immer neue »Hamas-Kommandozentralen«, die sich dann doch wieder als Schule oder Krankenhaus entpuppten. Auf Legenden von »Selbstverteidigung« und »menschlichen Schutzschildern«. Auf »Israels Kampf gegen die Hamas« – selbst dann noch, als die meisten Fachleute längst vom Genozid an der palästinensischen Zivilbevölkerung sprachen. Auf Einseitigkeiten, Rassismus und Fake News. Nur auf guten Journalismus stieß man selten.

»Allein der deutschsprachige Sprecher der israelischen Armee Arye Sharuz Shalicar wurde in deutschen Tages- und Wochenzeitungen in 15 Monaten über 800-mal zitiert  – weit mehr als alle palästinensischen Repräsentanten zusammen.« 

Schwerwiegende und weitreichende Verstöße gegen journalistische Standards finden sich in allen Bereichen journalistischen Handwerks: Von der Wahl von Themen und Perspektiven, über den Umgang mit Quellen, Fakten und Meinungen, die Entscheidung über die richtigen Worte, Bilder und Kontexte bis hin zur Frage: Wer kommt zu Wort und wer nicht?

Wo sind all die Palästinenser hin?

Audiatur et altera pars (»Man höre auch die andere Seite«). Von diesem in Programmaufträgen, Journalismus-Handbüchern und Pressekodizes festgeschriebenem Grundsatz hatten sich viele Medienschaffende schon in den ersten Tagen der Berichterstattung verabschiedet. Vertreter der israelischen Regierung und Armee sowie pro-israelischer Lobbyorganisationen waren in deutschen Talkshows und Nachrichtensendungen allgegenwärtig. Auf palästinensische Perspektiven – seien sie durch palästinensische Politiker, Experten oder Betroffene von Gewalt und Vertreibung – musste man hingegen lange warten. Ein Beispiel von vielen: Allein der deutschsprachige Sprecher der israelischen Armee Arye Sharuz Shalicar wurde in deutschen Tages- und Wochenzeitungen in 15 Monaten über 800-mal zitiert – weit mehr als alle palästinensischen Repräsentanten zusammen.

Deutlich ist der Ausschluss palästinensischer Stimmen auch in jenem Format, das wie kein anderes für die vermeintliche Qualität des deutschen Nachrichtenjournalismus gilt. In 15 Monaten Berichterstattung ließ die Tagesschau in ihren 20-Uhr-Nachrichten 136-mal israelische Politikerinnen und Militärs zu Wort kommen. Palästinensische Repräsentanten brachten es im selben Zeitraum auf gerade einmal vier Auftritte. Noch seltener hörte das Tagesschau-Publikum die Perspektive humanitärer NGOS. Ihre Vertreterinnen wurden in 471 Sendungen lediglich zweimal zugeschaltet.

Mehr Israel pro Woche als Palästina im halben Jahr

Sagen, was ist. Aus dem alten Spiegel-Slogan wurde mit dem 7. Oktober in vielen Medien: »Sagen, was die israelische Armee behauptet.« Offizielle israelische Perspektiven dominieren die deutsche Nahost-Berichterstattung. Das gilt nicht nur für Zitate und O-Töne, die sorgsam recherchierte Nachrichten um eine israelische Sicht der Dinge ergänzen. Stattdessen wurden die oftmals unbelegten Behauptungen einer Kriegspartei in vielen Redaktionen selbst zur Nachricht.

4.853 nachrichtliche Schlagzeilen zum Thema Nahost sendeten Bild, Spiegel, Tagesschau und Zeit im Zeitraum vom 7. Oktober 2023 bis 19. Januar 2025 (der Beginn einer kurzzeitigen Waffenruhe). Mehr als jede Dritte von ihnen ging auf staatliche Quellen aus Israel (1.729) zurück. Alle palästinensischen Quellen zusammengerechnet, seien sie durch staatsähnliche Akteure wie Hamas, Palästinensische Autonomiebehörde oder PLO ,oder private wie Reporter und NGOs brachten es gerade einmal auf 244 Schlagzeilen. In anderen Worten: Israelische Angaben schafften es allein in der ersten Woche der Berichterstattung häufiger in die Schlagzeilen deutscher Leitmedien als palästinensische im ersten halben Jahr.

