26. Juni 2026
Dunkle Sonnenbrillen, Maßanzüge und Handküsse? Solche Bilder aus »Der Pate« sind ein Klischee – in Wirklichkeit ist die Mafia ein knallhartes Wirtschaftsunternehmen, das Milliarden umsetzt und tief im legalen System verwurzelt ist.

Die Urteilsverkündung im Prozess um die »Mafia Capitale«.
Die Mafia ist eine verlässliche Geschäftspartnerin: Du musst Asbest entsorgen? Ruf sie an, sie löst dein Problem. Sie lädt das Zeug irgendwo ab. Sätze wie die des Journalisten Massimo Carlotto in einer italienischen Sonderausgabe des Jacobin hört man in Italien selten.
Wenn überhaupt, tauchen sie als Nebenbemerkungen in Abhörprotokollen auf, ohne dass das Wort »Mafia« explizit fällt. Das gängige Bild ist ein anderes: Die Mafia gilt als gewalttätig, rückständig, ein Relikt aus dem Süden. Ein kriminelles Problem, kein wirtschaftliches.
Solange man sie als kriminelle Randerscheinung ansieht, bleibt allerdings unverständlich, warum sie so überlebensfähig ist. Deutet man sie als politische, soziale und vor allem wirtschaftliche Akteurin, wie es auch in Italien einige Journalistinnen, Wissenschaftler und Aktivistinnen fordern, fällt die Einschätzung des Phänomens etwas anders aus.
Dann zeigt sich, dass die Mafia nicht nur ein Milieu zwielichtiger Männerbünde ist, die sich mit Knarren in dunklen Straßen herumdrücken. Sie erfüllt Funktionen, die der Markt produziert, aber offiziell nicht verantworten will, von der Bereitstellung illegaler Märkte für die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, die legal nicht angeboten werden dürfen oder sollen bis zu globalen Lieferketten.
Tatsächlich ist die Mafia hochmodern.
Dem Internationalen Währungsfonds zufolge beliefen sich illegale Erträge in Italien 2016 auf geschätzte 1,7 bis 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Spanne dieser Schätzungen zeigt, wie schwer das Feld zu erfassen ist. Expertinnen und Experten gehen eher vom höheren Ende aus, doch selbst am unteren Ende entspräche das einem zweistelligen Milliardenbetrag. Das ist keine Randökonomie, sondern ein nicht zu vernachlässigender makroökonomischer Faktor.
Die Einschätzung bezieht sich wohlgemerkt nicht nur auf Mafiageschäfte. Zu denen gibt es ebenfalls Vermutungen. Francesco Forgione, ehemaliger Präsident der Anti-Mafia-Kommission im italienischen Parlament, schätzte 2010: »100–130 Milliarden Euro ist der Jahresumsatz der Mafiaorganisationen, 30 bis 40 Prozent des Geldes fließt in den legalen Wirtschaftskreislauf. Die Grenze zwischen legaler und illegaler Wirtschaft verwischt und das heißt, die gesamte Wirtschaft ist von dem Problem betroffen.« Das Wirtschaftsforschungsinstitut Svimez veröffentlichte 2025 einen Bericht, laut dem im Zeitraum 2010 bis 2024 rund 61,4 Milliarden Euro per Geldwäsche wieder in die legale Wirtschaft integriert wurden. Tendenz steigend.
»Viele Geschäfte der Mafia gehen über klassische Vorstellungen von Wirtschaftskriminalität hinaus.«
Dieses Recycling von Geldern führt dazu, dass sich mafiöse Organisationen als gute Wirtschaftskontakte erweisen. Ohnehin ist das mit der Legalität so eine Sache: Steuervermeidung, Schwarzarbeit und die illegale Entsorgung von Industriemüll gibt es schließlich auch ohne Mafia. Aber sie hat ihren Platz in diesem System gefunden. Sie stellt keineswegs eine Wirtschaftsbremse dar, auch wenn das oft von Medien und Politik behauptet wird.
Im Gegenteil: Vieles deutet darauf hin, dass sie eher als Antriebskraft wirkt. Schließlich verfügt die Mafia aus dem internationalen Drogenhandel über einige Erfahrung mit Globalisierung – von Arbeitsausbeutung bis zu Verstrickungen mit Finanzmärkten. Die Mafia hat durch den internationalen Drogenhandel gelernt, komplexe grenzüberschreitende Netzwerke zu organisieren: Produktion in einem Land, Transport durch mehrere Staaten, Verkauf in anderen Märkten. Diese Fähigkeiten lassen sich auch auf legale Wirtschaftsbereiche übertragen.
