Am 19. Juni hat Kolumbien mit Gustavo Petro einen Linken zum Präsidenten gewählt. Dieser Sieg ist ein Durchbruch in der Geschichte des Landes, das seine Unabhängigkeit von Spanien erst 1819 erlangte. Denn lange Zeit schien es, als sei die kolumbianische Politik immun gegen den linken Aufbruch, der sich in anderen Teilen Lateinamerikas vollzog.
Petros Vizepräsidentin, Francia Márquez, ist die erste Afrokolumbianerin in diesem Amt, was den Wahlsieg noch bedeutender macht. Noch vor wenigen Jahren schien es undenkbar, dass in Kolumbien ein Linker die Wahlen gewinnt und das Amt des Präsidenten übernimmt. Damit werden Ungleichheit und Armut, Menschenrechte und Umweltschutz zum ersten Mal ganz oben auf der Agenda einer kolumbianischen Regierung stehen. Doch werden Petro und Márquez ihre Ziele auch umsetzen können? Um ihre Erfolgsaussichten einzuschätzen, lohnt sich ein Blick auf die kurz- und langfristigen Faktoren, die Petro zum Sieg verhalfen.
Die Ergebnisse
Die Stichwahl fiel knapp aus, das hatte sich bereits seit Wochen in Umfragen abgezeichnet. Gustavo Petro lag mit 11,2 Millionen Stimmen und 50,44 Prozent nur 3 Prozent vor seinem rechtskonservativen Herausforderer Rodolfo Hernández, der mit 10,6 Millionen Stimmen 47,31 Prozent erringen konnte. Obwohl Hernández seine autoritären Ambitionen offen aussprach und nur knapp unterlag, akzeptierte er seine Niederlage. Auch der amtierende Präsident Iván Duque und der Ex-Präsident Álvaro Uribe – beides Rechte – gratulierten Petro, obwohl sie sich ihm zuvor vehement entgegengestellt hatten.
Im Gegensatz dazu hatten etwa Donald Trump in den USA oder Keiko Fujimori in Peru ihre Wahlniederlagen auf vermeintlichen Wahlbetrug geschoben. Das erschwerte es Joe Biden und Pedro Castillo, ihre jeweiligen Länder als rechtmäßig gewählte Präsidenten zu regieren. Durch die Anerkennung des eigenen Misserfolgs unterscheidet sich die kolumbianische Rechte auch vom brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Da er die bevorstehenden Wahlen im Oktober wahrscheinlich gegen den ehemaligen linken Präsidenten Lula verlieren wird, verbreitet Bolsonaro schon jetzt falsche Behauptungen, um Zweifel an der Integrität des brasilianischen Wahlsystems zu schüren.
Beim ersten Wahlgang am 29. Mai holte Petro in ärmeren Gegenden und größeren Städten besonders viele Stimmen. Hernández wiederum war in vielen kleineren Gemeinden stark, die hauptsächlich im Osten und im Zentrum des Landes liegen. In der ersten Runde lag Petro in 412 von insgesamt 1.124 Gemeinden vor Hernández, während er bei der Stichwahl am 19. Juni in nur 402 Gemeinden gewinnen konnte. Die zusätzlichen 2,7 Millionen Stimmen, die Petro in der Stichwahl erringen konnte, kamen überwiegend aus Gegenden, in denen er bereits in der ersten Runde ein gutes Ergebnis erzielt hatte.
Der Schlüssel zum Sieg von Petro und Márquez waren eindeutig städtische Ballungszentren. In der Hauptstadt Bogotá, die zugleich die größte Stadt des Landes ist, erhielt Petro beim zweiten Wahlgang fast 500.000 Stimmen mehr als beim ersten – das ist ein Zuwachs von über 23 Prozent. Aber auch in anderen, weniger urbanisierten Regionen, in denen Petro gut abgeschnitten hatte, wie in Magdalena im Norden des Landes, in Nariño im Südwesten und in Amazonas im Süden, konnte er Zugewinne erzielen. Lediglich im Osten des Landes, vor allem in Santander und Norte de Santander, wo die Unterstützung für Hernández größer war, konnte Petro kaum Stimmen dazugewinnen.
Gustavo Petro trat bereits 2018 zur Präsidentschaftswahl an. Damals verlor er in der Stichwahl gegen den jetzt scheidenden Präsidenten Duque. Im Vergleich dazu gewann Petro dieses Jahr die Unterstützung von 141 zusätzlichen Gemeinden (rund 10 Prozent aller Gemeinden). Die Wahlprognosen für Petro fielen für beide Wahlen sehr ähnlich aus (siehe Abbildungen 1 und 2). Doch der diesjährige Sieg ist das Ergebnis dramatisch erweiterter Vorsprünge, mit denen die Rechte nicht gerechnet hatte.
Das zeigte sich nirgendwo so deutlich wie in der Pazifikregion, dem ärmsten Landstrich Kolumbiens mit dem höchsten Anteil afrokolumbianischer und indigener Bevölkerungsgruppen. In insgesamt 34 Gemeinden erzielten Petro und Márquez ein Wahlergebnis von mehr als 90 Prozent. Dr. Manuel Rozental, ein Arzt und Aktivist aus der Region, schilderte Democracy Now seine Eindrücke: »Indigene Völker aus dem Dschungel der kolumbianischen Pazifikküste nahmen eine zwei Tage lange Reise auf sich und kamen in Kanus auf den Flüssen an, um bei dieser Wahl ihre Stimme abzugeben. Dieses Bild werden wir hier nie vergessen.«