»Selbst durch zahlreiche unabhängige Quellen dokumentierte Massaker schafften es oftmals nur in Form des israelischen Dementis in die Schlagzeilen.«

Die Beschränkung auf offizielle israelische Angaben verwundert umso mehr, da sich ein Großteil des Nachrichtengeschehens in Gaza und im Libanon abspielte – also inmitten potenzieller palästinensischer und libanesischer Quellen. Doch die Informationen, die Augenzeugen, Angehörige, Rettungskräfte, Ärzte, Fachleute, lokale Behörden und einheimische Reporter vor Ort lieferten, blieben in deutschen Nachrichtenredaktionen weitgehend unberücksichtigt. Auch die regelmäßigen und umfassenden Berichte, die internationale Organisationen und humanitäre NGOs bereitstellen, schafften es nur selten in die Schlagzeilen.

Sämtliche palästinensischen (244) und libanesischen Quellen (140) sowie alle internationalen Organisationen (388) und NGOs (50) machten gemeinsam nicht einmal halb so viele Schlagzeilen wie Israels Regierung und Armee allein (1.729). Und das obwohl sich ihre Informationen etwa im Fall israelischer Angriffe immer wieder als glaubwürdiger und konsistenter erwiesen als die unbelegten Behauptungen der israelischen Armee.

Und täglich grüßt die Hamas-Kommandozentrale

Die starke Verengung auf offizielle israelische Angaben bedeutet in der journalistischen Praxis: Gegenstand der Berichterstattung ist oftmals nicht die vielfach gut dokumentierte tödliche und zerstörerische Realität in der Region, sondern die durch keine weiteren Quellen belegten Behauptungen einer Kriegspartei. Selbst durch zahlreiche unabhängige Quellen dokumentierte Massaker schafften es oftmals nur in Form des israelischen Dementis in die Schlagzeilen. Journalismus zu einem der wichtigsten Nachrichtenthemen unserer Zeit wurde in weiten Teilen ersetzt durch Copy&Paste aus den Pressemitteilungen der israelischen Armee.

In vielen Fällen waren Meldungen deutscher »Qualitätsmedien« nur durch Konjunktive und Anführungszeichen von den Presse-Statements der IDF zu unterscheiden. Oftmals nicht einmal das. Regelmäßig präsentierten Medien die fragwürdigen und durch keine weiteren Quellen gestützten Behauptungen der israelischen Armee als gesicherte Tatsache und verstießen damit eklatant gegen das für den Journalismus grundlegende Zweiquellen-Prinzip. Einige wenige von Hunderten Beispielen: In der Zeit hieß es etwa: »Israelische Armee findet Hamas-Einsatzzentrum im Schifa-Krankenhaus«, in der Bild »Hamas versteckte Waffen in Baby-Brutkästen« und in der Tagesschau »Israels Armee stürmt Hamas-Ausbildungsstätte«.

»Nahezu unhinterfragt in deutschen Leitmedien ist die Erzählung, wonach es sich bei Israels Vorgehen in Gaza um einen Krieg gegen die Hamas handle.« 

Falsche Tatsachenbehauptungen sind nicht die seltene Ausnahme in der deutschen Nahost-Berichterstattung. Sie finden sich dort fast täglich. Beispielhaft für das unbeirrbare Vertrauen deutscher Nachrichtenredaktionen in die Angaben der israelischen Armee sind auch die nicht enden wollenden Meldungen über immer neue »Hamas-Kommandozentralen«, die meist immer dann auftauchen, wenn Israel ein neuerliches Massaker an Zivilisten rechtfertigen muss. 128 Mal war in 15 Monaten Berichterstattung beispielsweise in der Zeit von einer »Kommandozentrale« von Hamas, Hisbollah oder Huthis die Rede. Einen unabhängigen Beleg für die Existenz auch nur einer einzigen »Kommandozentrale« fand sich nicht.