Gerade die Verbindung zu Finanzmärkten erweist sich als wichtig, denn tatsächlich sind Banken laut dem IWF der für Geldwäsche anfälligste Kanal. Dafür sorgen ihre dominierende Stellung im Finanzsektor, die Bandbreite der angebotenen Produkte und allgemein die starke Verflechtung mit dem internationalen Finanzsystem.
»Wo Unternehmen verdienen wollen, Behörden wegsehen und Politiker profitieren, braucht es keinen direkten Zwang. Dann reicht Kooperation, damit mafiöse Netzwerke in Behörden und Rathäusern landen.«
Aber viele Geschäfte der Mafia gehen über klassische Vorstellungen von Wirtschaftskriminalität hinaus. 2014 wurde in der italienischen Hauptstadt ein Netzwerk aufgedeckt, das »Mafia Capitale« getauft wurde. Capitale heißt Hauptstadt, aber eben auch Kapital.
»Migranten bringen mehr ein als Drogen«, fasste der Hauptangeklagte Massimo Carminati sein Geschäftsmodell zusammen – natürlich in einem Abhörprotokoll. Es erzielte Gewinne im dreistelligen Millionenbereich mit Geflüchtetenunterkünften und weiteren öffentlichen Verträgen und Dienstleistungen, die zwar aus öffentlichen Geldern bezahlt, aber schlecht oder nie ausgeführt wurden.
Das Netzwerk verfügte über enge Verbindungen zu politischen, wirtschaftlichen und kriminellen Akteuren; unter ihnen der ehemalige Bürgermeister von Rom, der Präsident des Stadtrats von Rom und der Leiter der städtischen Abteilung für öffentlichen Wohnungsbau. Außerdem Geheimdienstmitarbeitende, verurteilte Rechtsradikale und Mitglieder der ‘Ndrangheta, aus Kalabrien, die derzeit als die relevanteste Mafia-Gruppierung in Italien gilt. Carminati beschrieb »Mafia Capitale« als »Zwischenwelt« (mondo di mezzo), in der Akteure aus Institutionen, Wirtschaft und organisierter Kriminalität kooperierten.
Das Corte di Cassazione, das oberste Gericht in Italien, entschied 2019, dass es sich dabei jedoch nicht um Mafia im juristischen Sinne, sondern lediglich um eine gewöhnliche kriminelle Vereinigung handele – mit entsprechend milderen Strafen. Diese Abgrenzung zur »echten Mafia« ergebe sich daraus, dass das Merkmal der Unterwerfung, zentrales Definitionskriterium für Mafia, wie im italienischen Gesetz festgelegt, nicht zu erkennen war. Schließlich hätten Politiker, Bürokratinnen und Businessleute ja freiwillig mitgemacht, so die Begründung des Gerichts. Dass die Gewalt in diesem Modell nicht die Beteiligten selbst trifft, sondern Geflüchtete, die in überfüllten Unterkünften jahrelang auf Bescheide warten, spielte juristisch keine Rolle.
»Je stärker sich mafiöse Netzwerke in professionelle und administrative Strukturen eingraben, desto schwieriger wird es, Mitgliedschaft juristisch nachzuweisen.«
Wo Unternehmen verdienen wollen, Behörden wegsehen und Politiker profitieren, braucht es keinen direkten Zwang. Dann reicht Kooperation, damit mafiöse Netzwerke in Behörden und Rathäusern landen. Das gilt nicht nur für die Mafia Capitale. Ein Kronzeuge der Camorra, einer der größten kriminellen Organisationen Italiens, die ursprünglich aus der Region Kampanien und dem Großraum Neapel stammt, beschreibt, dass diese keineswegs in ein fremdes, feindliches Umfeld eindringe, sondern in eines, das sie einlade. Die lokale Bevölkerung oder Unternehmer wollten selbst Regeln wie Steuern oder Gesetze umgehen und die Mafia biete dafür eben die Infrastruktur. Das ist eine pointierte Umkehrung der üblichen Wahrnehmung: Nicht die Mafia korrumpiert eine heile Gesellschaft, sondern sie findet korrupte Strukturen vor und macht sich diese zunutze. In dieser Darstellung ist sie die Dienstleisterin einer Unehrlichkeit, die schon vorhanden ist.