Die Sprache der Gewalt

Immer wiederkehrende »Kommandozentralen« sind nur eins von vielen Beispielen, die zeigen, wie unkritisch deutsche Leitmedien auch die propagandistische Sprache der israelischen Armee und Regierung übernehmen. Von »Evakuierungen« ist in deutschen Medien immer wieder die Rede, wenn in Wahrheit gewaltsame Vertreibungen gemeint sind. Über »Schutzzonen« oder »Sicherheitskorridore« wird berichtet, obwohl humanitäre Organisationen unablässig darauf hinweisen, dass es solche Orte in Gaza nicht gibt. Bombardierungen ziviler Einrichtungen wie Wohnhäuser oder Flüchtlingslager mit zahlreichen zivilen Toten werden als »Kämpfe« oder »Gefechte« verharmlost.

»Die begrenzte Operation Rafah« führte ebenso wie die »lokal begrenzte Bodenoffensive« im Libanon zur Tötung tausender und Vertreibung hunderttausender Menschen sowie zur Zerstörung tausender Wohngebäude. Zu einem gewissenhaften Umgang mit propagandistischer Sprache durch die jeweiligen Redaktionen führten sie nicht.

In der deutschen Nahost-Berichterstattung haben sich völlig unterschiedliche Begrifflichkeiten für Gewalttaten etabliert. Deren Auswahl hängt nicht von der konkreten Tat ab, sondern vor allem davon, wer der Täter ist. Im Fall israelischer Gewalttaten entscheiden sich deutsche Medien häufig für eine kontextualisierende und beschönigende Sprache: »reagiert«, »präzise«, »begrenzt«, »gezielt«. Bei gegen Israel gerichteter Gewalt fällt die Wahl hingegen auf dramatisierende Begriffe: »barbarisch«, »brutal«, »beispiellos«.

»Mit 1.615 Erwähnungen ist Shani Louk das deutsche-israelische Opfer mit der umfassendsten Berichterstattung in deutschen Tages- und Wochenzeitungen. Die deutsch-palästinensischen Opfer mit der umfassendsten Berichterstattung, die in Gaza getötete Dortmunder Familie Abujadallah, brachte es auf lediglich zehn Erwähnungen.«

1.188 Mal war in 15 Monaten Berichterstattung von Bild, Spiegel, Tagesschau, taz und Zeit von einem »Großangriff« die Rede. Fast immer waren damit gegen Israel gerichtete Angriffe gemeint (95,8 Prozent). Attacken Israels gegen Menschen in Gaza, im Libanon und andernorts gelten deutschen Redaktionen hingegen fast nie als »Großangriff« – ganz gleich, wie groß sie auch sind. Ähnlich tendenziös ist die Verwendung des Begriffs »Massaker«. 3.408 Mal war von solch einem die Rede. Fast immer war damit der Hamas-Angriff vom 7. Oktober gemeint (94,3 Prozent). Für die zahlreichen von Israel begangenen Massaker machten sich Bild, Spiegel, Tagesschau, taz und Zeit den Begriff kein einziges Mal zu eigen.

Tödliche Narrative: Aber Hamas

Deutsche Nahost-Berichterstattung bewegt sich vor allem im engen Rahmen, der durch offizielle israelische Verlautbarungen und Deutschlands Politik der Staatsräson abgesteckt ist. Das gilt auch für die großen, zugrunde liegenden Erzählungen über die Ereignisse seit dem 7. Oktober. Das bestimmende Narrativ: Israels Sicherheit und der Kampf gegen die Hamas. Nahezu unhinterfragt in deutschen Leitmedien ist die Erzählung, wonach es sich bei Israels Vorgehen in Gaza um einen Krieg gegen die Hamas handle. Dabei merten sich schon in den ersten Tagen und Wochen die Hinweise durch Menschenrechtsorganisationen, Genozid-Forscher sowie führende Fachleute der Vereinten Nationen, dass Israels Angriffe viel mehr einem Völkermord als einem Anti-Terror-Einsatz gleiche.

Auch als in den folgenden Wochen und Monaten alle großen internationalen und israelischen Menschenrechtsorganisationen, viele der weltweit führenden Experten, unter ihnen die weltweit größte Vereinigung von Völkermord-Forschern sowie eine Untersuchung im Auftrag des UN-Menschenrechtsrates zu dem Ergebnis kam, dass Israel einen Genozid in Gaza begeht, änderte sich die die Berichterstattung deutscher Leitmedien nicht. Die wenigen Erwähnungen des Begriffs »Genozid« fanden sich fast ausnahmslos in Form von Zitaten, Interviews und Meinungsbeiträgen. Kein einziges der untersuchten Medien machte sich den Begriff »Genozid« zur Beschreibung der Gewalt in Gaza zu eigen.

»Historische Einordnungen, die über den 7. Oktober hinausreichen, werden in deutschen Medien nicht nur kaum vorgenommen, sie werden regelmäßig auch ganz explizit zurückgewiesen.«

Im Gegenteil: In vielen Medien erschienen regelmäßig Meinungsbeiträge, in denen die gut dokumentierten Anschuldigungen durch meist fachfremde Redakteure zurückgewiesen wurden. Ohne auch nur eine der bis dahin erschienenen Untersuchungen zum Genozid zu würdigen, kam der Tagesschau-Faktenfinder am 28.11.2023 unter der Überschrift »Desinformation zu Israel: Vom Täter zum Opfer gemacht« beispielsweise zum Ergebnis, beim Genozid-Vorwurf gegen Israel handle es sich um einen »antisemitischen Verschwörungsmythos«. Revidiert hat die Redaktion das Urteil nie. In vielen weiteren Medien (u.a. taz, Spiegel, Zeit, FAZ und Süddeutsche) taten Redakteure die gut dokumentierte Realität der Gewalt in Gaza ähnlich lapidar ab.

Israel ist der einzige Akteur, dessen Angriffe in allen untersuchten Medien auch immer wieder ganz explizit als legitime Form der Selbstverteidigung dargestellt wurden. Ist in Bild, Spiegel, Tagesschau, taz und Zeit vom »Recht auf Selbstverteidigung« die Rede, ist in den allermeisten Fällen Israel gemeint (87,9 Prozent). Von einem palästinensischen, libanesischen, iranischen, jemenitischen oder syrischen »Recht auf Selbstverteidigung« liest man im Kontext israelischer Angriffe so gut wie nie etwas (zusammen 3,2 Prozent).

Gute Opfer, schlechte Opfer

Die Folge dieser tendenziösen Berichterstattung: Die von Israel in der Region begangenen Verbrechen und das damit einhergehende menschliche Leid werden verschleiert oder gleich ganz unsichtbar gemacht. Dies geschieht auch ganz unmittelbar. Umfassend berichteten deutsche Leitmedien über die am 7. Oktober 2023 von der Hamas aus Israel entführten 251 Menschen sowie die israelischen Todesopfer durch Angriffe von Hamas, Hisbollah oder Iran. Eine auch nur annähernd vergleichbare Berichterstattung zu den Opfern israelischer Gewalt gibt es nicht.

Im Verhältnis zur Gesamtzahl der Opfer sind israelische gegenüber palästinensischen Betroffenen von Gewalt in allen untersuchten Medien deutlich überrepräsentiert. Die Spannweite reicht von 18-facher Überrepräsentation in der taz bis zur 97-fachen Überrepräsentation in der Bild. Letzteres bedeutet: In der Bild kommen die Opfer israelischer Gewalt praktisch gar nicht vor.

Ein Beispiel von vielen: Mit 1.615 Erwähnungen ist Shani Louk das deutsche-israelische Opfer mit der umfassendsten Berichterstattung in deutschen Tages- und Wochenzeitungen. Die deutsch-palästinensischen Opfer mit der umfassendsten Berichterstattung, die in Gaza getötete Dortmunder Familie Abujadallah, brachte es auf lediglich zehn Erwähnungen.