Natürlich sind solche Aussagen mit Vorsicht zu genießen. Klar ist aber: Je stärker sich mafiöse Netzwerke in professionelle und administrative Strukturen eingraben, desto schwieriger wird es, Mitgliedschaft juristisch nachzuweisen. Sie bewegen sich in professionellen Kontexten und fallen selten durch Schießereien auf. Die Mafia hat studiert; sie hat verstanden, dass die Zeiten sich ändern.
Die öffentliche Debatte in Italien illustriert genau dieses Missverständnis. Auch große Teile der Linken verkennen die ökonomische Rolle der Mafia und konzentrieren sich auf Einzelfälle. So wurde beispielsweise die Verhaftung von Matteo Messina Denaro als capo dei capi, Boss der Bosse 2023 gefeiert, als sei Sizilien wirklich noch das Zentrum der Mafia. Die Illegalität infiltriere kein ansonsten gesundes System, betont der bereits zitierte Massimo Carlotto: Das System funktioniere so, weil es die Mafia gibt. Es brauche sie.
Vielleicht verstehen Schriftstellerinnen und Schriftsteller die Macht von Erzählungen besser als andere. Die Mafia ist jedenfalls von so vielen Mythen umrankt, dass ihre tatsächliche Gestalt kaum noch erkennbar ist. Außerhalb Italiens prägen Filme und Serien wie Der Pate, Die Sopranos oder White Lotus 2 das Bild von stilisierter Gewalt, Familienloyalität und dunklen Anzügen. In Italien selbst schwankt der Diskurs: Mal gilt die Mafia als Relikt vergangener Zeiten, mal wird der Kampf gegen sie demonstrativ verschärft. Regierungschefin Meloni weist selbst jede Verbindung zurück und verweist ihrerseits auf einzelne Festnahmen, die als Regierungserfolge inszeniert werden. Zugleich musste im März diesen Jahres ihr Justizstaatssekretär zurücktreten – wegen Geschäftsbeziehungen zur Camorra.
Die Aufmerksamkeit richtet sich weiterhin vor allem auf Sizilien, Kampanien und Kalabrien und ist häufig verbunden mit kulturellen Zuschreibungen. Und das, obwohl laut dem Svimez-Bericht nord- und mittelitalienische Regionen besonders stark von Geldwäsche und Reinvestitionen betroffen sind. Über 80 Prozent der illegalen Gelder landen in den wirtschaftlich stärkeren Regionen. Die Mafia ist kein süditalienisches Folkloreproblem, sondern ein gesamtitalienischer Wirtschaftsfaktor.
»Die Mafia ist in die staatliche Ordnung eingebunden, bleibt aber kriminalisierbar.«
Hinzu kommt: Auch die staatlichen Definitionen davon, was als »Mafia« gilt, sind historisch gewachsen und eng mit der Entstehung des italienischen Staates verbunden. Wer das Phänomen verstehen will, muss deshalb nicht nur auf Kriminalität blicken, sondern auf politische und ökonomische Strukturen. Der sizilianische Schriftsteller und Politiker Leonardo Sciascia schrieb 1961 mit Der Tag der Eule den ersten Roman über die Mafia. Darin lässt er einen Charakter das Phänomen so erklären:
»[…] die Mafia war und ist […] ein ›System‹, das in Sizilien Wirtschafts- und Machtinteressen einer Klasse beinhaltet und bewegt, die wir grob als bürgerlich bezeichnen können; und sie entsteht und entwickelt sich nicht im ›Vakuum‹ des Staates (d.h. wenn der Staat mit seinen Gesetzen und Funktionen schwach ist und fehlt), sondern ›innerhalb‹ des Staates. Kurz gesagt, die Mafia ist nichts anderes als eine parasitäre Bourgeoisie, eine Bourgeoisie, die nicht unternehmerisch tätig ist, sondern nur ausbeutet.«
Sciascia sah den Kern der Mafia in ihrer offenen Ausbeutung. Die Mafia ist in die staatliche Ordnung eingebunden, bleibt aber kriminalisierbar. Im legalen Kapitalismus garantiert der Staat Eigentumsschutz und Vertragsdurchsetzung. Er kontrolliert theoretisch Umweltstandards oder Menschenrechte. Die Mafia verhandelt all das informell und situationsbedingt. Genau das macht sie, so zynisch es klingt, für manche zur attraktiven Geschäftspartnerin: Im Fall der Mafia Capitale erledigt sie Aufgaben, die offiziell niemand übernehmen darf.