»Ein Journalismus, der immer wieder grundlegende Standards verletzt, hinterlässt nicht nur eine schlecht informierte Leserschaft. Er hinterlässt im schlimmsten Fall Tod und Zerstörung.«

Mit diesen Zahlen ist das Problem der Unsichtbarmachung des von Israel verursachten Leides längst nicht ausreichend beschrieben. Nicht nur die Häufigkeit, auch die Art der Berichterstattung unterscheidet sich deutlich. Im Fall getöteter Israelis erfahren deutsche Medienkonsumenten in aller Regel Namen und Geschichten der Toten, sie blicken in ihre Gesichter, sehen die weinenden Angehörigen am Sarg. Über palästinensische, libanesische, jemenitische oder iranische Tote erfährt man meist nur in Form anonymer Zahlenangaben – oftmals noch mit dem Zusatz, dass man die Angaben nicht habe überprüfen können.

Hinzu kommt: Israelische Opfer werden in deutschen Medien meist als Zivilisten präsentiert (94,3 Prozent) – teils sogar dann, wenn es sich in Wahrheit bei ihnen um Soldaten handelt. Schafften es palästinensische und libanesische Opfer in die Schlagzeilen, wurden sie deutlich seltener als Zivilisten präsentiert (63,3 bzw. 40,0 Prozent). Iranische und jemenitische zivile Opfer schafften es in Bild, Spiegel, Tagesschau, Zeit und taz sogar in keine einzige Überschrift.

Umfassende personalisierte Berichterstattung erfahren die Opfer israelischer Gewalt in deutschen Medien meist nur in Form von Erfolgsmeldungen über getötete »Terroristen«. In der Zeit kamen beispielsweise auf eine Geschichte über zivile libanesische Einzelschicksale 15 Schlagzeilen über getötete »Hisbollah-Terroristen«. Der Bild war die Tötung von Hamas-Chef Sinwar allein 16 Schlagzeilen wert (zum Beispiel: »Trug Sinwar-Witwe eine Luxus-Handtasche?«). Von israelischer Gewalt betroffene palästinensische Einzelschicksale schafften es hingegen lediglich ein einziges Mal in eine Überschrift von Deutschlands größter Tageszeitung.

Nichts rechtfertigt den 7. Oktober, der 7. Oktober rechtfertigt alles

Die Tendenz des deutschen Nahost-Journalismus die Ereignisse in der Region zugunsten der offiziellen israelischen Perspektive zu verzerren, geht so weit, dass selbst zum Verständnis der Ereignisse unabdingbare historische, politische und juristische Hintergründe weitgehend unbeachtet bleiben. »Kontext ist alles«, nimmt man diesen journalistischen Leitsatz ernst, würde das bedeuten: Der Großteil der deutschen Nahost-Berichterstattung ist nichts.

Unter den 11.125 untersuchten Beiträgen fanden sich nur in Ausnahmefällen Erwähnungen der seit 59 Jahren andauernden israelischen Besatzung (6,8 Prozent der Beiträge) oder der seit 19 Jahren andauernden Belagerung des Gazastreifens (3,8 Prozent). Auch die Begriffe »Apartheid« (2,9 Prozent) oder »Nakba« (2,1 Prozent) kamen kaum vor. Eine historische Bezugnahme ist hingegen in fast allen Beiträgen zu finden: der Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 (90,0 Prozent).

»Auch den umfassenden Berichten über die systematische Tötung palästinensischer Medienschaffender standen deutsche Medien oftmals desinteressiert gegenüber. Schlimmer noch: Viele unterstützten das Morden sogar.«

Historische Einordnungen, die über den 7. Oktober hinausreichen, werden in deutschen Medien nicht nur kaum vorgenommen, sie werden regelmäßig auch ganz explizit zurückgewiesen. Wer die Vorgeschichte des 7. Oktobers erwähne, so hieß es in zahllosen Meinungsbeiträgen, rechtfertige die Taten der Hamas. Folgt man dieser Argumentation, lautet die Botschaft, die viele deutsche Leitmedien in den letzten Jahren vermittelten: Nichts rechtfertigt den 7. Oktober, der 7. Oktober rechtfertigt alles.

Wenn aus Journalismus Propaganda wird

Die Folgen dieser einseitigen, irreführenden und oftmals schlicht falschen Berichterstattung sind kaum zu unterschätzen. Propaganda ist seit jeher fester Bestandteil von Kriegsführung. Medienschaffende, die die Propaganda von Kriegsparteien – sei es aus Unfähigkeit, Gleichgültigkeit oder Überzeugung – immer wieder kritiklos übernehmen, laufen Gefahr, selbst Teil der Kriegsführung zu werden. Ein Journalismus, der immer wieder grundlegende Standards verletzt, hinterlässt nicht nur eine schlecht informierte Leserschaft. Er hinterlässt im schlimmsten Fall Tod und Zerstörung.

Vieles von dem, was seit dem 7. Oktober von deutschen Medien veröffentlicht wurde, hatte wenig mit jener ausgewogenen, faktenbasierten und kontextualisierenden Berichterstattung zu tun, die Journalismus eigentlich sein soll. Betrachtet man die deutsche Nahost-Berichterstattung hingegen durch die Brille der Kriegspropaganda, ergeben viele Veröffentlichungen weit mehr Sinn.

Den »Feind« dämonisieren und entmenschlichen und damit die eigene Gewalt rechtfertigen. Dieses Muster der Kriegspropaganda fand sich seit dem 7. Oktober auch immer wieder auf deutschen Zeitungsseiten und Fernsehbildschirmen wieder. Bei der Verbreitung von Gräuelpropaganda, also erfundenen Schreckensgeschichten, fiel vor allem die Bild immer wieder auf, etwa mit Schlagzeilen wie »Sie schnitten Babys die Köpfe ab«, »Hamas-Barbaren vergewaltigten sogar Leichen« oder »Haben Terroristen ein Baby im Ofen verbrannt?«.

Ähnliche Falschberichte etwa über die angeblich von der Hamas enthaupteten 40 Babys erschienen unter anderem auch in der B.Z., Welt, Focus, Tagesspiegel, taz, ZDF und vielen mehr. Richtig gestellt wurden sie bis heute nicht. Die Wirkung dieser Berichterstattung ist ohnehin nicht mehr zurückzunehmen.

»Die kollektive Verantwortungslosigkeit in deutschen Redaktionen irritiert umso mehr, ist ›Verantwortung‹ doch ein zentraler Begriff im Selbstverständnis von Journalismus.« 

Palästinenser als das absolut Böse, als Barbaren und neue Nazis, gegen die jedes Mittel recht sei. Diese Darstellung geschah in hunderten Medienbeiträgen auch ganz explizit. »Die Barbaren sind unter uns«, titelte die Bild. »Es ist wie einst mit Nazi-Deutschland – Es hilft nur noch die totale Niederlage« und »Free Palestine ist das neue Heil Hitler«, hieß es in der Welt. »Wer Gaza sagt, muss Dresden sagen«, lautete ein Beitrag in der taz. »Manchmal ist es notwendig zu töten, um das Morden zu beenden«: Diesen Namen gab Spiegel einer Talkrunde zu einem Zeitpunkt, als Israels Angriffe auf den Gazastreifen bereits über 9.000 Menschen das Leben gekostet hatten.

Auch die immer wiederkehrenden irreführenden und falschen Berichte über den Charakter der in Gaza und im Libanon von Israels Armee angegriffenen Ziele fügen sich in eine Kriegspropaganda, die jeden Ort als legitimes Angriffsziel markiert. Die systematische Zerstörung des palästinensischen Gesundheitssystems ging beispielsweise einher mit einer massiven Propagandakampagne Israels, in der fast jedes Krankenhaus in Gaza zur angeblichen Terror-Basis erklärt wurde.