Der Unterschied zu legalen Unternehmen liegt also weniger in der Profitlogik als in der Rechtsform. Juristisch gilt die Mafia als Störung der Ordnung, faktisch erfüllt sie aber zentrale Funktionen innerhalb dieser Ordnung. Sie operiert außerhalb des Rechts und durchdringt zugleich wirtschaftliche Abläufe. Die juristische Definition aus den 1980er Jahren reicht nicht, um dieses Spannungsverhältnis zu erfassen.
»Wo reguläre Arbeit fehlt, werden informelle und illegale Ökonomien für Menschen zur Überlebensstrategie.«
Der sizilianische Soziologe Umberto Santino, Gründer des ersten unabhängigen Recherchezentrums zur Mafia (Centro Siciliano di Documentazione), beschreibt das Verhältnis von Mafia und Kapitalismus als historisch gewachsen. Bereits im Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus entstanden Organisationen mafiöser Art. Auf Sizilien bildeten sich in Phasen schwacher Staatlichkeit Gruppen heraus, die Eigentumsrechte gewaltsam durchsetzten. Zwischen Erpressung, Viehdiebstahl und gewaltsamer Aneignung entstand Mafia dort, wo Ressourcen neu verteilt wurden und das staatliche Gewaltmonopol nicht griff.
In Ländern mit ausgereiftem Kapitalismus entstehen mafiöse Organisationen unter anderen Bedingungen. Besonders deutlich wird das am Beispiel der USA. Migration, Ghettoisierung und ethnische Diskriminierung führten dazu, dass sich Gruppen bildeten, die sich in marginalisierten Milieus organisierten, teils mit bereits vorhandenen kriminellen Erfahrungen, teils als Reaktion auf soziale Ausschlüsse. Hinzu kamen staatliche Verbote. Die Prohibition von Alkohol, später die Drogenpolitik, überließen kriminellen Gruppen faktisch das Monopol von Produktion und Vertrieb hochprofitabler Konsumgüter. Wenn der Staat rentable Güter verbietet, entstehen Märkte, die von anderen bedient werden. Die enormen Gewinne stabilisierten und professionalisierten diese Organisationen dauerhaft.
Die dritte Phase ist die des globalisierten Finanzkapitalismus. Hier verändert sich die Rolle der Mafia grundlegend. Sie steht nicht mehr nur »außerhalb« der legalen Wirtschaft, sondern wird Teil ihrer Funktionsweise. Während sie früher von staatlicher Schwäche oder Verboten profitierte, nutzt sie heute die Dynamik globaler Kapitalströme. Geld kann international schnell verschoben werden. Steueroasen, Offshore-Konten und schwer durchschaubare Finanzprodukte erleichtern es, legales und illegales Kapital zu vermischen.
»Mafia nutzt das Gewaltmonopol des Staates vor allem dort, wo er wegschaut.«
Globalisierung verschärft außerdem das Gefälle zwischen ökonomischen Zentren und Peripherien. Wo reguläre Arbeit fehlt, werden informelle und illegale Ökonomien für Menschen zur Überlebensstrategie. Anderswo treffen große Kapitalmengen auf Deregulierung. In diesem Gefüge agiert die Mafia nicht nur als »Unterwelt«, sondern als Investorin, Bauunternehmerin oder Geschäftspartnerin legaler Firmen. Auch Rassismus und Abschottung spielen dabei eine Rolle. Sie produzieren Prekarität und rechtliche Grauzonen und damit genau die Bedingungen, unter denen illegale Märkte wachsen. Mafiöse Organisationen profitieren von dieser Entrechtung.
Umberto Santino spricht deshalb von »kriminellem Kapitalismus«. Die Mafia ist in dieser Phase kein bloßer Störfaktor, sondern operiert nach denselben Grundprinzipien wie große Marktakteure: Profitmaximierung, Nutzung regulatorischer Lücken und Ausbeutung sozialer Ungleichheit. Mafia nutzt das Gewaltmonopol des Staates vor allem dort, wo er wegschaut. Wer dabei nur die illegale Asbestladung sieht, übersieht die politischen und ökonomischen Strukturen, die solche Geschäfte möglich und profitabel machen
Miryam Frickel ist Politikwissenschafterin. Sie hat zur sizilianischen Mafia und situiertem Wissen über sie promoviert.