Diese fand nicht nur über die offiziellen Kanäle Israels, sondern auch über deutsche Nachrichtenmedien statt, die die unbelegten Vorwürfe immer wieder prominent übernahmen oder gleich ganz als Tatsache verbreiteten. Die wochenlange Berichterstattung über eine angebliche »Hamas-Kommandozentrale« unter Gazas größtem Krankenhaus, der Al-Schifa-Klinik, ist nur eines von zahlreichen Beispielen. Dass sich die israelischen Terror-Vorwürfe in keinem einzigen Fall der 36 angegriffenen Krankenhäuser unabhängig bestätigen lassen haben – wie es unter anderem eine UN-Untersuchung im Oktober 2024 feststellte –, erfuhr der Großteil des deutschen Medienpublikums nie.

»Während Rundfunkräte und Landesmedienanstalten trotz hunderter Beschwerden weitgehend untätig blieben, gab der Presserat teils sogar eindeutigen Falschmeldungen seinen Segen.«

Auch den umfassenden Berichten über die systematische Tötung palästinensischer Medienschaffender standen deutsche Medien oftmals desinteressiert gegenüber. Schlimmer noch: Viele unterstützten das Morden sogar, indem sie sich an den Diffamierungskampagnen gegen palästinensische und libanesische Reporterinnen und Fotografen beteiligten. Die Beiträge »Wenn Journalisten auch Terroristen sein können« in der taz (später in »Können Journalisten Terroristen sein?« umbenannt), oder »Als Journalist getarnter Terrorist in Gaza getötet« (Bild über einen getöteten Al-Jazeera-Korrespondenten – später umbenannt in »Getöteter Journalist soll Terrorist gewesen sein«) oder »Israel greift Hamas-Kämpfer an« (Tagesschau über fünf von Israel getötete Journalisten) sind nur drei von hunderten Beispielen, in denen deutsche Medienschaffende ihre eigenen Kollegen und Kolleginnen zum Abschuss freigaben.

252 von Israel getötete Medienschaffende hat das Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) vom 7. Oktober 2023 bis 1. Dezember 2025 dokumentiert. Mehr als in jedem anderen Krieg jemals. Bei keinem einzigen gibt es handfeste Belege dafür, dass es sich um einen bewaffneten Kämpfer handelte (der einzige Grund, in dem die Genfer Konvention einen Angriff legitimieren würde).

Mediales Systemversagen

Auch in Deutschland sind gewissenhaft arbeitende Journalisten zunehmend Anfeindungen und Repressionen ausgesetzt. In vielen Redaktionen herrsche ein Klima der Angst, berichtete Reporter ohne Grenzen im April 2025. Angst vor Jobverlust, vor Shitstorms im Netz, vor Anrufen durch die israelische Botschaft, aber auch vor anderen Medien. Insbesondere die Bild startet seit dem 7. Oktober regelmäßig Kampagnen gegen unliebsame Medienschaffende.

Diffamierende und diskreditierende Hit Pieces erschienen auch in der FAZ, im Tagesspiegel, im Focus, in der taz, in der Jüdischen Allgemeinen, im ZDF und vielen mehr. Auch Aktivistinnen, Kulturschaffende, Wissenschaftler und Politikerinnen, die auf den wahren Charakter der israelischen Kriegsführung und die Folgen von Deutschlands Politik der Staatsräson aufmerksam machten, wurden regelmäßig Ziel medialer Diffamierungen. Die Kampagne der Bild gegen Wissenschaftler, die vor zunehmender Polizeigewalt warnten und der Tagesthemen-Kommentar, der pro-palästinensische Demonstranten mit der Hitler-Jugend verglich, sind nur zwei von Hunderten solchen Beiträgen.

Die Missstände des deutschen Nahost-Journalismus betreffen nicht nur nahezu das gesamte etablierte Mediensystem (unter den Tageszeitungen berichtete nur die marxistische Junge Welt konsequent abseits des Staatsräson-Narrativs). Sie gelten ebenso für Journalistenverbände, große Teile des Medienjournalismus sowie die journalistischen Kontrollgremien. Auch sie erwiesen sich oftmals mehr als Teil des Problems als der Lösung.

»Deutsche Leitmedien haben nicht nur einseitig und irreführend über Israels Angriffskriege und den Genozid in Gaza berichtet. Sie haben selbst eine tödliche Rolle in ihm gespielt.«

Während Rundfunkräte und Landesmedienanstalten trotz hunderter Beschwerden weitgehend untätig blieben, gab der Presserat teils sogar eindeutigen Falschmeldungen seinen Segen. Explizit nichts zu beanstanden hatte das Selbstkontrollgremium beispielsweise an der Bild-Fake-News »Sie schnitten Babys die Köpfe ab« sowie an den Bezeichnungen »Terror-Behörde« für die UNRWA und »Terror-Tuch«für das traditionelle palästinensische Kleidungsstück Kufiya.

Auch nach Selbstkritik, Verantwortungsübernahme und Konsequenzen innerhalb der Redaktionen sucht man nach über zweieinhalb Jahren Irreführungen, Einseitigkeiten und Diffamierungen weitgehend vergebens. Auch das unterscheidet die deutsche Medienlandschaft. Während in großen Medienhäusern in den USA oder im Vereinigten Königreich immer wieder einzelne oder teils Hunderte Mitarbeiter die Missstände im eigenen Haus öffentlich machten und öffentlichkeitswirksam Konsequenzen von ihren Vorgesetzten verlangten, wartet die deutsche Öffentlichkeit bis heute vergeblich auf den offenen Brief, in dem Tagesschau-Redakteurinnen den Rücktritt ihrer Vorgesetzten verlangen, taz-Mitarbeiter sich vom Rassismus in der eigenen Zeitung distanzieren oder die Zeit-Belegschaft eine Rückkehr zu journalistischen Standards fordert.

Die Selbstaufgabe der vierten Gewalt

Die kollektive Verantwortungslosigkeit in deutschen Redaktionen irritiert umso mehr, ist »Verantwortung« doch ein zentraler Begriff im Selbstverständnis von Journalismus. Journalismus ist mehr als nur zu sagen, was ist. Medien haben eine gesellschaftliche Funktion: Missstände öffentlich machen, die Mächtigen kontrollieren, öffentliche Meinungsbildung und damit demokratische Willensbildung ermöglichen. Doch auch in seiner Rolle als »vierte Gewalt« ist der deutsche Journalismus seit dem 7. Oktober weitgehend gescheitert.

Was wäre geschehen, wenn deutsche Medien versucht hätten, nach dem 7. Oktober der breit dokumentierten Realität in Gaza gerecht zu werden, anstatt sich in dem engen Rahmen von deutscher Staatsräson und israelischer Kriegspropaganda zu fügen? Wie lange hätten die deutsche Bundesregierung ihre bedingungslose Unterstützung Israels aufrechterhalten können, wenn Medien der deutschen Öffentlichkeit das wahre Ausmaß von Israels Gewalt in Gaza, Libanon und anderen Orten der Region vermittelt hätten? Wie viele Menschen hätten noch leben können, wenn Redaktionen ihre Berichterstattung an den Erkenntnissen von Reportern vor Ort, Menschenrechtlerinnen und Genozid-Forschern statt an den Behauptungen von Israels Armee ausgerichtet hätten? All das bleibt Spekulation.

Sicher ist: Deutsche Leitmedien haben nicht nur einseitig und irreführend über Israels Angriffskriege und den Genozid in Gaza berichtet. Sie haben selbst eine tödliche Rolle in ihm gespielt.

Fabian Goldmann arbeitet als Islamwissenschaftler und Journalist zu stereotyper und diskriminierender Berichterstattung über Migration, Islam und Nahost. Außerdem betreibt er den Blog »Schantall und die Scharia«. Er ist Autor des Buches »Staats(räson)funk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza«.